01.08.2018

Engel mit Kamm und Kluft

Nein, sie sind keine Rocker. Sie sehen nur so aus. In Offenbach haben die Barber Angels Menschen frisiert, die sich sonst kaum einen Friseur leisten können. Wer sind diese wohltätigen Barbiere und was treibt sie an? Von Christian Burger.

Aus den Lautsprechern schallt es „Du hast die Haare schön, du hast…“. Auf dem Gehweg werden Haare geschnitten und in Form geföhnt, Bärte getrimmt und Lippenstift aufgelegt. Daneben werden Bratwürste gegrillt, und Mitarbeiter eines Optikers verteilen kostenlose Lesehilfen und Sonnenbrillen. Es ist mehr als eine Wohltätigkeitsaktion. Es ist ein den Alltag aufbrechendes Haarschneide-Event, wie der Chef der Barber Angels, Figaro Claus Niedermaier, die Aktion nennt.

„Wir sind Friseursalon, Make-Up-Studio, Psychologe, Motivator und Spaßvogel zum Lachen – bei uns gibt’s das Rundum-Sorglos-Paket“, erläutert Vizepräsidentin Barberlady Tina. Was sie besonders begeistert und immer wieder animiert, weiter zu machen, ist die vielfältige und überwältigende Dankbarkeit, die man zurückbekommt, sagt sie.

Jeder darf seine Wünsche äußern

Figaro Claus Niedermaier, Gründer der Barber Angels, in Aktion. | Foto: Christian Burger
Figaro Claus Niedermaier, Gründer der Barber Angels, in Aktion.
Foto: Christian Burger

An anfängliche skeptische Blicke sind die Barber Angels gewöhnt, wenn sie irgendwo in ihren schwarzen Lederwesten und Kleidung im Biker-Stil auftauchen. Diese Arbeitsuniform stärkt einerseits das Gemeinschaftsgefühl der Friseure, da sie alle gleich aussehen, und soll andererseits eine Brücke zu den bedürftigen Menschen schlagen.

„Es würde nicht passen, unseren Gästen in Markenklamotten gegenüberzutreten“, findet Figaro Claus Niedermaier. Doch sobald die Neugierde die Skepsis überwiegt „zaubern wir den Leuten wieder ihr Lächeln her“, sagt Barber Angel „Atzinger“ Jürgen Kaufmann. „Ich mache das sehr gern, denn fröhliche Menschen sind für mich das Größte.“

Auch wenn in den drei Stunden der Einsätze zwischen 100 und 150 Gäste einen neuen Haarschnitt bekommen, darf jeder seine Wünsche äußern und wird im Pavillon auf der Straße genauso bedient wie im Friseursalon. Und plötzlich steht eine ältere, über das komplette Gesicht strahlende Frau vor ihrem „Friseurengel“ und schäkert: „Wir kennen uns ja schon seit 15 Jahren, aber eigentlich erst seit zwei Stunden, ne?“, während sie mit Handkuss verabschiedet wird. Barber Angel Tanju Erken aus Hanau erklärt sich das folgendermaßen: „Jeder Mensch ist schön, und wir heben das wieder hervor.“ Er merkt an: „Wenn man was Gutes macht, kommt was Gutes zurück.“

Einen besonderen Erfolg hatten die Barber Angels in München. Dort wurde eine 84-jährige Frau, die meistens unter einer Brücke schlief, aufgrund der Berichterstattung von einer Familie als Oma adoptiert, erinnert sich Figaro Claus Niedermaier.

Seit November 2016 gibt es die Barber Angels Brotherhood (Barbier-Engel-Bruderschaft). Claus Niedermaier erzählt, wie er damals mit einem guten Glas Rotwein auf seinem Sofa lag und einen erschreckenden Bericht über Kältetote sah. Er wollte etwas verändern. Seitdem nutzt er sein Handwerk, um bedürftigen Menschen Freude zu spenden und Würde zurückzugeben, weil sie sich diesen Luxus nicht leisten können. Mittlerweile hat die Bruderschaft der „geflügelten Friseure“ europaweit Mitglieder, die sich außer in Deutschland auch in Spanien, Holland, Österreich und der Schweiz engagieren. Dabei arbeiten sie zusammen mit Einrichtungen der Diakonie wie zum Beispiel der Teestube der Diakonie in Offenbach, die die Barber Angels einlud. Aber auch mit der Caritas oder der Bahnhofsmission sowie mit Frauen- und Männerhäusern, in denen sie ihre Aktionen immer 14 Tage im Voraus am Schwarzen Brett ankündigen.

