05.12.2018

Schwester Philippa Rath zur Rolle der Frau in der Kirche

Mutige Schritte wagen – wenn nicht jetzt, wann dann?

Für Schwester Philippa Rath aus dem Eibinger Kloster St. Hildegard ist es höchste Zeit. Es müsse endlich „zu einem angstfreien und fruchtbaren Miteinander von Männern und Frauen“ in der Kirche kommen. Wenn sich nichts ändere, sagt die Benediktinerin, würden mehr und mehr Frauen ihrer Kirche den Rücken kehren und es könne „bald sehr einsam werden für die Amtsträger“.

Sie haben entdeckt, dass eine Schwester aus Ihrem Konvent – Marianna Schrader – bereits in den 1960-er Jahren in Fachartikeln, in Zeitschriften und in Briefen an die Limburger Bischöfe gefordert hat, intensiv über den Diakonat der Frau zu forschen und über dessen Wiedereinführung nachzudenken. Wie sind Sie auf dieses frühe Zeugnis gestoßen? Hat das Bedeutung für Ihre Gemeinschaft?

Schwester Philippa Rath: Diese Entdeckung verdanken wir Dr. Regina Heyder, die bei der Recherche für ihr Buch „Katholikinnen und das Zweite Vatikanische Konzil“ auf die Arbeiten und die Briefe unserer längst verstorbenen Mitschwester gestoßen ist. Diese lagen bei uns in den Tiefen des Archivs und sind nun nicht nur für uns wieder ganz aktuell geworden. SchwesterMarianna war eine unserer großen Hildegardforscherinnen und offenbar auf vielen Gebieten sehr interessiert und engagiert.

Marianna Schrader Foto: Abtei St. Hildegard Eibingen
Die Eibinger Benediktinerin Marianna Schrader an ihrem Schreibtisch
Foto: Abtei St. Hildegard Eibingen

Sie hat sich übrigens nicht nur für die Diakoninnenweihe, sondern auch schon für die Erhebung der heiligen Hildegard zur Kirchenlehrerin eingesetzt. Sr. Marianna war ihrer Zeit also in mehrfacher Hinsicht mehr als 50 Jahre voraus. Wie froh wären wir, wenn der damalige Vorstoß unserer Mitschwester in Sachen Diakoninnenweihe heute schon Normalität in unserer Kirche wäre, wie es dies in den Anfängen der Kirche ja lange Zeit gewesen ist. Dies erscheint mir heute umso mehr gerechtfertigt zu sein, als die diakonische Arbeit der Kirche sowieso überwiegend von den Frauen geleistet wird.

Mehr als 50 Jahre später lässt sich generell in der Kirche beobachten: Frauen kommen mit ihrer Geduld an ein Ende. Nicht zuletzt in Folge des Missbrauchsskandals sind sie lauter zu hören, die Frauenstimmen, die jetzt ihren Anteil an Mitsprache, Verantwortung und Macht in der Kirche einfordern. Inwiefern ist das auch in ihrer Schwesterngemeinschaft ein Thema?

Die Themenfelder, die Sie ansprechen, bewegen auch viele von uns natürlich sehr, und zwar in allen Generationen. Das Ausmaß des Missbrauchsskandals und der Umgang damit haben uns tief erschüttert und lässt in manchen von uns, auch in mir persönlich, so etwas wie „heiligen Zorn“ aufsteigen.

Inzwischen wissen wir ja, dass auch nicht wenige Ordensleute unter den Tätern sind. Und auch unter den Opfern. Das bedrückt uns in mehrfacher Hinsicht, denn es gibt so viele Formen des (Macht)-Missbrauchs, nicht nur den körperlichen, sondern auch den seelischen, den geistigen und den geistlichen. Ich fürchte, dass gerade letzterer ein Feld ist, das in seinen Ausmaßen noch gar nicht hinreichend beachtet, geschweige denn aufgeklärt ist.

Zuletzt haben die Oberinnen zahlreicher Frauenorden sich in die Diskussion eingeschaltet. In einem Positionspapier fordern sie vor allem auch eine „Kultur des Dialogs“. Wie könnte diese aussehen?

Schwester Philippa Rath Foto: Abtei St. Hildegard
Schwester Philippa Rath
Foto: Abtei St. Hildegard Eibingen

Die deutschsprachigen Generaloberinnen, die mehrere tausend Ordensschwestern vertreten, haben gottlob klar Position bezogen. Das ist ein hoffnungsvolles Zeichen, dem, so Gott will, auch die Äbtissinnen und Priorinnen unserer monastischen Klöster irgendwann folgen werden.

