07.05.2019

Interview mit Schwester Maura Zátonyi zur neuen St. Hildegard-Akademie Eibingen

Ein „Orientierungs-Leuchtturm“

„Visionen brauchen Orte – Orte brauchen Visionen“: So hat Dr. Maura Zátonyi das neue „Zentrum für Wissenschaft, Forschung und europäische Spiritualität“ vorgestellt. Denn nicht weniger als das soll die jetzt gegründete „St. Hildegard-Akademie Eibingen e. V.“ sein. Fragen an die Benediktinerin, die auch Vorsitzende der neuen Akademie ist.

Sr. Maura Zátonyi Foto: Abtei St. Hildegard
Sr. Maura Zátonyi
Foto: Abtei St. Hildegard

Schwester Maura, wer die heilige Hildegard verehrt, der kommt als Pilger oder Tourist in die Abtei in Eibingen. Seit Jahrzehnten forschen Sie hier aber auch schon wissenschaftlich über Leben und Werk der Heiligen. Ist das noch zu wenig bekannt? Gründen Sie auch deshalb die Akademie?

Sr. Maura: Es stimmt, die Abtei St. Hildegard ist ein Anziehungspunkt für Pilger und Touristen. Die St. Hildegard-Akademie setzt aber klare Akzente und richtet sich demgemäß an konkret profilierte Zielgruppen. Gemäß dem dreifachen Anliegen der Akademie – Förderung der Hildegard-Forschung, Vermittlung von Bildungsaktivitäten und Stärkung der christlichen Grundlagen Europas – wenden wir uns an Wissenschaftler und Multiplikatoren sowie Verantwortungsträger in Kultur, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft. Und vor allem möchten wir junge Menschen ansprechen, die für Impulse aus geschichtlichem Wissen und klösterlicher spiritueller Praxis offen sind und sich für ein zukunftsfähiges Europa engagieren wollen.

Dass in der Abtei St. Hildegard, an dem Ort, der direkt auf die Klostergründung der hl. Hildegard zurückgeht, eine Art Hildegard-Institut errichtet werden muss, liegt auf der Hand. Die Abtei kann auf eine über 100-jährige Tradition der Hildegard-Forschung zurückschauen. Aktuell bin ich für die wissenschaftliche Arbeit zuständig, allerdings bin ich mit dieser Aufgabe allein in der Abtei. Daher habe ich schon seit einiger Zeit eingesehen, dass es notwendig ist, die Nachhaltigkeit dieser großen Tradition durch Institutionalisierung zu sichern. Zudem ermöglicht eine solche Institutionalisierung die qualifizierte Vernetzung von Wissenschaftlern. Wissenschaft und Forschung lebt ja nicht zuletzt vom Austausch.

Einen wichtigen Impuls brachte das historische Jahr 2012, als Papst Benedikt XVI. Hildegard offiziell heiliggesprochen und zur Kirchenlehrerin erhoben hat. Schon damals haben wir die Gründung eines „Hildegard-Instituts“ in Angriff genommen. Aber dieser Versuch scheiterte. Die ausschlaggebende Initiative kam dann von Monsignore Michael H. Weninger, einem österreichischen Botschafter und Mitglied des Päpstlichen Rates für interreligiösen Dialog beim Heiligen Stuhl. Ich habe ihn bei der Plenarversammlung der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste 2017 in Salzburg kennengelernt.

Mit der Gründung der Akademie setzen wir uns zum Ziel, den wissenschaftlichen und spirituellen Beitrag der Kirchenlehrerin Hildegard für Gegenwart und Zukunft eines gemeinsamen Europas fruchtbar zu machen. Also, wir verbinden Forschungsarbeit mit Bildung und Vermittlung in europäischer Dimension.

Mit wem gilt es, sich in dieser Arbeit zu vernetzen? Gibt es weitere Hildegard-Zentren?

