03.07.2019

Wie Industriemeisterin Simone Haack zu Gott fand

Eintopf gesucht

Als Industriemeisterin ist Simone Haack eine von wenigen Frauen in einem männerdominierten Beruf. In ihrer Familie ist sie die Einzige, die zur Kirche geht. Die 37-Jährige lässt sich von niemandem was sagen. Nur vom „lieben Herrgott“, wie sie ihn nennt. Ihre Reise mit ihm begann an Pfingsten vor vier Jahren. Von Sarah Seifen.

Mit Kittel und Kreuzkette: Im Labor fühlt Simone Haack sich wohl. Foto: privat
Mit Kittel und Kreuzkette: Im Labor fühlt Simone Haack sich wohl. Foto: privat

„Geht das wirklich? Darf ich das?“ Plötzlich kommen Simone Haack diese Gedanken, als sie Ende Mai 2015 zum ersten Mal vor der Kirchentür von St. Bonifatius steht. „Ich bin nicht getauft und das hier ist eine katholische Kirche.“ Es ist Pfingsten, Fahnen wehen am Turm der Kirche in der Wiesbadener Innenstadt. Simone Haack geht rein. Eine Reise beginnt. 

Vier Jahre später zum Gespräch über ihren Glaubensweg hat sie Kekse besorgt. Erdbeeren und Kaffee stehen auf dem Tisch. Alles hat sie in einem Korb von ihrer Wohnung in Wiesbaden-Schierstein in den Gemeindesaal von St. Bonifatius gebracht. Dort wollte sie sich treffen, an ihrem Lieblingsort der Gemeinde, denn „hier bin ich zu Hause“. 

„Ich wollte Eintopf und bekam Brühe“ 

Wegen ihres Jobs kam die Chemielaborantin vor 17 Jahren nach Hessen. An der Küste im Norden habe sie keine Stelle gefunden, erzählt Simone Haack. Und für ihre Leidenschaft, die Laborarbeit, würde sie überall hingehen. Aufgewachsen ist Simone Haack in Dargelin in Mecklenburg. „Da spricht mich jeder mit ‚Die Große vom Kuddi‘ an. Ich gehöre da zu meinem Vater Kurt“, sagt die 37-Jährige und lacht. 

Die Kirche spielte in ihrer Kindheit keine Rolle. Aus einem Grund: Seit Generationen wird eine Geschichte in der Familie weitererzählt. Simone Haacks Urgroßmutter war mit ihren sechs Kindern aus Stettin geflohen. Sie habe an einer Kirchentür geklopft und um Hilfe in der Hungersnot gebeten. Der Pfarrer habe sie abgewiesen. „Deswegen war Kirche immer ein schwieriges Thema bei uns“, erzählt Simone Haack. 

Doch die junge Frau wollte selbst herausfinden, was in der Kirche passiert, wer Gott für sie sein kann. Während ihrer Ausbildung ging sie in Dresden zur Schule, war weit weg von der Familie. „Ich war neugierig, und da konnte ich zur evangelischen Kirche gehen, weil meine Eltern nichts mitgekriegt haben.“ Nach den Gottesdiensten sei sie aber enttäuscht gewesen. Ihr war es zu still, zu wenig gute Laune. „Ich habe gedacht: ‚Schade, so feiern die Christen Gott?‘ Ich wollte Eintopf und bekam Brühe“, erzählt Simone Haack. Ihr fehlte etwas. Aber sie wollte weitersuchen. 

Als sie 2015 die Kirche St. Bonifatius in Wiesbaden zum Pfingstgottesdienst betritt, ist ihr sofort klar: Sie möchte katholisch getauft werden. „Es war einfach unglaublich. Der Chor und das Licht ...“, schwärmt Simone Haack. Hier habe sie ihren „Eintopf“ gefunden. 

Nach langer Suche nach Gott lässt sich Simone Haack 2016 in St. Bonifatius Wiesbaden taufen. Foto: privat
Nach langer Suche nach Gott lässt sich Simone Haack 2016 in St. Bonifatius
Wiesbaden taufen. Foto: privat

Also geht Simone Haack zu Anna Niem, die damals Pastoralreferentin in St. Bonifatius war. „Ich habe schon viele Menschen begleitet auf dem Weg zur Taufe und auf einmal stand Simone da und erzählte ihre Geschichte. Das war schon besonders“, erzählt Niem, die mittlerweile Mentorin für Studierende an der Hochschule St. Georgen in Frankfurt ist. 

Ein dreiviertel Jahr hat sich Simone Haack auf ihre Taufe vorbereitet. Am 12. Juni 2016 wurde sie getauft. Der Tag ist für die Christin wie ein zweiter Geburtstag. Für ihre Familie war der Moment schwer: „Es hat lange Zeit gebraucht, bis sie es akzeptiert, eher toleriert haben. Aber ich bin katholisch. Ich stehe dazu.“ Wenn sie ihre Eltern und Geschwister im Norden besucht, geht sie alleine zur Messe, fragt vorher, ob jemand mitkommen möchte. An Weihnachten kamen ihre Schwester, ihr Schwager und ihr neunjähriger Neffe mit. „Der fand das so super. Vor allem die Messdiener. Ich möchte niemandem vom Glauben überzeugen, aber wenn jemand fragt, nehme ich ihn gerne mit auf die Reise.“ 

Auf ihrer Glaubensreise wird Simone Haack von ihrer Patin Angelika Koopmann begleitet. Die beiden Frauen schreiben sich Briefe, weil sie sich nicht oft sehen können. „Ich liebe Briefeschreiben“, sagt Simone Haack. „Ich finde es toll, dass ich meine Worte auf eine Seite packen kann. Und so viel, wie ich rede, schreibe ich auch.“ Sie lacht. Das tut die 37-Jährige immer. „Ich bin ein positiver Mensch. Der liebe Gott wird mich schon begleiten“, sagt sie. Seit ihrer Taufe sei sie gelassener geworden und nehme auch schwierige Aufgaben an. 

Menschen der Gemeinde sind eine zweite Familie 

In der Gemeinde macht Simone Haack unter anderen in der Citypastoral mit. Die Gespräche mit fremden Leuten beeindrucken sie. Auch um deren Sorgen kümmert sie sich gerne. 

Zum Treffen im Gemeindesaal ist eine Frau gestoßen. Sie muss zum Arzt und hat niemanden, der sie fährt. Simone Haack bietet ihre Hilfe an. Denn die Menschen, die nach St. Bonifatius kommen, seien wie eine zweite Familie. Und am Ende steht immer ein: „Das schaffen wir gemeinsam!“

 

Zitiert: Glaube und Wissenschaft

Das Thema „Schöpfung der Welt durch einen allmächtigen Gott“ hat die Chemielaborantin Simone Haack lange beschäftigt. „Ich habe mich mit dem lieben Herrgott geeinigt, dass er den Anstoß für die Evolution gegeben hat. Damit kann ich wunderbar leben. Wir Wissenschaftler können vieles erklären, und wenn wir etwas nicht sinnlich erfahren können, existiert es nicht. In der Taufe habe ich gemerkt, dass es mehr gibt. Dass Gott keine Grenzen hat.“