17.02.2022

Margot Dorn trat aus der Kirche aus und wieder ein

Ein Leben im Fluss

Margot Dorn ist keine Frau, die festhält. Unterwegssein ist für sie wichtig. In ihrem Leben gab es Wanderjahre, bis sie in ihre Heimat, den Rheingau, zurückgekehrt ist. Für sie das Wichtigste: ein offenes Herz. Von Christa Kaddar


„Ich lebe vorwärts gewandt!“ Margot Dorn findet, Christen sollten ihre Talente in der Welt einbringen.


„Es gibt Momente in meinem Leben, da spüre ich deutlich, dass es Zeit ist, loszugehen und etwas Neues zu beginnen“, sagt Margot Dorn. 1950 wurde sie in Lorch im Rheingau geboren, wuchs in Rüdesheim-Eibingen mit Blick auf die Abtei St. Hildegard auf und wurde in Wiesbaden zur Kinderkrankenschwester ausgebildet. Etwas Neues kam 1980, als sie ihre Tätigkeit in der Mainzer Uniklinik aufgab, um ein halbes Jahr Entwicklungsdienst auf der Cap Anamur des Vereins Deutsche Not-Ärzte in Somalia zu machen. Den gemeinnützigen Verein hatte Rupert Neudeck im Jahr zuvor gegründet. Margot Dorn stand auch noch für einen zweiten sechsmonatigen Einsatz in Äthiopien bereit.

Losziehen, wenn das Herz berührt ist

Sie ließ sich in Stuttgart nieder, machte eine Ausbildung zur Pflegedienstleiterin und war bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2015 in dem Beruf tätig, machte außerdem 1992 noch eine Zusatzausbildung zur Supervisorin und engagierte sich auch vor ihrem Ruhestand bereits für obdachlose Menschen, unter anderem beim „Medmobil“, das Menschen am Rande der Gesellschaft medizinisch versorgt. Dieser ehrenamtliche Einsatz brachte ihr im Jahr 2016 den Titel „Stuttgarterin des Jahres“ ein. Außerdem ließ sie sich ein Jahr später von einer TV-Dokumentation über rumänische Roma-Kinder so sehr berühren, dass sie für mehrere Wochen für einen Hilfseinsatz in einen rumänischen Slum in die Nähe von Hermannstadt, dem heutigen Sibiu, reiste – mit ihrem mit Kleidung und Spielsachen vollgepackten Auto.

Unterwegssein als roter Faden im Leben

Auch wenn sie lange in Stuttgart sesshaft war, hat sie ihr Leben als Unterwegssein empfunden. „Das ist der rote Faden in meinem Leben.“ Immer wieder gab es Aufbruch und Rückzug. Bei einem dieser „Rückzüge“ – Exerzitien in einem Kloster – lernte sie 2007 ihren Mann kennen, den sie 2011 heiratete. Sie hat nie die Sehnsucht nach Gründung einer Familie mit eigenen Kindern verspürt, wollte immer für andere da sein.
Mit ihrem Mann führt sie eine Wochenendbeziehung, weil es sich zunächst beruflich so ergeben hat. Ihr Mann, der zehn Jahre jünger ist, lebt und arbeitet in Bensheim an der Bergstraße als Vorstand bei der Christoffel Blindenmission. Dass er später auch in den Rheingau zieht, ist nicht ausgeschlossen. „Es ist immer ein gutes Gefühl, dass er meine Aktivitäten mit Wohlwollen unterstützt“, sagt Margot Dorn.
Zu ihrem Unterwegssein gehört es auch, dass sie vor 30 Jahren aus der katholischen Kirche austrat, nachdem sie schon einige Jahre das Gefühl hatte, von Priestern nicht mehr verstanden zu werden und keine überzeugenden Antworten auf ihre Fragen zu Leben, Tod und Leiden zu finden, die sich ihr in ihrem Beruf immer wieder stellten.
Als sie beim buddhistischen Verein in Stuttgart einen Vortrag besuchte, fühlte sie sich wahrgenommen und angenommen. Der wöchentliche Austausch zu Lebensfragen hat sie viele Jahre beflügelt. „Ich erlebte viel Freude. Der Buddhismus ist in meinen Augen keine Religion, sondern eine Lebensphilosophie, eine Lebenspraxis“, erklärt Margot Dorn. Eine Konversion kam für sie deshalb nicht infrage.
15 Jahre später war sie über Ostern im Lassalle-Haus, einem von Jesuiten geführten interreligiösen, geistlichen Zentrum in der Schweiz. Während einer konzentrierten Zen-Meditation hörte sie von Ferne den Gesang aus einer Kapelle, in der Christen Gottesdienst feierten. „Es traf mich wie ein Blitz – und ich spürte deutlich, dass ich zu meinen christlichen Wurzeln zurück muss und der katholischen Kirche wieder angehören möchte.“
Ihren Glauben, so betont sie, habe sie ohnehin nie aufgegeben. Nach einem längeren Weg trat sie wieder in die Kirche ein. In Exerzitien hat sie später viele Antworten auf ihre Fragen gefunden, die vor Jahren offengeblieben waren. Sie schätzt heute besonders das Wort von Ignatius von Loyola: „Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit“. Aus ihrer Zeit der buddhistischen Lebenspraxis hat sie Meditation und Yoga beibehalten, Toleranz, Achtsamkeit und die Präsenz im gegenwärtigen Moment sind ihr weiter sehr wichtig.