Es gibt natürlich etliche Hildegard-Zentren und auch Hildegard-Akademien, meistens mit Schwerpunkt „Naturheilkunde“. Daher ist es wichtig, hier eine klare Position zu beziehen. Es liegt uns daran, Hildegard von ihrem Lebenskontext her, also als eine Benediktinerin zu vermitteln. Sie war eine intellektuell und spirituell begabte Frau, die zugleich in Gesellschaft und Politik engagiert war. Unsere Botschaft ist – und in den vielen Gesprächen, die ich im Vorfeld der Akademie-Gründung geführt habe, scheint diese Botschaft anzukommen: Hildegard ist als Theologin und Politikerin eine faszinierende Person!

Entsprechend der dreifachen Zielsetzung der Akademie gestaltet sich die Vernetzung auf eine dreifache Weise: Ein Netzwerk von Wissenschaftlern ist im Entstehen. Dazu haben wir auf der Homepage der Akademie zwei Plattformen eingerichtet, die bereits gut frequentiert sind: 1. Wissenschaft in Profil – das ist eine Art „Who is who“ der Hildegard-Forschung; und 2. ein „ProjektPanorama“, in dem aktuelle Forschungsprojekte auf internationaler Ebene präsentiert werden. Außer Wissenschaftler suchen wir Kontakt mit Personen, die sich in der Ausbildung junger Menschen darum bemühen, ihnen Orientierungswissen zu vermitteln. Eine weitere Vernetzung besteht mit Verantwortungsträgern in Kultur, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, die mit Rücksicht auf christliche europäische Werte entscheiden und handeln wollen.

Institutionell haben wir von der Akademie unseres Bistums Limburg, der Katholischen Akademie Rabanus Maurus, bereits positiven Zuspruch und mehrfache Unterstützung bekommen. Das erfreut uns sehr und ich bin sehr dankbar dafür. Es entwickelt sich dadurch eine vielversprechende Kooperation.

Worüber muss noch intensiver geforscht werden? Liegt das Gesamtwerk nicht schon vollständig kommentiert vor?

Hildegard von Bingen Statue
Die heilige Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen steht in ihrer Abtei
in Eibingen künftig auch wissenschaftltich noch mehr im Mittelpunkt.
Foto: Adobe Stock

Forschung geht immer weiter und kann nie als abgeschlossen betrachtet werden. 2010 hat die Abtei die deutschsprachige Gesamtausgabe der Werke Hildegards gestartet. Der 10. Band, der zunächst als der letzte Band gilt, war am Anfang noch gar nicht vorgesehen. Wenn man es so nennen will, handelt sich hier um eine „neu entdeckte Vision“, die 2014 von einem argentinischen Patrologen – der noch dazu der Neffe des Papstes Franziskus ist – in einer lateinischen Ausgabe veröffentlicht wurde. Dieses Werk, mit dem Titel „Prophetisches Vermächtnis“, habe ich dann 2016 ins Deutsche übertagen. In diesen 10 Bänden ist das Gesamtwerk Hildegards in deutscher Sprache zugänglich, allerdings ohne Kommentare. Wer mal richtig in Hildegards Schriften gelesen hat, kann bestätigen, dass sie sehr schwer verständlich sind. Deshalb hat mir Kardinal Kasper die Idee gegeben, eine Art Lesebuch zusammenzustellen. Dazu könnte man zentrale Texte von Hildegard, die uns heute besonders ansprechen, auswählen und mit kleinen didaktischen Hinführungen für die Leser verständlich machen. Der Beuroner Verlag hat sich offen gezeigt für diesen weiteren Band. Das ist eine Aufgabe, die mich zur Zeit unter anderem beschäftigt.

Und wie ich gesagt habe, die Forschung geht weiter. Ich habe in meinem Kopf zahlreiche Pläne, die ich selbst in meinem Leben gar nicht realisieren kann. Deshalb ist es wiederum gut, dass mit der Unterstützung der Akademie in der Zukunft Forschungsaufgaben verteilt durchgeführt werden können.

