10.07.2019

Dürfen Christen Tattoos tragen?

„Kathedralen des Selbst“

Jede(r) fünfte Deutsche trägt eins, bei Jüngeren sogar schon jede(r) Vierte: Tattoos liegen voll im Trend. Noch nicht lange vorbei sind die Zeiten, wo eine solche Körperzeichnung als Stempel aus kriminellen Milieus galt. Heute dagegen scheint beispielsweise im Spitzensport niemand mehr für die erste Elf nominiert zu werden, der kein Tattoo trägt.

Foto: Mikaël de Poissy, Paris. Aus dem Buch: „Tattoo und Religion“, herausgegeben von Paul-Henri Campbell mit freundlicher Genehmigung des Verlags „Das Wunderhorn“
Inspiriert von den mittelalterlichen Glasfenstern in französischen
Kathedralen: Der Künstler Mikaël de Poissy tätowiert in seinem
Atelier bei Paris religiöse Motive auf große Körperpartien.
Foto: Mikaël de Poissy, Paris. Aus dem Buch: „Tattoo und Religion“,
herausgegeben von Paul-Henri Campbell mit freundlicher
Genehmigung des Verlags „Das Wunderhorn“

In christlichen Kreisen wird die Diskussion über Erlaubt-oder-nicht-Erlaubt von zwei Extremen aus geführt: Hier die Vertreter einer vermeintlich alten Lehre, die strikt gegen dieses „Verunstalten“ des eigenen Körpers sind; dort all jene, die darin dagegen sogar eine Form des Glaubensbekenntnisses sehen.

Die Gegner von Tattoos berufen sich vor allem auf eine Stelle aus dem Alten Testament. Dort heißt es im Buch Levitikus: „Für einen Toten dürft ihr keine Einschnitte auf eurem Körper anbringen und ihr dürft euch keine Zeichen einritzen lassen.“ (19,28) Im Judentum sind Tattoos deshalb bis heute nicht gewollt. Und auch im Lauf der christlichen Kirchengeschichte wurden sie immer wieder verboten.

Doch wer die Bibel so als Gesetzbuch auslegt, der müsste auch gegens Haareschneiden plädieren. Schließlich steht im Vers zuvor in Levitikus: „Ihr sollt euer Kopfhaar nicht rundum abschneiden. Du sollst deinen Bart nicht stutzen.“

Wer in der Altstadt von Jerusalem einmal erleben konnte, mit welch tiefem Glauben Wallfahrer aus der arabischen Welt sich ihr Pilgerkreuz in den Unterarm stechen lassen, mag zumindest einmal über den Gedanken der Tattoo-Befürworter nachdenken: ein Glaubensbekenntnis.

In einem gerade erschienen Buch hat Paul-Henri Campbell eine Fülle von Annäherungen an religiöse Motive und Motivationen in der Welt von Tätowierern und Tätowierten zusammengetragen. Der Mitarbeiter der Erwachsenenbildung im Bistum Limburg legt hier ein tiefgründiges Plädoyer für einen geweiteten Horizont vor. Fundiert mit theologischen und kulturanthropologischen Argumenten. Spannende Lektüre – auch, wenn man sich nicht sogleich selbst einen Christus-Kopf oder einen Rosenkranz in die Haut stechen lassen mag. (job)

 

Das Buch „Tattoo und Religion. Die bunten Kathedralen des Selbst“ ist herausgegeben von Paul-Henri Campbell und erschienen im Verlag Das Wunderhorn; 192 Seiten, 29,80 Euro