18.09.2020

Feste feiern in Zeiten von Corona

Ein Sitzplatz am Fenster

Thomas Reichstetter ist beim Caritasverband in Limburg im psychologischen Beratungsdienst tätig. Er antwortet auf die „Fragen der Menschen“ zum Thema „Feste feiern in Coronazeiten?“

Ich gehöre zur Risikogruppe und habe Angst vor Ansteckung, fühle mich aber verpflichtet, zu einer Familienfeier zu gehen. Wie kann ich damit umgehen?

Feste feiern, aber wie? Corona fordert dazu heraus, kreativ zu sein.

Sprechen Sie zunächst mit einer Person Ihres Vertrauens, gegebenenfalls auch mit Ihrem Arzt über das tatsächliche Risiko. Notieren Sie sich, was Ihnen helfen würde, sich sicherer zu fühlen, zum Beispiel mit einem Sitzplatz am Fenster. Nehmen Sie Rücksprache mit den Gastgebern. Erfragen Sie die Hygieneüberlegungen, teilen Sie die eigenen Ängste mit und werben Sie um Verständnis, wenn Ängste nicht überwunden werden können.

Feste feiern, wie sie fallen, egal in welcher (Corona)Form? Oder ein Fest lieber verschieben?

Amtliche Vorgaben, Regeln der Kirchengemeinde für kirchliche Feiern müssen beachtet werden. Erstellen Sie eine Gästeliste und beschreiben Sie für sich ein Hygienekonzept für die geplante Feier. Dazu zählen die Möglichkeit der Handdesinfektion, kein Singen oder Tanzen aufgrund des begrenzten Raumes. Prüfen Sie, ob die gewählte Räumlichkeit bei schönem Wetter eine Einbeziehung des Außengeländes ermöglicht. Vermerken Sie auf der Einladung, dass Sie erwarten, beziehungsweise Verständnis dafür haben, dass erkrankte Personen besser zu Hause bleiben, um andere Gäste zu schützen.
Bitten Sie Ihre Gäste, unbedingt den Arzt aufzusuchen, wenn sie sich Tage nach einer Feier nicht wohl fühlen und mit dem Arzt auch über den Besuch der Feier sprechen. Auch die Nutzung der Corona-Warn-App hilft bei der Nachverfolgung und schnellen Unterbrechung von Infektionsketten.

Thomas Reichstätter
Thomas Reichstätter,
Foto: privat

Wenn unter den vorgegebenen Bestimmungen die geplante Feier nicht möglich ist, bleibt nur die Verschiebung. Für eine geplante Hochzeit könnte die Lösung sein, dass 2020 lediglich die standesamtliche Trauung und eine kleine Feier mit engster Familie stattfindet. Die kirchliche Trauung sollte auf nächstes Jahr verschoben werden. Allerdings ist hierzu eine frühzeitige Planung mit dem Pfarrer zu empfehlen, da bereits viele Paare so verfahren. Die Taufe eines Kindes kann im engen Kreis, also Eltern, Geschwister, Großeltern und Taufpaten, stattfinden und ersatzweise ein „Kinderfest“ im nächsten Jahr gefeiert werden.

Welche Ideen gibt es, um andere an einer Firmung, Erstkommunion, Taufe oder Hochzeit teilhaben zu lassen, auch wenn sie nicht dabei waren?

In manchen Kirchengemeinden ist es möglich, dank moderner Übertragungstechnik den Gottesdienst auf eine Leinwand nach draußen zu übertragen, damit mehr Gäste an der Feier teilhaben können. Für die private Feier könnte eine WhatsApp Gruppe gebildet werden, um Bilder, Filme bis hin zum Live-Stream zu teilen, wenn alle anwesenden Gäste damit einverstanden sind. Vielleicht gibt es ja unter den vorgesehenen Gästen jemanden, der dies technisch bewältigen kann.

Für Menschen, die zur Risikogruppe gehören und deshalb nicht teilnehmen können, wie Ur-Großeltern, könnte ein Fotobuch zusammengestellt werden. Erfahrungsgemäß freuen sich die „verhinderten“ Gäste auch, wenn sie einen Film der Feier zu sehen bekommen.

Digital feiern: Alle bereiten das gleiche Essen zu, trinken den gleichen Wein, zünden eine Kerze an und prosten sich am Bildschirm zu: Ein guter Ersatz?