Wenn Sie nach konkreten Projekten fragen: Letztes Jahr haben Frau Prof. Dreyer, von der Universität Mainz, und ich einen Werkstattbericht über die Briefe Hildegards veröffentlicht. Das ist ein großes Thema, das aufgearbeitet werden muss. Außerdem wäre es wichtig, die Handschriften, welche die Werke Hildegards überliefern, zu erforschen. Hier hat Herr Prof. Embach, Trier, wichtige Grundlagenarbeit geleistet.

Auch im Ausland interessieren sich Forscher für Hildegard. Aktuell arbeiten wir in einem Team an zwei Bänden für die renommierte französische Reihe „Sources Chrétiennes“, in denen Texte der Kirchenväter und mittelalterlicher Autoren herausgegeben werden. Diese Bände werden die „monastischen Werke“ Hildegards auf Latein und Französisch enthalten, mit einer längeren einführenden Studie über Hildegard im Rahmen der monastischen Bewegungen des 12. Jahrhunderts.

Als Grundstein der Akademie betrachte ich die Erfassung der Gesamtbibliographie über Hildegard. In gedruckter Form existiert eine Bibliographie mit den Titeln bis 1998. Zur Fortsetzung habe ich die Titel seit 1998 systematisch erfasst. Ziel ist, die Gesamtbibliographie online auf der Homepage der Akademie zu präsentieren. Wir sind schon mitten drin der Arbeiten, so dass wir die Freischaltung für das nächste Jahr planen.

Und wie gesagt, Forschung kann nie abgeschlossen werden. Im „ProjektPanorama“ sind noch weitere Projekte aufgeführt. Grundsätzlich ist es so, dass ein so großartiges Werk, wie das von Hildegard, immer neu erschlossen werden muss, im Horizont neuer Fragestellungen und neuer Erkenntnisse. Die theologische Erschließung der Werke Hildegards ist ein kontinuierlicher Prozess.

Soll durch die Akademie künftig auch Hildegards Würdigung als Kirchenlehrerin stärker herausgestellt werden?

Ja, zu dieser theologischen Erschließung gehört Hildegards Würdigung als Kirchenlehrerin. Da steht noch ein großes Feld vor uns, das wir zu bearbeiten haben.

Den Gedanken, „mit Hildegard das Konzil zu lesen“, habe ich nicht aufgegeben, das Konzept steht auf meiner Agenda. Die Akademie bietet den besten Rahmen dazu, ein Symposium zu diesem Thema zu veranstalten.

Ist es in diesen Tagen der Krise nach der Missbrauchsstudie nicht ungeheuer schwer, Hildegards ungebrochenen Glauben an eine „integritas“, eine Unverletzlichkeit, zu teilen?

Es ist gewiss schwer, in der aktuellen Situation von der „integritas“, von der Unversehrtheit der Kirche zu sprechen. Das ist aber eine so wichtige Botschaft Hildegards, dass wir es gut daran tun, gerade angesichts der Missbrauchsskandale diesen Glauben von ihr zu lernen.Diese Botschaft gilt vor allem für diejenigen, die selbst nicht involviert sind – und das ist bei allem Ausmaß der Skandale doch die Mehrheit – und fassungslos oder gar verzweifelt vor diesen schrecklichen Berichten stehen.

Hildegard weiß darum, dass die Kirche in ihrer konkreten geschichtlichen Erscheinung brutal verunstaltet werden kann. Sie erlebte nicht wenige Skandale in ihrer Zeit, und das bringt sie zu Wort. In einer Vision – Scivias III. Teil, 11. Vision – beschreibt sie die Kirche, die sie vorher als eine schöne Frauengestalt dargestellt hat, mit so drastischen Bildern, die schon ins Obszöne gehen. Sie weiß also, dass die Kirche von Skandalen nicht verschont bleibt. Warum? Weil Gott seine im Wesen unversehrte Kirche uns sündigen Menschen anvertraut hat. Aber gerade für diejenigen, die angesichts der Skandale den Mut verlieren und verzweifeln und die Kirche verlassen wollen, gilt die Botschaft: Das, was wir erleben, ist von uns Menschen gemacht, in ihrem Wesen bleibt aber die Kirche unversehrt. Und wenn Menschen fähig sind, die Kirche zu beschmutzen, zu besudeln und in den Dreck zu ziehen, so können Menschen ebenso vom unversehrten Wesen der Kirche etwas aufleuchten lassen.