Die innere Ausstrahlung verändert sich

Andrea Ruff vom Diakonie-Sozialdienst in Offenbach am Main ist begeistert von dem Gesichtsausdruck der Gäste, „der sich schon während des Schneidens verändert und am Ende Glück ausstrahlt“. Ihr Kollege Thomas Quiring ergänzt: „Auch die innere Ausstrahlung verändert sich, obwohl die Leute noch dieselben Kleider anhaben.“ Nun wollen die Barber Angels auch in Offenbach regelmäßig im Einsatz sein. Mit Terminen im Rhythmus von sechs bis acht Wochen. „Denn die Haare brauchen auch ein bisschen Zeit, um wieder zu wachsen“, weiß Claus Niedermaier.

www.b-a-b.club

 

Zur Sache: Gemeinnütziger Verein


Am 27. November 2016 gründete Claus Niedermaier aus Biberach an der Riß gemeinsam mit befreundeten Kollegen den Club „Barber Angels Brotherhood“. Seit November 2017 sind die Barber Angels als gemeinnütziger Verein anerkannt. Mit bereits mehr als 140 Mitgliedern sind sie bundesweit alle 14 Tage im Einsatz und geben Obdachlosen und anderen Bedürftigen durch kostenlose Haar- und Bartschnitte „ihr Gesicht zurück“.

Claus Niedermaier arbeitete nach seiner Friseurlehre von 1980 bis 1987 in London, Paris und Mailand. 1988 machte er seinen Meister und arbeitete von 1989 bis 1991 unter anderem in Los Angeles bei José Eber – einem der weltweit bekanntesten Friseure aus Beverly Hills. Seit 1992 betreibt er in Biberach seinen Salon „Figaro Claus“ mit zwölf Mitarbeitern. (pm)

 

Charity ohne Champagner

Von Anja Weiffen

Die Idee ist nicht neu. Menschen am Rande der Gesellschaft Würde wiederzugeben durch einen neuen Haarschnitt oder durch frisches Styling, darüber hat „Glaube und Leben“ bereits anhand anderer Beispiele berichtet. Auch kreatives Marketing ist heutzutage an der Tagesordnung. Originell an den Barber Angels finde ich den Bezug zur Bibel. Der macht neugierig. Die wohltätigen Friseure nennen sich nicht nur Engel, sie tragen auch einen Aufnäher mit dem Wort „Apostel“ auf ihrer Lederjacke. Darüber hinaus heißt der jeweilige Leiter der Barber Angels in einem Bundesland Zenturio, wie Autor Christian Burger herausfand.

Anja Weiffen Foto: privat
Anja Weiffen
Redakteurin

Kombiniert man die drei Begriffe Engel, Apostel, Zenturio – gibt man diese Worte in eine Suchmaschine im Internet ein –, kommt man auf den Zenturio Kornelius in der Apostelgeschichte. Kornelius galt als gottesfürchtig und wohltätig. Ihm soll ein Engel erschienen sein, der ihn aufforderte, den Apostel Petrus zu sprechen. Kornelius gilt als erster Nichtjude, der getauft wurde.

Passend zur Bibelpassage spuckt das Internet das Bild eines Deckengemäldes der Korneliustaufe aus. Und dieses Deckengemälde befindet sich just in der Stadtpfarrkirche von Biberach an der Riß, dem Heimatort von Claus Niedermaier, Gründer der Barber Angels. Ob sich der Friseur davon hat inspirieren lassen, sei dahingestellt. Doch sowohl die Kornelius-Geschichte als auch die Aktion der Barber Angels haben etwas Subversives. Da überwinden Menschen Grenzen des Gewohnten. Da bleiben Menschen nicht unter ihresgleichen.

Das Rocker-Image der wohltätigen Friseure liegt vielleicht nicht jedem. Doch die Barber Angels sind eine erfrischende Alternative zu manchen Charity-Events, bei denen Menschen in Abendrobe Champagner und Geld fließen lassen – und unter sich bleiben. Um das Thema zu vertiefen, lohnt es sich, die
Apostelgeschichte, Kapitel 10, über den Hauptmann Kornelius zu lesen.