24.06.2021

Jahresserie: "Beste Freunde": Freunde in der Not

Die Nagelprobe für die Freundschaft

Welche Rolle haben Freunde in schweren Zeiten? Darüber hat Hans-Joachim Stoehr mit Dr. Oswald Post gesprochen. Post war viele Jahre Leiter einer katholischen Schule in Fulda. Und er ist Vater eines Kindes mit Behinderung.


Gutes Zuhören ist eine wichtige Grundlage für eine gute Freundschaft.


„Freunde“ gibt es in sozialen Netzwerken zuhauf. Wenn es aber im Leben hart auf hart kommt, bleiben meist nur wenige übrig. Der frühere Schulleiter Dr. Oswald Post ist für solche Freunde vor allem eins – dankbar.
„Eine gute Freundschaft zeigt sich daran, dass man sich gegenseitig gut zuhört und den Weg des anderen mitgeht.“ Für Dr. Oswald Post, vor seiner Pensionierung im vergangenen Jahr Leiter der Fuldaer Marienschule, besteht die Nagelprobe von Freundschaften dann, wenn eine schwierige Situation wie eine Krankheit auftritt. „Da differenziert sich wahre Freundschaft, etwa, wenn Leute vor dem Leid fliehen, nicht darüber reden wollen oder sich zurückziehen“, hat der Pädagoge beobachtet.
Für Post zeigt das einen Mangel an Solidarität mit Menschen, die durch Krankheit oder aus anderen Gründen am Rand der Gesellschaft stehen. Dem entgegen steht das Leistungsdenken, das in der Gesellschaft verbreitet ist. Der Pädagoge erinnert sich an Situationen in der Schule, in denen Schülerinnen ihren Erwartungen oder denen ihrer Eltern nicht gerecht wurden. „Ich habe dann mit den Eltern gesprochen, vor allem aber zugehört. Und ich habe versucht, Alternativen aufzuzeigen“, so Post. Es sei wichtig, bei Erfahrungen von Leid mit den Menschen mitzugehen statt sich abzuwenden und – noch schlimmer – über sie zu urteilen.
Der Pädagoge erinnert sich an ein Erlebnis aus seiner Studienzeit in Kassel. Da fuhr er mit drei Mitstudenten, einer davon saß im Rollstuhl, nach Rom. „Wir waren sicher, dass wir das etwa beim Ein- und Aussteigen im Zug hinbekommen. Am Kasseler Bahnhof kam ein Mann auf uns zu. Er gab unserem Freund im Rollstuhl eine Mark und sagte dazu: ,Kauf dir davon ein Bier– und dann schmeiß dich vor den Zug!‘ “ Für Post ein drastischer Hinweis darauf, wie viel auch heute noch zu tun ist beim Umgang mit Menschen, die nicht in das Schema des Gesunden und Perfekten passen. „Diesen Leuten ist überhaupt nicht klar, dass Gesundheit ein Geschenk ist. Das kann ich mir nicht verdienen.“

Freunde sind auch in Leiderfahrungen unkompliziert, offen und herzlich

Der frühere Religionslehrer Post verweist auf die Bibel, konkret auf das neunte Kapitel des Johannesevangeliums. Da wird die Begegnung von Jesus mit einem Blindgeborenen geschildert, den Jesus heilt. Die Umstehenden stellen dabei die Frage: Wer hat gesündigt, der Blindgeborene oder die Eltern? Post: „Jesu Antwort verwundert: Keiner hat gesündigt. ,An ihm soll das Werk Gottes offenbar werden‘.“ Das heißt für mich: Jesus rückt diesen Menschen in die Mitte.“
Der Pädagoge erinnert sich in diesem Zusammenhang an ein Erlebnis, das ihm sehr weh tat. Hintergrund war die Geburt des dritten Kindes, das mehrfach behindert ist. Er habe dann von der Reaktion einer Frau aus der Gemeinde erfahren, die sagte: „Wie kann das denn diesen Leuten passieren. Die sind doch beide im kirchlichen Dienst “, erinnert sich Post, dessen Frau als Gemeindereferentin im Bistum Fulda tätig war.
Die Reaktion seiner Freunde war anders. Sie haben zugehört und mitgetragen. Und nicht Vorwürfe gemacht wie etwa: „Musste das Kind denn geboren werden? Da gibt es doch heute andere Möglichkeiten.“ Seine Freunde zeigen statt Vorwürfen Verständnis und Sympathie. Bei Treffen ist die behinderte Tochter ganz selbstverständlich mit dabei. Sie gehört so, wie sie ist, mit dazu. Sehr angenehm ist es, wenn Freunde auch nach Leiderfahrungen im Umgang sind wie zuvor: unkompliziert, offen und herzlich. „Mitleid und Bedauern helfen da nicht“, so der Pädagoge.