Das ist eine Botschaft, die uns aufrütteln muss: Gott hat uns seine Liebe anvertraut, und zwar in der Kirche, eben als „Ursakrament“. Gott hat seine Kirche als Zeichen seiner Liebe in unsere Hände gelegt. Und es hängt von uns ab, von jedem einzelnen in der Kirche, ob wir diese Liebe mit Schmutz bedecken oder einen Strahl von dieser Liebe sichtbar machen. Jeder, auf dem Fleck Erde wo er steht, ist verantwortlich dafür, was vom Wesen der Kirche in der Welt erfahrbar wird. Daher würde Hildegard uns sagen, sogar rufen: Nicht weglaufen, nicht die Kirche verlassen, sondern dort, wo ein jeder steht, Gottes Liebe aufleuchten lassen. Sie schreibt: Im erlösten Menschen leuchtet Gott auf und in Gott leuchtet der Mensch auf. Es hängt von unserem Glauben an, wie weit dies in der Welt Realität werden kann!

Ein Ziel der Akademie soll künftig auch eine europäische Dimension benediktinischer Spiritualität sein. Was ist damit gemeint? Inwiefern ist Europa benediktinisch geprägt?

Zugespitzt gesagt: Schulen, Krankenhäuser, soziale Einrichtungen, Hotels, bewundernswerte Gebäudekomplexe, Musik, Werke der antiken Autoren ... das alles und viel mehr verdankt Europa dem benediktinischen Mönchtum.

Die Klöster waren die ersten Bildungsstätten; in den Klöstern hat man Kranke gepflegt und sie versorgt; die Klöster haben die Reisenden beherbergt; in den Klöstern sangen und singen noch Mönche und Nonnen den Gregorianischen Choral; in den Klöstern wurden die Werke von einem Ovid, Vergil usw. abgeschrieben und so vor dem Vergessen gerettet. Die Klöster waren und sind die Orte, an denen „cultura“ in aller Dimensionen gepflegt wird: Die ursprüngliche Bedeutung von „cultura“ ist die Bearbeitung des Bodens, des Ackers, eben „Kultivierung“ der Umwelt. Darin waren die Mönche und Nonnen Pioniere.

Zugleich waren sie aktiv in der Verbreitung der „Kultur“ mit Bildung und Wissenschaft, und vor allem widmeten sich – und widmen sich – dem Gottesdienst, dem „Kult“. Das hat Papst Paul VI. treffend formuliert, in seinem Schreiben, mit dem er den hl. Benedikt zum Schutzpatron Europas geklärt hat: „Der hl. Benedikt und seine Söhne brachten mit Kreuz, Buch und Pflug christlichen Fortschritt zu den Völkerschaften vom Mittelmeer bis Skandinavien, von Irland bis zu den Ebenen Polens“ und so schufen sie eine geistige Einheit in Europa.

-> Hier klicken: Apostolisches Schreiben von Papst Paul VI. (24. Oktober 1964)

Zudem hat Papst Franziskus in seiner jüngsten Rede über Europa, im Oktober 2017, beeindruckend dargestellt, dass die zwei Grundwerte, welche das Christentum zur Stärkung eines gemeinsamen Europas beitragen kann, in der Regel des hl. Benedikt verwurzelt sind: Sinn für das Personsein, Anerkennung des Menschen als Ebenbild Gottes einerseits und Gemeinschaft, Sinn für Zugehörigkeit andererseits.

