06.02.2021

Das Coronavirus verändert das Sterben genauso wie die Trauer.

Ein Ort, um Trost zu finden

Das Coronavirus verändert das Sterben genauso wie die Trauer. Beides ist
einsamer geworden. Im Mainzer Dom gibt es seit vergangener Woche einen Ort für diejenigen, die in der Pandemie für die Opfer der Pandemie beten wollen.

Bischof Peter Kohlgraf richtete vergangene Woche in der Gotthardkapelle im Mainzer Dom mit einem Segensgebet
einen „Ort der Stille und des Gebets“ ein.


Kein großes Portal führt zum „Ort der Stille und des Gebets“. Neben einem Schuhgeschäft – coronabedingt geschlossen – befindet sich die unauffällige Tür aus Holz, auf der ein Aushang zum Gebet in die Gotthardkapelle einlädt. Vergangene Woche hatte Bischof Peter Kohlgraf im Anschluss an eine Frühmesse den dortigen Trauer- und Gebetsort eröffnet.
Durch eine Zwischentür mit Glas ist leicht zu sehen, wie viele Menschen sich in der Kapelle befinden. Nur vier Personen dürfen sich darin aufhalten. Auch ein Mindestabstand von 1,5 Metern muss eingehalten werden, so die Vorschriften des Hygiene-Konzepts.
Wer die Gotthardkapelle kennt, gewinnt in diesen Tagen einen neuen Raumeindruck. Vor der Pandemie war sie vom Dom aus zugänglich und wirkte wie eine Art Nische der Kathedrale. Beim Betreten der Kapelle fiel damals der Blick zuerst auf die vielen Stühle. Nun ist deren Anzahl reduziert. Das Kreuz vor der hellblau getünchten Wand kommt  gleich in den Blick. Das Udenheimer Kreuz stellt eines der ältesten Denkmäler im Mainzer Dom dar. Entstanden ist es wahrscheinlich im 11. oder 12. Jahrhundert.  1962 kam es aus der Kirche im rheinhessischen Udenheim in den Dom. Das Kreuz fasziniert. Denkt man sich die Balken weg, scheint Jesus einen in die Arme nehmen zu wollen.
Auf der linken Seite in einem Halbrund befindet sich eine Marienikone, davor die Möglichkeit, Kerzen anzuzünden. Zwischen der Ikone und den gelichteten Stuhlreihen steht ein Tisch mit einer große Kerze, daneben ein Buch für Gebetsanliegen. Ein Luftzug lässt die Kerze flackern – wie ein Fingerzeig für die Flüchtigkeit des Lebens. Der im Buch Kohelet immer wiederkehrende Satz „Alle ist Windhauch“ kommt in den Sinn.
Ein paar Tage nach der Eröffnung des Trauerraums gibt es erst einige Einträge im Fürbittbuch. Ein langer Text auf Italienisch steht zum Beispiel dort geschrieben. Still ist es in der Kapelle, aber nicht lautlos. Von draußen dringen Stimmen gedämpft ins Innere, von den Marktbeschickern, von den Menschen, die einkaufen. Kinderlachen ist zu hören. Und draußen hinter der dicken Bronzetür, dem Portal der Kapelle, sitzt eine Taube und gurrt. Zuversicht strahlt das Ewige Licht aus. Darunter blüht ein Strauß mit organefarbenen Gerbera und karminroten Rosen.
Die Glastür klappert. Eine Frau und ein Mann kommen herein. Sie legen ihre Einkaufstaschen und Schirme ab, um am Marienbild Kerzen anzuzünden. Auf einer Kniebank vor der Ikone beten sie in Stille. Dann setzen sie sich in die Mitte vor das Kreuz. Der Jesus aus Udenheim bereitet auch über sie seine Arme aus. Die Gotthardkapelle – ein guter Ort, um Trost zu finden.

Anja Weiffen