Dr. Oswald Post, Schulleiter im
Ruhestand, zählt Nähe, Austausch
und Zuhören zu Qualitäten einer
Freundschaft.

Außerordentlich berührt waren Post und seine Familie, als sie erfahren durften, wie die Kirchengemeinde am Heimatort die Erstkommunion ihrer behinderten Tochter mitgetragen und mitgefeiert hat. „Die vielen Geschenke und Glückwünsche waren sehr persönlich und liebevoll“, erinnert sich Post.
Ebenfalls auf Unverständnis stieß bei manchen, dass das Ehepaar Post die Eltern im Alter zuhause pflegte. So kam etwa der Hinweis, sie seien dadurch doch in ihrem Leben stark eingeschränkt. Post dazu: „Als ob Menschen, die Angehörige pflegen, weniger Lebensqualität hätten. Dass wir die haben, dafür sorgen auch gute Freunde. Als mein Vater im Sterben lag, sagte mir einer: ,Wenn du nicht weiter weißt, ruf mich an. Wir finden einen Weg‘. Das hat geholfen.“ Zudem hat Post erkannt: „Wenn man selbst über die eigenen Leiderfahrungen offen spricht, hilft das anderen, sich auch zu öffnen.“
„Wahre Freunde kann man an den Fingern abzählen“, ist Post überzeugt. Er macht daher den Unterschied zwischen Freunden und Bekannten. Er verweist auf die sozialen Netzwerke wie beispielsweise Facebook, wo ebenfalls viele „Freunde“ anzutreffen sind. „Dabei wird man als Person daran gemessen, wie viel Freunde – ,Follower‘ – man im Netz hat. Und dies können über Tausende sein.“ Selbst bei Freundschaften gelte somit das in der Gesellschaft verbreitete Leistungsdenken.
Der Freundeskreis von Post reicht zum Teil zurück in die Jugendzeit und da in das Engagement in der kirchlichen Jugendarbeit. Das verbindet – etwa das solidarische Verhalten gegenüber den Schwächeren – auf globaler Ebene, aber auch durch nachhaltiges Verhalten im eigenen Umfeld.

Schöne Stunden schaffen Vertrautheit fürs Schwere

Durch mehrere Umzüge wegen beruflicher Veränderungen sind jedoch einige Freundschaften zum Erliegen gekommen. „Wobei die Intensität einer Freundschaft sich nicht daran misst, wie oft wir uns treffen. Auch wenn längere Zeiträume dazwischen liegen, ist es dann so, als wäre es gestern gewesen“, erklärt Post.
Der Pensionär ist froh, dass zu seinem Freundeskreis nicht nur Theologen oder Lehrer zählen. „Das wäre ja langweilig.“ Dazu gehört ein Arbeiter genau so wie ein Jurist oder Ingenieur. Einer der Freunde hat sich beispielsweise vom Glauben distanziert. Post: „Wir diskutieren da kräftig miteinander. Zum Beispiel lassen wir uns bei einer Wanderung im Freundeskreis etwas zurückfallen, um dann die unterschiedlichen Standpunkte auszutauschen.“
Wahre Freundschaft bewährt sich in schweren Stunden. Aber sie beschränkt sich nicht darauf. Im Gegenteil: „Die schönen gemeinsamen Stunden, in denen wir Spaß haben und viel miteinander lachen, schaffen die Vertrautheit, auch in schweren Stunden zusammenzuhalten.“
Und dazu gehört auch der Beistand bei einem endgültigen Abschied, dem Tod eines geliebten Menschen. „Da gehört es auch dazu, dass wir in die Leichenhalle gingen, um persönlich Abschied zu nehmen von dem Angehörigen eines Freundes. Aber auch beim Gang zum Grab und beim ,Tröster‘, dem Zusammensein nach der Beerdigung, haben wir den Angehörigen des Gestorbenen einfach durch unser Da-Sein versucht, Halt zu geben.“ Freundschaft in schweren Stunden.

Von Hans-Joachim Stoehr