23.05.2018

„Sie wollen Farbe bekennen“

Kurz vor Fronleichnam werden in vielen Gemeinden wieder Prozessionen vorbereitet – mit Ehrenpforten und geschmückten Altären. In Oberhessen hat das Fest vielerorts eine große Tradition – auch heute noch? Von Yanik Schick.

Bunt und festlich: die Prozession an Fronleichnam im oberhessischen Mardorf. | Foto: Yanik Schick
Bunt und festlich: die Prozession an Fronleichnam im oberhessischen Mardorf. Foto: Yanik Schick

Franz Langstein, Pfarrer der Gemeinde St. Johannes Evangelist in Marburg, ist schon voller Vorfreude. An Fronleichnam wird es – wie in den vergangenen Jahren – zunächst wieder eine öffentliche Eucharastiefeier auf dem Marktplatz der Universitätsstadt geben. Danach, bei der Prozession, schlängeln sich schätzungsweise 800 Christen durch die engen Gassen der Marburger Oberstadt. „Das ist einfach ein tolles Bild“, sagt Langstein, „denn es ist ein schönes und vor allem farbenfrohes Fest. Bei vielen Menschen ist es als Tradition stark verankert.“

Schon seit langer Zeit feiern die vier katholischen Stadtgemeinden St. Johannes Evangelist, St. Peter und Paul, Liebfrauen und St. Franziskus Fronleichnam gemeinsam. Nach der Prozession kehren die Teilnehmer traditionell zu einem Fest der Gemeinde St. Peter und Paul ein. Laut Pfarrer Langstein beteiligten sich in den vergangenen Jahren gleichbleibend viele Menschen daran. „Ich glaube, vielen Leuten ist es an diesem Tag wichtig, Farbe zu bekennen. Denn bei der Prozession entsteht ein Gefühl von Gemeinsamkeit, das ausdrückt: ,Wir Christen halten zusammen.‘ “

Jede Ortschaft hängt an ihrer Prozession

Auch in der Seelsorgeeinheit Amöneburg laufen die Vorbereitungen auf Fronleichnam auf Hochtouren. „Wir haben festgestellt, dass jede Ortschaft an ihrer jeweiligen Prozession hängt“, sagt Pfarrer Marcus Vogler. Deshalb wird auch in diesem Jahr in allen fünf Orten – also Amöneburg, Roßdorf, Mardorf, Erfurtshausen und Rüdigheim – eine Messe mit anschließender Prozession angeboten. Aufgrund der knappen Personallage kann die Prozession aber nicht überall am Fronleichnamstag selbst durchgeführt werden. Deshalb wird in jährlicher Rotation immer eine Prozession auf den Sonntag darauf „ausgelagert“ – in diesem Jahr ist Amöneburg an der Reihe.

„Die Leute, die sich um die Vorbereitung in den Orten kümmern, stecken viel Herzblut in die ganze Sache“, berichtet Pfarrer Vogler. Obwohl die Zahl der Kirchenbesucher im Allgemeinen rückläufig sei, würden an den Fronleichnamsprozessionen unverändert viele Menschen teilnehmen. „Wir möchten deshalb die Traditionen aufrechterhalten, so lang es geht“, so Vogler.

Die neugegründete Pfarrei Heilig Geist in Stadtallendorf hat diesbezüglich einen anderen Weg eingeschlagen. Früher gab es drei Prozessionen – eine der Gemeinde St. Katharina, eine in der Stadtallendorfer Innenstadt und eine in Niederklein. Dies hat sich geändert durch den Zusammenschluss der vier Pfarreien St. Katharina, St. Michael, Christkönig sowie St. Blasius und Elisabeth zum Jahresbeginn 2016. Es gibt zu Fronleichnam nur noch ein Hochamt inklusive Prozession – in diesem Jahr bei St. Katharina. „Unser Gedanke ist: eine Gemeinde, eine Prozession“, erklärt Pfarrer Diethelm Vogel. Und wie wirkt sich das auf die Teilnahme aus? „Die Beteiligung ist gut“, so Vogel, „diejenigen, denen der Inhalt wichtig ist, ist egal, wo die Prozession stattfindet.“ Aber er sagt auch: „Es kommen nicht ganz so viele wie vorher, weil die Prozession nicht mehr für alle vor der eigenen Haustür stattfindet.“

„Nach Skepsis funktioniert es heute super“

Die Entwicklung, die in Stadtallendorf gerade stattfindet, hat die Seelsorgeeinheit Kirchhain schon vor einigen Jahrzehnten durchlebt. Bis in die 1980-er Jahre gab es in den Dörfern Stausebach, Sindersfeld, Himmelsberg und Anzefahr zu Fronleichnam jeweils eigene Messen mit anschließenden Prozessionen. Weil die Teilnehmerzahlen aber überall nicht besonders hoch waren, wurde damals der Entschluss gefasst, ein gemeinsames Fest für alle vier Gemeinden auszurichten.

„Natürlich waren anfangs einige Leute skeptisch, aber es hat sich schnell eingespielt, und heute funktioniert es super“, sagt Pfarrsekretärin Regina Kempf. Sie rechnet in diesem Jahr bei der Prozession in Stausebach mit rund 300 Menschen.

Kolping lädt zum Grillen nach der Prozession

In der Kernstadt Kirchhain wird es traditionell eine eigene Prozession geben. Danach bringen die Kommunionkinder gesteckte Blumenkörbchen zu den Bewohnern des Altenheims „Haus Elisabeth“. Außerdem lädt die Kolpingfamilie Kirchhain wie in jedem Jahr zum Grillen in den Pfarrgarten ein.

 

Meinung: Rausgehen – einladen

Von Hans Joachim Stoehr

Hans-Joachim Stoehr
Hans-Joachim Stoehr
Foto: privat

Prozessionen stehen für eine Geh-Hin-Kirche. Denn die Richtung geht aus der Kirche hin zu den Häusern und Orten, wo die Menschen leben. Für den, der mitläuft, ist es ein Bekenntnis zum eigenen Christsein. Und zwar nicht allein, sondern mit anderen zusammen. Die bunte und festliche Gestaltung der Straßen bezeugt nach außen: Jesus, der in der Gestalt der Hostie in der Prozession getragen wird, ist die Mitte der Welt – ihr Heil.

Ist der Prozessionszug allerdings ein Protestzug gegen die böse Welt da draußen, fehlt ein wichtiger Aspekt: die Menschen einzuladen, mitzugehen, sich anzuschließen. Diese werbende Einladen erreichen Christen und Kirchengemeinden nicht durch Prozessionen einmal im Jahr. Das gelingt Christen am besten durch ihr gelebtes Zeugnis im Alltag – in der Familie, im Beruf.