05.02.2019

Zuschriften der Leserinnen und Leser

Erinnerungen an die Kindheit

In Folge 2 der Serie "Und Tschüss?!" haben wir die Leserinnen und Leser gefragt: Was sind Ihre Erinnerungen an die Kindheit? Einige Zuschriften haben uns erreicht:


"Alles hat ja im Leben eine Geschichte und eine Art 'Vorlauf'. Auch ich bin einmal aus der Kirche ausgetreten. Meine Kindheit war katholisch geprägt in einem Dorf im Bistum Trier. Meine Mutter ging jeden Sonntag mit uns in die Kirche, sie engagierte sich auch darüber hinaus mit Aktivitäten wie Pfarrbriefe austragen und Pfarrgemeinderat. Die Zeit der Kommunionvorbereitung (1982-1983) fand ich toll. Wir hatten einen sehr netten Pfarrer, der auch streng sein konnte. Dieser übernahm den Religionsunterricht für die Zeit der Kommunionvorbereitung. Wir malten viel, hörten Geschichten über Jesus, lernten die Gebete, und nach der Kommunion wurden fast alle Messdiener.

Als ich erwachsen wurde, kam eine Zeit, in der viele andere Themen interessanter wurden als Kirche. Das setzte sich fort mit Umziehen und Eintritt ins Berufsleben. Ich hatte keinen Bezug mehr zu einer bestimmten Kirche oder Gemeinde. Als junger Mensch lehnte ich die strengen Regeln von Papst Johannes Paul II. in Bezug auf Empfängnisverhütung ab und zog die Konsequenzen: Austritt, zack, ein Verwaltungsakt, plus etwas mehr Netto auf dem Lohnzettel.

Das Leben ging normal weiter.

Bis zu einem Urlaub in Österreich, im Salzburger Land, Jahre später, wo ich ein älteres Ehepaar kennen lernte. Sie waren beide aktive Christen, er als Künstler, sie als Geistheilerin. Sie hörte gut zu und war eine aufmerksame Gesprächspartnerin. Es gibt ja zwischen Himmel und Erde mehr, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt. Sie wurden von vielen Menschen um Hilfe gebeten. Die beiden mich unter ihre Fittiche und gegen Ende des Urlaubs gingen wir sonntags in die Kirche (katholischer Gottesdienst). Dort in der vollen Dorfkirche wusste ich, ich will wieder dazugehören. Wieder daheim, bin ich wieder eingetreten.

Alles braucht seine Zeit im Leben. Ich bin heute ein aktives Mitglied meiner Pfarrgemeinde und gehöre zu den Kirchgängern. Das ging auch nicht von heute auf morgen. Und heute kann ich es mir nicht mehr anders vorstellen. Es hilft mir in meinem Leben, zu glauben, zu beten, meine Sorgen und Bitten vor Gott zu tragen."

Marianne Bäumchen, Bad Kreuznach


 

"Woran ich mich gern erinnere: an die Schulzeit in der katholischen Volksschule. Die evangelische Volksschule war neben dran, es gab unterschiedliche Pausen.

Nach dem Tod meiner Oma 1949 – sie hatte leider meine Erstkommunion 1949 nicht mehr erleben dürfen – sind wir zum Opa und Onkel gegangen. Dafür musste ich circa eine Dreiviertelstunde zur Schule laufen. In Opas sehr großem Garten wuchs eigentlich alles, was man zum Leben benötigte, Kartoffeln, Getreide, Obst. Eine Ziege gab uns die Milch.

Opa ging jeden Morgen eine Dreiviertelstunde zur Kirche und das bis zu seinem 80. Geburtstag. Meine Schwester und ich waren da nicht so eifrig, lediglich am Freitag gingen wir in die Kirche. Am Wochenende zog es uns in unsere Wohnung. Da hatten wir es nur eine Viertelstunde bis zur Kirche.

Jeden Abend wurde gebetet: im Sommer eine Viertelstunde, im Winter eine Dreiviertelstunde. Meine Mutter erzählte, ihre Brüder hätten die Gebete musikalisch gewürzt, sie spielten Geige, Zither und Mandoline. Das Gebet stand im mittelpunkt unseres Lebens. Wir Kinder drückten uns davor und halfen meiner Mutter zum Beispiel beim Pellkartoffelschälen.

