26.07.2018

Sommerserie 2018 – Teil 4

Ein christlicher Ort seit rund 1000 Jahren

„Mit Jesus in der Sommerfrische.“ So heißt die Sommerserie. Wir besuchen Kurstädte an den Rändern der Bistümer Fulda, Limburg und Mainz. Wo gibt es spirituelle Orte? Wo treffe ich Gott? Vierte Station ist Bad Karlshafen im Weserbergland. Im Ortsteil Helmarshausen beeindruckt christliche Buchmalerei. Von Bernhard Perrefort und Evelyn Schwab.

Krönungsbild Foto: Bernhard Perrefort
Prachtvolles Krönungsbild aus dem Evangeliar Heinrichs des Löwen (Ausschnitt), von dem es im Heimatmuseum Bad Karlshafen-Helmarshausen ein Faksimile gibt. In der oberen Bildhälfte ist Christus zu sehen, in der unteren Heinrich mit seiner Mathilda. Abgebildet sind ebenfalls Apostel, Heilige, Bischöfe und die Eltern des Paares.
Foto: Bernhard Perrefort

Historisch ist sie, die Altstadt von Bad Karlshafen. Und wie der Name schon sagt, hat die Stadt zwischen Weser und Diemel einen Hafen, einen barocken sogar, im Zentrum gelegen. Von Landgraf Carl von Hessen-Kassel (1654 bis 1730) erbaut, sollte durch ihn als Ausgangspunkt eines Kanalprojektes bis Kassel die Zollabgabe im hessischen Weserhandel umgangen, Zugänge zum Meer und zum Rhein geschaffen werden. Das Projekt blieb unvollendet. Zur Zeit ist Deutschlands ältester Binnenhafen eine riesige Baustelle, um ihn an die Weser anzubinden und für kleine Yachten und Sportboote befahrbar zu machen.

Das wirkt sich auf das Stadtpanorama aus. Hafenbecken und Kanäle führen kein Wasser. Trotzdem behält Bad Karlshafen Charme. Außerdem versucht die Stadt, durch ein Baustellenbegleitprogramm Unannehmlichkeiten auszugleichen, zum Beispiel mit dem Stadt-Kultur-Festival vom 31. August bis 1. September. Es findet zum Teil „auf der kleinsten Hafenbühne der Welt“ statt. Im Publikum sitzen werden sicher viele Fahrrad- und E-Bike-Touristen, die ihre Touren an Weser und Diemel entlang unternehmen.

„Paradies“ und Glaubensflüchtlinge

Ein architektonisches Kleinod sind die typischen weißen Barockbauten beidseits des Hafenbeckens. Dazu zählen das historische Rathaus ebenso wie das Zollhaus oder die einstige Thurn- und Taxis`sche Postverwaltung. Bad Karlshafen im Dreiländereck Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ist allemal ein lohnenswertes Ziel für einen Besuch.

Aber findet man dort auch Jesus? Bei vielen mit der Frage konfrontierten Menschen ernten wir staunende Blicke – ob in der Wesertherme, in einer Werbeanzeige als „Paradies“ bezeichnet, an der Anlegestelle des Weserschiffes „Hessen“ oder auf dem Hafenplatz. Eine ältere Frau mit Einkaufstrolley nennt immerhin die katholischen und evangelischen Kirchen in der Stadt selbst oder im Stadtteil Helmarshausen. Weiter helfen uns die freundlichen Damen der Kur- und Touristik-Information. Sie empfehlen das Deutsche Hugenottenmuseum und erwähnen christliche Wurzeln im Stadtteil Helmarshausen.