-> Hier klicken: Papst Franziskus an die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (28. Oktober 2017)

Das ist eine großartige Ermutigung, uns darauf zu besinnen, wofür wir als Benediktiner stehen und welche Verantwortung uns anvertraut ist!

Hildegard und Benedikt als christliches Traumpaar eines werte-vollen Europas? Haben Sie schon konkrete Ideen, wie sich das öffentlich kundtun lässt?

Europa, Werte, Geistesgeschichte ... das alles entsteht nicht abstrakt, sondern es sind Menschen, die Europa gestalten, die Werte leben und die mit ihrem Engagement Geistesgeschichte „schreiben“. Es gibt eine Reihe Traumpaare, wenn wir sie so nennen wollen. Vor allem geht es darum, diese Menschen als Inspiration für uns heute zu entdecken, eine Art Vorbilder. Der hl. Benedikt lebte in einer Zeit des Niedergangs einer jahrhundertelangen Kultur. Das war eine ähnliche Situation wie wir sie heute im Westen Europas erleben. Wir können eine große Portion an Phantasie, Mut und Kreativität von Benedikt lernen. Er hat sich nicht dem Ressentiment hingegeben, sondern seine Welt aktiv gestaltet. Und es hat sich gelohnt, auch 1500 Jahre später blüht sein Werk. Ebenso ist es bei Hildegard. Aber denken wir an einen hl. Martin – eine große europäische Gestalt. Er ist im heutigen Ungarn geboren (in meiner Geburtsstadt Szombathely) und hat ganz Europa durchwandert bis er schließlich in Tours Bischof wurde. Der Martinsweg, der heute durch ganz Europa führt, ist eine Initiative des Europarats, um die Einheit Europas bewusst zu machen. Und die Reihe von solchen herausragenden Persönlichkeiten, eben „europäischen Integrationsfiguren“, können wir fortsetzen.

In der Akademie bieten wir eine Vortragsreihe an, in der diese Persönlichkeiten in ihrer Aktualität für Europa heute vorgestellt werden, natürlich mit anschließendem Austausch.

Wären nicht Hildegards Art und Weise, als Frau in der Kirche zu sprechen als vorbildlich für heute herauszustellen?

Wenn wir uns bei der Diskussion um die Rolle der Frau in der Kirche an Hildegard orientieren würden, könnten wir viel gelassener mit der Frage umgehen. Es wird immer wieder betont, das Mittelalter sei frauenfeindlich und männerdominiert. Hildegard hat sich daran offensichtlich nicht stören lassen, sie hat in ihrer Zeit ihre eigene Rolle gefunden und sie vollkommen ausgefüllt. Sie klagt nicht gegen eine männerdominierte Welt, sondern sie tadelt die Kleriker, und das ohne Schonung, weil sie ihren Aufgaben nicht gerecht werden, nämlich den Gläubigen die Heilige Schrift zum Trost und zur Aufmunterung auszulegen. Hildegard findet den Mut, alle Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung stehen, wahrzunehmen und dementsprechend zu handeln. Sie hat getan, was die Stunde verlangte und womit sie den Menschen helfen konnte: Sie findet Worte des Mutmachens, überzeugt mit ihrem Glaubenszeugnis, wendet sich verständnisvoll und ohne Unterschied an die Menschen, sowohl an Arme als auch an Reiche und Adlige, sie führt Dialog mit dem Kaiser, mit Juden und Philosophen, spricht mehreren Klostergemeinschaften ins Gewissen, sie baut ein Kloster auf, feiert mit ihrem Konvent die Liturgie ... Hildegard konzentrierte sich einfach auf die eigentlichen Aufgaben, und zwar mit voller Hingabe.