Heute ist sie Lektorin und Kommunionhelferin

In Stuttgart hat sie viel zurückgelassen – ihren Freundeskreis, kulturelle und kreative Tätigkeiten und ihren geliebten Chor. Einen neuen Chor hat sie in der Corona-Zeit im Rheingau noch nicht gesucht, aber andere ehrenamtliche Aktivitäten „haben mich gefunden“, sagt Margot Dorn. Sie engagiert sich innerhalb der Pfarrei St. Peter und Paul Rheingau in der Kiedricher Valentinuskirche als Lektorin und Kommunionhelferin und wirkt mit im „EingeLaden“, einem kirchlichen Schenkeladen in Eltville. In der Abtei St. Hildegard unterstützt sie Schwester Francesca Redelberger im Gästehaus.
Im vergangenen Sommer wirkte sie bei der Aktion „Kirche für Künstler“ in der evangelischen Kirche in Mainz-Weisenau organisatorisch mit und seit einiger Zeit macht sie in der Mainzer Kirche St. Stephan einmal in der Woche Aufsicht, damit der sakrale Raum mit den Fenstern von Marc Chagall geöffnet bleiben kann.

Pilgerseelsorgerin in Santiago de Compostela

Zum ersten Mal hat Margot Dorn im November nach entsprechender Vorbereitung zwei Wochen als Pilgerseelsorgerin in Santiago de Compostela deutschsprachige Pilgerinnen und Pilger begleitet. „Es war mir wichtig, ihnen mit einem hörenden Herzen zu begegnen, offen zu sein für deren Erfahrungen und Erlebnisse auf dem Pilgerweg und sich ganz auf den Augenblick einzulassen“, berichtet sie. „Oft flossen Tränen vor Freude, aus Dankbarkeit, oder auch aus großer Not und Sorge.“
Die vielfach Engagierte versteht ihr Christsein als „Hinausgehen“ und will ihre Talente und Fähigkeiten nicht nur in der Gemeinde, sondern auch in der Welt einbringen. Den Schritt, in den Rheingau zurückzukehren und Kiedrich als neuen Wohnort zu wählen, hat sie nicht bereut. Mit Verwandten, alten und neuen Freundinnen und Freunden spürt sie bisweilen bei einem Riesling nach, was ihr dieser Landstrich bedeutet.
„Heimat ist eine prägende, tragende und bleibende Kraft des Lebens. Ich blicke dankbar auf mein Leben mit vielen Begegnungen zurück, aber ich lebe vorwärts gewandt. Mein Leben spielt sich zwischen Weinbergen, Wäldern, Wanderwegen, dem Kiedrichbach und dem Rhein ab – es fließt!“