Im Hugenottenmuseum sitzt Heike Thormeyer an der Kasse. Dokumentiert wird dort vor allem die Geschichte der französischen Protestanten, der Anhänger der Lehre Calvins. Ihre Verfolgung und Unterdrückung löste einst eine große Fluchtbewegung aus. Die Frage nach Jesus beantwortet Thormeyer sofort und nennt die 1708 fertiggestellte Kapelle im sogenannten Invalidenhaus, lange als Gotteshaus der neuapostolischen Gemeinde genutzt. Heute ist das ursprünglich als Altersruhesitz für Offiziere und Soldaten des hessischen Heeres erstellte Gebäude im Privatbesitz und für Besucher nicht zugänglich. Außerdem verweist sie – im übertragenen Sinne – auf das Kultur-Café mit vielen Angeboten in der Carlstraße, das die Integration der neuen Flüchtlinge des 21. Jahrhunderts fördern soll.

Glaubensflüchtlinge waren es also, die 1699 die Stadtgründung möglich machten. Landgraf Carl wollte die Hugenotten aus Frankreich aufnehmen, durchaus aus wirtschaftlichen Erwägungen. Denn Karlshafen sollte als Manufaktur- und Handelsstadt erblühen. Jesus habe sich darin gezeigt, dass diese aus ihrer Heimat geflohenen Menschen überhaupt eine neue Bleibe fanden, überlebten, neu hofften, meint Thormeyer. Recht hat sie, und so entdecken wir die Zusammenhänge auf drei Etagen des Museums in einer ehemaligen Tabakfabrik.

Fünf Familien mit altem Namen leben noch in Karlshafen

Von etwa 800 000 Hugenotten in Frankreich verließen aus Angst um ihr Leben um 1685 rund 200 000 ihr Land. Fünf Familien mit alten Namen lebten noch heute in Bad Karlshafen, wie Heike Thormeyer erzählt. Ein wenig Stolz schwingt in ihren Worten mit. Ebenfalls siedelten sich einige Waldenser an. Auch davon erfahren wir etwas, genauso wie über das Anfertigen von Zigarren an his-torischen Arbeitsplätzen.

Ebenfalls ein Hugenotte, der Arzt und Apotheker Jacques Galland, entdeckte 1730 in der noch jungen Stadt eine Solequelle. Später entstand ein Salinenbetrieb. Nach der Stillegung 1835 entwickelte sich die Nutzung der Sole zu medizinischen Zwecken. Im Laufe vieler Jahrzehnte wurden entsprechende Bauten errichtet, um Menschen mit Rheuma oder auch Hauterkrankungen zu behandeln. Seit 1977 darf die knapp 4000 Einwohner zählende Stadt Karlshafen den Namensbestandteil „Bad“ führen.

Katholiken in der Region Karlshafen leben in ursprünglich protestantischer Umgebung. Erst nach 1945 siedelten sich zahlreiche Flüchtlinge und Vertriebene des Zweiten Weltkriegs mit katholischer Konfession an, viele kamen aus dem Sudetenland und blieben ihrem Glauben in der neuen Heimat treu. Ein Besuch in Karlshafens Kirche St. Michael, die 2016 ihr 60-Jahr-Jubiläum beging. Wir blättern durch die dort ausliegende Festschrift: Dankbarkeit und ebenso Zukunftssorgen werden geäußert. Tenor der Beiträge: Die Glaubensbegeisterung der Menschen habe nachgelassen. Ein mutiges spontanes Klingeln bei Pfarrer Thomas Steinrücken. Er würde sich gerne kurz Zeit für uns nehmen, muss aber zur heiligen Messe nach Lippoldsberg aufbrechen, die er an diesem Nachmittag dort im Gemeinderaum hält.

Eine Burg und ein Kloster in enger Verbindung

Heilig-Grab-Kirche auf dem Krukenberg Foto: Evelyn Schwab
Baupläne aus dem Orient: die Heilig-Grab-Kirche auf dem Krukenberg.
Foto: Evelyn Schwab

Weiter geht unsere Erkundungstour – nun mit dem Auto – in den Stadtteil Helmarshausen. Wir wollen zur Krukenburg oberhalb des Ortes. Ihre Geschichte ist eng verbunden mit einem ehemaligen Kloster (997 bis 1538). Auf der steilen Anhöhe wurde die Anlage zwischen 1215 und 1220 zum Schutz der Abtei unten im Ort wehrhaft befestigt. Aber vermutlich schon lange vor dem Klosterbau befand sich auf dem Berg eine christliche Taufstätte mit einer Holzkirche. Eine Steinkirche folgte 1107.