Ich habe es bedauert, in die Diaspora gezogen zu sein. Meine Kinder merkten sehr schnell, dass nur wenige Leute und kaum Kinder in der Kirche waren.

Nein, Zwang verbinde ich nicht mit meiner Kindheit."

Ursula Nickolmann, 78 Jahre, Büdingen


 

"Dankbar bin ich, in der Kindheit eine glaubwürdige (Haus-)Kirche erlebt zu haben, die mir Halt gegeben und meinen Lebensweg bestimmt hat. (Das hilft mir auch jetzt in schwierigeren Kirchen-Zeiten.) Vor allem das Zeugnis meiner Eltern, die in tiefem Gottvertrauen Krieg und Flucht überstanden haben, hat mich beeindruckt und geprägt.

Jeden Sonntag ging unser Vater mit den fünf Kindern an der Hand zum Hochamt, während die Mutter in der Frühmesse war und danach den Frühstückstisch bereitete. Dass wir gemeinsam regelmäßig zur Kirche gingen, natürlich in der Sonntagskleidung, war nicht Druck, sondern gehörte selbstverständlich zum Sonntag. Ohne Messe hätte mir etwas gefehlt. Auch zu einem Geburtstag in der Familie gehörte der Besuch der Messe.

Eigene Gebetbücher hatte unser Vater für uns, jeden einzelnen, geschrieben und uns die Liturgie erklärt. Er hat uns auch zur Erstkommunion (Frühkommunion) vorbereitet. Unsere Mutter las uns aus dem dicken Buch „Der endlose Chor“ die Heiligengeschichten vor, die unsere kindliche Seele sehr berührten.

Das Tischgebet war in unserer Familie selbstverständlich, und das Brot wurde vor dem Anschneiden gesegnet. Ich erinnere mich an Mai- und Adventsandachten zu Hause, wobei Vater gerne Lieder mit der Blockflöte begleitete. Für das Abendgebet hatte er für uns Kinder eine Kniebank gefertigt. Darauf kniend vor dem Kreuz – oder in der Weihnachtszeit vor der Krippe - haben wir den Tag beschlossen; Vater betete vor, nicht nur vorgeformte Gebete, sondern 'aus dem Herzen'. Und er segnete uns vor dem Zubettgehen. Auch später begleitete mich der elterliche Segen. Nach einem Besuch zu Hause ließ mich meine Mutter nie ins Auto steigen, ohne mich mit Weihwasser zu segnen.  

In vorgerückten Jahren stellte unser Vater eine Sammlung von Texten des Glaubens und Vertrauens zusammen, die er jedem von uns wie ein geistliches Testament hinterlassen hat.

Ich kann Gott nur danken, dass ich 'Kirche' anders erlebt habe als viele andere: sinn- und haltgebend, lebensbejahend, ermutigend, hoffnungsvoll - vor allem durch das tiefgläubige Zeugnis meiner Eltern."

Bernhard Klatt, Pfr. i. R., Marburg


 

"Ich, Jahrgang 1958, wurde seit 1965 in der St. Josefsgemeinde in Flörsheim groß mit dem jungen Pfarrer Hans Wiedenbauer, der das Zweite Vatikanische Konzil sowohl im Kirchenbau als auch in der Liturgie zügig umsetzte. Meine Eltern waren weltoffen und engagierten sich in der neuen Pfarrgemeinde. Eine Aussage meines Vaters zur Beichtpraxis prägt mich bis heute: 'Ich würde mich schämen, wenn meine Kinder beichten würden: Ich habe genascht.'"

Hildegund Klockner, Flörsheim


 

"Ungeordnete Notizen:

Jahrgang '31 bin ich. Der 31. März 1940 war mein Erstkommuniontag. Es waren 40 Kinder. In der Vorbereitungszeit besuchte der Pfarrer alle Familien. Zur Vorbereitung hatten wir das Kommunionglöckchen. Lässliche Sünde – Todsünde – Fegefeuer spielten eine wichtige Rolle. Zu den Todsünden gehörte auch das Versäumnis der Sonntagsmesse und alles, was das sechste Gebot betrag – Unkeuchheit. Nüchtern musste man ab 0 Uhr sein bis zur Kommunion. Ingrid hatte beim Zähneputzen Wasser geschluckt am Tag der Erstkommunion und man beriet, was man tun müsse. Zur Beichte gingen die Kinder alle vier Wochen, oft mit Zettel, damit man nichts vergaß, denn das war unwürdig gebeichtet und eine Sünde.