Voraussetzung ist, dass alle Beteiligten mit der erforderlichen Technik umgehen können. Es empfiehlt sich, vorab eine „Probevideokonferenz“ zu machen. Großeltern, die zwar „online“ sind, aber nicht unbedingt technisch versiert, freuen sich, wenn eins der Enkel sich die Zeit nimmt und in die Technik einführt.

Ich kann meinen runden Geburtstag nicht feiern, wie ich will, mit vielen Gästen, Umarmungen, Tanz und Gesang; und ich bin einfach enttäuscht. Wie soll ich damit umgehen?

Über die Enttäuschung darf gesprochen werden. Dabei erfahren Sie, dass Ihre potenziellen Gäste Verständnis haben, dass Sie traurig sind wegen der ausgefallenen Feier. Nehmen Sie die „Absage“ zum Anlass, Menschen, die Ihnen lieb und wert sind, aber weiter weg wohnen, mal wieder anzurufen und länger mit ihnen zu „plaudern“. Teilen Sie Ihren Sonntagsspaziergang nicht nur mit Ihrem Partner, Ihrer Partnerin, sondern verabreden Sie sich auch mit ein, zwei anderen.

„Ich will mich nicht einschränken, ich will Spaß“ – diese Haltung kann für andere tödlich sein. Wie kann ich (zum Beispiel) Jugendliche zum Verzicht bewegen?

Das Bedürfnis von Jugendlichen nach Kontakt zu den Gleichaltrigen, nach ausgelassenem Feiern ist altersgemäß und sollte von den Erwachsenen gewürdigt werden. Signalisieren Sie Verständnis und weisen aber auch auf bestehende Bestimmungen hin, zumal deren Missachtung Konsequenzen – unter anderem auch ein Bußgeld – haben kann.

Für Jugendliche wird es begreifbarer, wenn sie die Gefährdung personalisieren, mit einem Hinweis auf die eigenen Großeltern oder andere gefährdete Familienmitglieder und Menschen im Umfeld.

Eine Familienfeier zu Corona-Zeiten im Pfarrgarten der Gemeinde: Darf den jeder nutzen?

Die Entscheidung liegt bei der Kirchengemeinde und dem Verwaltungsrat. Mittlerweile dürften alle Gemeinden ein Hygienekonzept für die Nutzung des Gemeindezentrums haben. Dementsprechend gibt es sicher auch Überlegungen, ob der Pfarrgarten genutzt werden kann.
 

Die Fragen hat Ruth Lehnen zusammengestellt.

 

Zur Sache: „Ausfall großer Feste nicht nur ein Verlust“

Den Ausfall großer Feste während der Corona-Pandemie sieht der Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti nicht nur als Verlust. „Wir lernen jetzt wieder, dass die Dinge ihre Zeit und ihren Ort haben“, sagte er Kölner Internetportal „domradio.de“. So müsse das Martinsfest mit seinen öffentlichen Riten nun privat und leise begangen werden. Dabei werde deutlich, dass „wir eine Sehnsucht nach bestimmten Dingen haben, die wir brauchen, die nötig sind. Der Brauch ist das, was wir brauchen.“
Auch mit Blick auf Weihnachten sagte Becker-Huberti: „Wir lernen jetzt wieder, dass wir warten müssen.“ Im August fänden sich schon die ersten Weihnachtsplätzchen im Supermarktregal. Damit werde das Fest so weit nach vorne gezogen, „dass zu Weihnachten selbst kaum noch etwas von Weihnachten übrig bleibt“, so der katholische Theologe. „Wir leben im Augenblick nach dem Prinzip der Wirtschaft: alles, jetzt, hier und sofort. Und genau das funktioniert nicht.“ Es müsse wieder darum gehen, „die Dinge bei den Ursprüngen anzufassen“.
So sollte laut Manfred Becker-Huberti am 11.11. der Beginn des Karnevals gefeiert werden – „nur nicht in diesen Massenveranstaltungen, wie wir sie bisher kennen“. Es sei durchaus möglich, zu Hause mit der Familie und mit den Nachbarn ein kleines Fest zu veranstalten.
Bedenken, dass das Brauchtum durch Corona in Vergessenheit geraten könnte, widersprach der Experte.
„In der Zeit des Ersten Weltkriegs haben Düsseldorfer in den Schützengräben an der Front Martinszüge veranstaltet, weil ihnen das einfach fehlte“, so Becker-Huberti. „Genauso wird es bei uns sein. Die Feste werden wieder entstehen, weil sie gebraucht werden.“ Sie seien „sozialer Kitt für unsere Gesellschaft“. (kna)