18.11.2022

"Ich soll nicht länger König über sie sein"

Eine große Geschichte des Scheiterns

Der gerade zum König über Israel gekrönte David und der mit Dornen gekrönte Jesus – die heutigen Bibeltexte zeigen die ganze Spannung des Königseins in der Bibel auf. Diese Spannung zwischen Heil und Unheil, Erfolg und Versagen gab es von Anfang an, was das Amt und die Herrschaft eines Königs in Israel angeht.

Foto: wikimedia
Die ersten beiden einer langen Reihe: König Saul (rechts) und sein Nachfolger David. Gemälde von Ernst Josephson.
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Von Christoph Buysch

Man muss es so klar sagen: Letztendlich ist das Königtum in Israel auf ganzer Linie gescheitert. Religiös und politisch, denn am Ende der Erzählung der Königsbücher sind die Länder Israel und Juda von fremden Völkern erobert und ihr Heiligtum ist zerstört. Die biblischen Quellen stellen aber auch schon von Anfang an klar: Die Helden der biblischen Geschichten sind selten Könige. Und auch keine Königinnen.

Ursprünglich sind es ja Propheten und charismatische Gestalten wie Mose, Josua oder Samuel, die das Volk der Israeliten leiten. Dann aber berichtet das erste Samuelbuch davon, dass die Ältesten Israels fordern: „Wir wollen einen König! Der soll unsere Angelegenheiten entscheiden.“ Samuel ist von der Idee nicht begeistert und Gott ebenfalls nicht. Beiden gefällt überhaupt nicht, dass Israel nun doch genauso wie alle anderen Völker sein will. Gott stimmt zwar schließlich zu, aber erklärt seinem Propheten Samuel etwas frustriert: „Nicht dich haben sie verworfen, sondern mich. Ich soll nicht länger König über sie sein.“ (1 Samuel 8,7)

Leiten oder leiten lassen

Genau das ist der grundsätzliche Konfliktpunkt für die ganze weitere israelitische Geschichte mit ihren Königen: Sie wollen das Volk selbst leiten und sich nicht von Gott leiten lassen. Was bei den ersten drei Königen – Saul, David und Salomo – noch in Teilen funktioniert und im Nachhinein manchmal sogar Vorbildcharakter haben sollte, gelingt danach kaum noch. Die Könige bauen eben nicht auf den einen Gott – und dementsprechend verlässt dieser Gott sie.

Die biblischen Königsbücher urteilen daher meist sehr hart über die israelitischen Könige und leiten die Beschreibung ihrer Regierungszeit oft mit folgenden Sätzen ein: „Er tat, was böse war in den Augen Gottes. Er hielt an der Sünde fest und ließ nicht von ihr ab.“ Meist bedeutet das, dass fremde Gottheiten verehrt wurden und dies an anderen Orten als am Tempel in Jerusalem. 

Nur üble Könige im Nordreich Israel

Auffallend oft findet sich darüber hinaus der Zusatz: „Er hielt an der Sünde Jerobeams fest.“ Dieser Satz spielt darauf an, dass nach der Einheit Israels unter Saul, David und Salomo das Reich in das Nordreich Israel und das Südreich Juda zerfällt. Jerobeam ist der erste König des Nordreichs und in den Augen der Bibel mitschuldig an der verlorenen Einheit des Gottesvolkes. Dieses Urteil trifft dann auch alle seine Nachfolger. Von ihnen heißt es zum Beispiel: „Omri (...) trieb es noch schlimmer als alle seine Vorgänger.“ (1 Könige 16,25)
 
Die weitaus schlechtesten Noten aber erhält König Ahab, der mit seiner Gattin Isebel von 871-852 vor Christus über das Nordreich Israel herrscht. Über ihn wird eindeutig geurteilt: „Er tat noch vieles andere, womit er den Herrn, den Gott Israels, mehr erzürnte als alle Könige Israels vor ihm. “ (1 Könige 16,33) Kein Wunder also, dass sich ihm Elija in den Weg stellt, einer der größten Propheten Israels.

Die Zeit der Könige des Nordreichs geht mit der Eroberung durch die Assyrer relativ abrupt zu Ende. 722 vor Christus wird der letzte König Hoschea gefangen genommen und sein Volk nach Assur verschleppt. Die Bibel interpretiert das als Strafe: „Das geschah, weil die Israeliten sich gegen den HERRN, ihren Gott, versündigten.“ (2 Könige 17,7)

Wenige Lichtblicke im Südreich Juda

Die Könige im Südreich Juda schneiden alles in allem etwas besser ab; in ihren Amtszeiten gibt es neben viel Schatten auch etwas Licht. Zwei Könige ragen aus der Liste heraus, da sie auf Gott vertrauten. Von König Hiskija (725-697 vor Christus) heißt es, dass es „unter allen Königen Judas keinen wie ihn“ gab (2 Könige 18,5). Und auch König Joschija (639-609 vor Christus) tat offenbar, was dem Herrn gefiel. „Niemals wich er von diesem guten Weg ab, weder nach rechts noch nach links.“
 
Von beiden Königen ist überliefert, dass sie sich an die Gebote Gottes halten, den Tempelkult in Jerusalem fördern und die Verehrung der falschen Götter bekämpfen. Somit setzen sie mit ihrem Königtum das eigentliche Königtum des einen Gottes durch, weswegen die biblischen Schriften voll des Lobes über sie sind. In den langen Königslisten der Staaten Israel und Juda bilden sie damit aber eine rühmliche Ausnahme.
 
Doch im Jahr 587 vor Christus ist schließlich auch im Südreich Juda das Ende des Königtums gekommen: Die Babylonier erobern unter Nebukadnezzar Jerusalem und verschleppen die judäische Oberschicht nach Babylon.

Eine wirkliche Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit hat das Volk Israel im Altertum unter den wechselnden Vorherrschaften von Persern, Griechen und Römern nicht mehr erreicht, keine eigenen Könige hervorgebracht. Die Hoffnung auf einen solchen König, einen Gesalbten Gottes, bleibt allerdings wach, auch wenn die Vorstellungen davon sehr unterschiedlich sind. Neben der Idee eines siegreichen Anführers, die die fremden Mächte aus dem Land treibt, haben Propheten wie Jesaja da ganz andere Vorstellungen. Sie erzählen von einem endzeitlichen Gott-König, auf den noch zu warten ist. In der Adventszeit werden diese Visionen des Jesaja von einem Fürsten des Friedens wieder zu hören sein.

„Das ist der König der Juden“

Ob Jesus ein solcher König sein wollte, damit beschäftigt sich vor allem das Johannesevangelium. Schon in den ersten Kapiteln heißt es da, dass ihn die Menschen zum König machen wollen und er sich vor ihnen versteckte. Und viel später, in der Passion, richtet Pilatus die Frage an ihn: „Dann bist du also doch ein König?“ Jesus aber versteht sich als eine ganz neue Art von König, als einer, der Wahrheit und Gerechtigkeit herrschen lassen will. 

Genau so aber kann Jesus an die Tradition der guten Könige Israels anknüpfen. Nicht als politischer Machthaber, der die Regierungsverantwortung übernimmt, sondern als einer, in dessen Leben sich ganz klar zeigt, wer der wirkliche Herrscher dieser Welt ist: Gott allein.

Und dies zeigt er auch in seinem Tod. Als verspotteter König mit Dornenkrone stirbt er am Kreuz, verzichtet auf alle weltliche Macht und steigt hinab in den Tod. So paradox es ist: So ist der König, der über die Erde erhöht ist, um alle an sich zu ziehen. (Johannes 12,32)