Und wenn Sie schon vom Traumpaar sprechen, dann treffen Sie etwas Wesentliches: Hildegard konnte mit Männern prächtig zusammenarbeiten. Sie hatte gute Freunde, die ihr in vieler Hinsicht beistanden. Mit einem Mönch vom Disibodenberg, Volmar, verband sie sogar eine jahrzehntelange vertraute Freundschaft. Volmar half Hildegard bei der Niederschrift ihrer Werke, er folgte ihr bei ihrer Klostergründung auf den Rupertsberg und versah das Amt des Spiritualen in Hildegards Gemeinschaft. Wie eng die beiden miteinander verbunden waren, zeigt sich, dass nach Volmars Tod im Jahre 1173 Hildegard aufhörte, große Werke zu verfassen. Sie lebte noch sechs weitere Jahre und war geistig fit, aber größere Werke konnte sie nicht mehr schaffen. Wenn wir an Hildegard Beispiel nehmen möchten, dann könnten wir von ihr lernen, dass es darum geht, miteinander zusammenzuarbeiten, einander zu inspirieren: Männer und Frauen gemeinsam. Im Miteinander von Mann und Frau können wir etwas Großes hervorbringen.

Eine dritte Säule der Akademie soll die „Vermittlung und Bildung“ sein. Ziel: Hildegards Werte und Spiritualität an jüngere Menschen weitergeben. Wie könnte das gelingen?

Zur Verwirklichung dieses Vorhabens führen wir zunächst Gespräche mit denjenigen, die sich beruflich um junge Menschen kümmern. Organisationen und Hochschulen sind dabei unsere zukünftigen Kooperationspartner. Dabei machen wir gute Erfahrungen. In den jungen Menschen gibt es eine große Offenheit und auch Sehnsucht nach Austausch und Reflexion. Es liegt an uns, dass wir zueinander finden. Die St. Hildegard-Akademie hat dabei einen Mehrwert gegenüber universitären Einrichtungen. Sie ist nämlich in der Abtei angesiedelt. Wenn wir also Vorträge, Seminare anbieten, dann finden diese in einem lebendigen benediktinischen Kontext statt. So können wir hier mit jungen Menschen über Glauben, Geistesgeschichte, Spiritualität, aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen usw. austauschen, und zugleich lernen sie eine Lebensform kennen. Da könnte zum Beispiel die gut strukturierte Tagesordnung ein Impuls sein oder dass der Horizont sich auf eine transzendente Wirklichkeit, auf Gott hin öffnet. Die Erfahrung von der gelebten Spiritualität einer Klostergemeinschaft kann vielleicht mehr bewegen als viele Worte.

Wie darf man sich darüber hinaus konkret „die Akademie“ vorstellen? Gibt es regelmäßige Symposien?

Wie bereits erwähnt, haben wir für den Bereich „Wissenschaft und Forschung“ auf der Homepage der Akademie zwei Plattformen eingerichtet: Wissenschaft in Profil und ProjektPanorama. Beide werden bereits gut frequentiert und bildet ein konkretes Netzwerk, das ständig wächst.

Im Bereich „Bildung und Vermittlung“ bieten wir Veranstaltungen an. In diesem Jahr planen wir zwei Exkursionen, die Herr Dr. Nikitsch mit mitreißender Leidenschaft, wie ich ihn kenne, führen wird. Es gibt weiterhin zwei Vortragsreihen. Die eine beschäftigt sich mit spannenden Themen zu Hildegard von Bingen. Die andere widmet sich der europäischen Spiritualität, die an bedeutenden Persönlichkeiten dargestellt wird, wie ich es bereits ausgeführt habe.

Im Bereich der „europäischen Spiritualität“ haben wir im Vorfeld der Gründungsfeier mit Repräsentanten aus Politik, Gesellschaft, Kirche, Wissenschaft und Wirtschaft den Kontakt aufgenommen und sie gebeten, ihre Gedanken zu formulieren, was sie uns ins Stammbuch schreiben möchten. Wir haben hervorragende Beiträge bekommen, die wir in einer Broschüre zusammengestellt haben und bei der Gründungsfeier den Teilnehmern überreichen werden. Mit diesen Beiträgen ist ein Dialog mit interessanten Persönlichkeiten entstanden, der sehr inspirierend ist und den wir lebendig und aktiv fortsetzen möchten.