Die Generaloberinnen haben nicht nur eine „Kultur des Dialogs“, sondern auch mehr „Partizipation und Geschlechtergerechtigkeit“ in unserer Kirche gefordert. Konkret sagen sie: „In Zukunft sind mehr Frauen bei Bischofssynoden, selbstverständlich mit Stimmrecht, einzubeziehen. Nur so können sie mitentscheiden.“

Auch von der Zulassung von Frauen zu kirchlichen Ämtern und Diensten ist in dem Positionspapier die Rede. Am letzten Wochenende hat sich ja auch die Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ZdK in einer gemeinsamen Erklärung in genau derselben Weise geäußert. Dies alles sind Fragen, die endlich auf die Tagesordnung gehören und nicht mehr aufgeschoben werden können. Denn, wie sagten Sie doch völlig zurecht: Viele Frauen sind am Ende mit ihrer Geduld. Ich würde es sogar noch deutlicher formulieren: Die Frauenfrage könnte sehr bald zu einer Frage von Sein oder Nichtsein für unsere Kirche werden. Schon jetzt kehren ja viele Frauen der Kirche den Rücken, so dass es bald sehr einsam werden könnte für die Amtsträger.

Wichtig ist mir persönlich dabei, dass es zu einem angstfreien und fruchtbaren Miteinander von Männern und Frauen kommt. Es darf nicht um Macht gehen, sondern es muss um das Bewusstsein für den gemeinsamen Dienst an den Menschen gehen, um gemeinsame Verantwortung, um unsere gemeinsame Antwort auf den Heilsauftrag Jesu.

In der „Beuroner Benediktinerkongregation“, zu der auch Ihre Abtei gehört, ist es von Anfang an bewährte Praxis, dass Äbte und Äbtissinnen in geschwisterlichem Miteinander gemeinsam tagen und über die Zukunft des Ordens beraten. Was könnte die Gesamtkirche von den Orden lernen?

Wir Nonnen und Mönche in der Beuroner Benediktinerkongregation empfinden das Miteinander von Brüdern und Schwestern als große Bereicherung. Männliche und weibliche Spiritualität ergänzen sich, die anstehenden Fragen werden gemeinsam beraten, gemeinsam entschieden und in den jeweiligen Klöstern dann je nach der individuellen Situation umgesetzt. Übrigens treffen sich nicht nur die Äbte und Äbtissinnen regelmäßig, sondern es gibt auf vielen Ebenen einen regen Austausch. Ich wünschte mir, dass viele Vertreter unserer Kirche solche positiven Erfahrungen machen könnten. Das würde Ängste nehmen und Mut machen, ein solches fruchtbares Miteinander zu wagen und die Verantwortung zu teilen.

Könnte es beispielsweise ein Weg in eine gute Zukunft der Kirche sein, wenn Ämter auf Zeit vergeben und Amtsinhaber vom Kirchenvolk gewählt werden? So wie es bei den Benediktinern praktiziert wird?

In unseren Klöstern hat es sich sicher bewährt, dass die Oberinnen und Oberen von der Gemeinschaft gewählt sind, ihr gegenüber Rechenschaft schuldig sind und ihr Amt zeitlich begrenzt ausüben. Letzteres gilt ja im Übrigen auch für die Amtsträger in der Kirche. Ob das Modell der Orden als Ganzes aber so ohne weiteres auf die Gesamtkirche übertragbar ist, wage ich zu bezweifeln. Letztlich ist diese Frage, glaube ich, aber auch nicht die entscheidende. Durch ein partnerschaftliches und gerechtes Miteinander von Frauen und Männern auf allen Ebenen der Kirche würden verkrustete Strukturen von selbst aufbrechen, würde – davon bin ich überzeugt – Missbrauch in all seinen Formen eingedämmt und hoffentlich bald endlich der Vergangenheit angehören.

Das ist noch ein langer Weg, fürchte ich. Wir dürfen uns davon aber nicht entmutigen lassen. Das Frauenwahlrecht, das vor 100 Jahren eingeführt wurde, fiel auch nicht in einem Tag vom Himmel. Dazu brauchte es eine Vision, dann sehr viel an Bewusstseinsbildung – auch in den Reihen der Frauen selbst –, dann viel Überzeugungsarbeit und leidenschaftliches Engagement, manchmal auch machtvolle Demonstrationen bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens.

Dennoch meine ich: Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir mutige Schritte in eine neue Zeit wagen? Die derzeitige Glaubens- und Kirchenkrise, die in vielem vor allem ja eine Glaubwürdigkeitskrise ist, schreit doch geradezu nach Reformen. Wenn wir das aufmerksam wahrnehmen und jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen, dann hätte die Krise einen tiefen Sinn und kann zu einer großen Chance werden.

Interview: Johannes Becher