Nach kurzem steilen Aufstieg betreten wir die Anlage aus Ruinen von Wehr- und Wohngebäuden. Und mitten in der Burg stehen sie, die Reste einer Kirche mit ungewöhnlichem Grundriss. Kreuz um Rotunde, angelehnt an die Grabeskirche in Jerusalem. Die Pläne dieser Kreuzkuppelkirche stammen aus dem Orient. Wino, einer der frühen Äbte des Klosters Helmarshausen, soll sie von einer Jerusalem-Wallfahrt 1033 mit nach Hause gebracht haben. Ein Jahrhundert nach der Erbauung der Bergkirche entstand die klassische Burganlage mit Türmen, Graben und Tor. Mit der Auflösung des Klosters Helmarshausen im Zug der Reformation 1538 verlor auch die Burg an Bedeutung und verfiel. Nun wollen wir aber sehen, welche Spuren der einstigen freien Reichsabtei heute noch zu finden sind. Also zurück in den Kernort. Er zählt zu Nordhessens ältesten Siedlungen.

Kunstvolle Erzeugnisse aus der Schreibstube der Abtei

Ein Königshof „Helmerateshusa“ wird erstmals 944 erwähnt. Ende des 10. Jahrhunderts war er im Besitz eines Grafenpaars. Eckhard und Mathilde von Reinhausen gründeten auf den Tod eines Sohnes hin die Stiftung für das Benediktinerkloster. Der Konvent der Abtei Helmarshausen war bekannt für kunstvolle Erzeugnisse aus seinem Skriptorium und seiner Gold- sowie Silberschmiede. Das alles ist Geschichte. Die Gebäude wurden anders genutzt oder verfielen. Beim Ortstermin stoßen wir lediglich auf den Grundriss der Klosterkirche, durch Steinplatten auf dem Boden angedeutet.

Spannend ist ein Blick in das Museum des Heimatvereins Helmarshausen. Dort gibt es ein Faksimile des berühmtesten Werks aus dem Kloster-Skriptorium: das Evangeliar Heinrichs des Löwen. Das Original befindet sich in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Im August 1983 wurde die bereits Jahrhunderte zuvor in Helmarshausen entstandene Handschrift für Deutschland ersteigert. Sie erzielte „den sagenhaften Preis von 32,5 Millionen D-Mark und galt lange als das teuerste Buch der Welt“. Pure Begeisterung klingt aus diesen Worten von Wolfgang Frohmüller, der das Museum in der Poststraße 40 ehrenamtlich betreut.

Kontakt: Telefon 05672 /789

Eine Stadtführung in Bildern gibt's hier.

SERVICE - Tipps: So wird der Tag rund

  • Im Rathaus von Bad Karlshafen das Idealmodell der Stadtanlage ansehen. Die nicht verwirklichte Vision des Gründers Landgraf Carl zu Hessen anno 1699: Wasserweg bis Kassel.
  • Entlang an Kaimauer, Schleusenanlage und Pegelhäuschen zur Kurpromenade spazieren. In den Kanälen fehlt während der Hafenbauzeit das Wasser.
  • Beim Gradierwerk die Weser-Therme: Badesachen dabei?
  • Dinner in White – in weißer Kleidung stilvoll bei Musik Mitgebrachtes verzehren: 18. August, 19 Uhr. Die Teilnahme ist kostenlos.
  • Ausgedehntes Wander-/Radwegenetz, Start-/Zielpunkt der deutschen MärchenstraßInfos: www.bad-karlshafen-tourismus.de; Telefon 05672/9 22 61 40 (ez)