Natürlich haben wir zahlreiche Pläne, wie z.B. Workshops zu Forschungsthemen, Hildegard-Lektüreabende und auch philosophische Seminare mit Studenten. Bei unseren Angeboten möchten wir neben den von uns konzipierten Programmen offen sein und auch „partnerorientiert“ in Dialog Formen der Kooperation entwickeln. Wir sind schon dabei.

Wie finanziert sich die Akademie?

Die Akademie finanziert sich, wie in der Satzung vorgegeben, einerseits durch die jährlichen Mitgliedsbeiträge, andererseits sind Spenden willkommen. In unserem Akademie-Team haben wir eine Beauftragte für Fundraising, und sie arbeitet mit unserem Kommunikationsbeauftragten gut zusammen. Beide verfügen über reiche Expertise. Da ich als Wissenschaftlerin von Finanzen nicht viel Ahnung habe, kann ich mich völlig darauf verlassen, dass die wirtschaftlichen Belange unserer Akademie in guten Händen sind.

Strategisch sollte es so funktionieren, dass wir Projekte entwickeln, die überzeugen und so Förderung finden. Mit großer Freude und Dankbarkeit kann ich berichten, dass das Projekt der Gesamtbibliographie dafür ein Beispiel ist. Es wird vom Verein der Freunde der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard e.V. großzügig gefördert. So sind wir zuversichtlich, dass wir für unsere weiteren Ideen und Pläne Förderer gewinnen können. An Ideen fehlt es wirklich nicht!

Ist es üblich, eine Akademie als eingetragenen Verein zu gründen? Soll das den Charakter Hildegards als einer schon über Jahrhunderte verehrten Volksheiligen betonen?

Es war uns wichtig, als wir angefangen haben, die Akademie zu konzipieren, dass sie eine klare Struktur bekommt. Sie ist eine Institution, die zum Wohle der Abtei dient, institutionell aber unabhängig von ihr ist. Die Form „eingetragener Verein“ hat sich als eine ideale Lösung erwiesen. Die Akademie hat damit eine eigene Satzung, ihre Arbeit ist geregelt und sie ist wirtschaftlich und rechtlich eine eigenständige Einrichtung. Dies spiegelt sich auch darin wider, dass sie eine eigene Homepage hat, die strukturell und personell völlig unabhängig von der Homepage der Abtei eingerichtet ist.

Kann die Akademie auch zum Fortbestand Eibingens als benediktinisches Kloster beitragen?

Ja, unbedingt. Darüber hinaus, dass die Akademie die wissenschaftliche Arbeit in der Abtei sichert und die internationale Hildegard-Forschung an die Abtei bindet, bringt sie, so hoffe ich, ein Stück Aufbruchsstimmung. Ich könnte mir vorstellen, dass die Akademie die Gemeinschaft anregt, über Modelle der „abgestuften Zugehörigkeit“ nachzudenken, d.h. über Formen der Zusammenarbeit zwischen uns Nonnen und Menschen, die im Berufsleben stehen, sogar Familie haben und sich gerne engagieren möchten.

Jemand hat – als Antwort auf die Einladung zur Gründungsfeier – die Akademie als einen „Orientierungs-Leuchtturm“ bezeichnet. Das ist eine enorme Ermutigung! Ich würde mir sehr wünschen, dass ein so starker Zuspruch auch meine Gemeinschaft bewegen möge. Oder wie Papst Franziskus schreibt: „Europa hat ein ideelles und geistiges Erbe, das einzigartig ist auf der Welt. Dieses ist es wert, mit Leidenschaft und neuer Frische wieder aufgegriffen zu werden.“ Das Erbe Hildegards mit dieser neuen Frische weitertragen – das wäre eine hoffnungsvolle Perspektive, die durch die Akademie auch im klösterlichen Alltag wirken kann. Nur wenn es in der Gemeinschaft innen glüht, kann sie ausstrahlen.