Eine Fronleichnamsprozession durfte in Köln erstmals 1940 nicht mehr sein. Besonders wir Kommunionkinder waren traurig, denn wir hätten mit den Kommunionkindern des Vorjahres hinter dem Allerheiligsten gehen dürfen. Der ganze Weg, wo sonst die Prozession herging, hatte geschmückte Fenster und Einfahrten.

Später im Oldenburger Land waren straßenweit Blumenteppiche. In den 50er Jahren in Freiburg war es selbstverständlich, dass wir vor der Uni morgens um vier Uhr einen Teppich legten.

In der Kinderzeit war Religion wichtiger Halt. Die Maiandachten besuchten wir täglich freiwillig. Wir Geschwister durften jeder einen Maialtar bauen auf dem Nachttisch. In der Fastenzeit hatten wir Geschwister da eine Dose stehen, in die jedes Bonbon reinkam. Sonntags durften wir die Süßigkeiten essen. Da es in der Schule keinen Religionsunterricht mehr geben durfte, gingen wir zu einer Schwester vom Heiligen Kreuz in die Kirche, bekamen Heftchen von vielen Heiligen. Bei Fliegeralarm nach zwölf durfte die Messe erst um zehn Uhr gehalten werden. Familien in unserer Pfarrei schickten dann uns Kinder erst um zehn Uhr in die Schule. Das war nicht ganz einfach für uns.

Jungmädel oder Bund Deutscher Mädel war Pflicht. Die katholischen Familien ließen die ältesten Kinder Führerinnen werden, damit waren wir Jungmädels geschützt. Religion spielte eine große Rolle. Es war selbstverständlich, dass bei Fliegerangriffen der Rosenkranz gebetet wurde. In Köln ist trotz Bombenteppich um die Altstadt mitten in den Trümmern eine Madonnenskulptur stehen geblieben.

Messtexte waren lateinisch. Nur Jungen durften Messdiener werden und die mussten 'Introibo ad altare Dei' (Stufengebet, Beginn der alten Messe, Anm. d. Red.) auswendig können. Die drei Stufen zum Altar durften wir Mädchen nicht betreten. Wer einen Schott (Volksmessbuch, Anm. d. Red.) besaß, konnte den Messtext verstehen. Positiv war, wenn man im Ausland war, verstand man mit Schott auch dort die Messe. Wir hatten einen heiligen Katechismus, den mussten wir auswendig lernen, und eine Schulbibel. Obwohl ich für die Lehrtätigkeit ausgebildet wurde, durfte ich kein AT (Altes Testament) lesen. Die Ausbildung (verpflichtend) war so einengend, dass ich aufatmete beim Konzil. In Stuttgart war eine Predigtreihe zu Jeremia und Elia. Ich las in drei Tagen das ausgeliehene AT und kam ins Schleudern. Ich versuchte mich fortzubilden und fand später eine tragende Gemeinde. In Assisi (2003) fand ich den bedingungslos liebenden Gott.

Evangelische Kirchen durften von Katholiken nicht betreten werden. Evangelische kommen nicht in den Himmel, wurde uns beigebracht. Gebet: 'Gott, sei so gut, lasse doch dein teures Blut in das Fegefeuer fließen, wo die armen Seelen büßen. Ach, sie leiden große Pein, wollest ihnen gnädig sein. Höre das Gebet der Deinen, die sich all' mit dir vereinen. Nimm die armen Seelen doch heute in den Himmel noch.'

Zur Firmung versammelten sich alle Kommunionkinder mit etwa neun Jahren in einer Kölner Kirche. An eine Vorbereitung dafür kann ich mich nicht erinnern. Wir bekamen dann eine Urkunde darüber, wann das Sakrament gespendet wurde und wer das Sakrament gespendet hat. Das war es.

Sühne war wichtig. Im Internat wurden wir besonders an Fastnacht dazu angehalten, weil da so viel gesündigt wurde. Die Frömmigkeit der Menschen war groß, zum Beispiel erinnere ich mich, dass mein Vater, wenn er an einer Kirche vorbeikam, den Hut absetzte. Wenn ein Geistlicher die Sterbesakramente brachte, war er im Messgewand, ein Messdiener ging voraus und schellte. Man kniete auf offener Straße auf zwei Knien, wenn der Geistliche vorbeikam."

anonym, eingeworfen in Mainz