02.06.2021

Teil 4 unserer Credo-Serie

Ganz der Vater!

Unsere Serie zum Apostolischen Glaubensbekenntnis beschäftigt sich mit den Grundpfeilern des christlichen Glaubens. Diesmal geht es um Aussagen rund um die Geburt Jesu. Und darum, was Gott damit zu tun hat.

Der Staufener Altar von 1420/30 zeigt Mariä Empfängnis: Der Erzengel Gabriel bringt Maria die Frohe Botschaft.

Von Susanne Haverkamp

Diesmal wird’s kompliziert. Theologisch, aber noch viel mehr persönlich, vielleicht sogar emotional. Denn diesmal ist im Credo die Jungfrauengeburt an der Reihe und an der scheiden sich schon lange die Geister. Für die einen ist sie reine Legende, für andere so unumstößliche Tatsache, dass jede Anfrage daran schon als Ketzerei und Beleidigung Mariens gilt. Wer deshalb gar nicht darüber nachdenken möchte, der oder die möge hier einfach aufhören zu lesen. Alle anderen sind eingeladen, mitzudenken.

... Empfangen durch den Heiligen Geist

Die wichtigste Botschaft ist eigentlich vollkommen selbstverständlich: Im Mittelpunkt der Credo-Sätze „Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ steht Jesus. Es geht darum, was wir über Jesus Christus glauben, und nicht darum, was wir über Maria glauben. Der Name Maria kommt vor – so wie später auch der Name Pontius Pilatus. Aber so wenig wir im Credo etwas über Pontius Pilatus bekennen, so wenig bekennen wir etwas über Maria. Wir bekennen etwas über Jesus. 

Und was genau ist das? Wir bekennen über Jesus, dass sein gesamtes Dasein von Beginn an in besonderer Weise mit der lebensspendenden Macht Gottes zu tun hat; dass die Sendung Jesu grundlegend in Gott verankert ist, dass Gott die Neuschöpfung in Jesus Christus selbst bewirkt hat. Und in der Bibel wird die Schöpfungsmacht Gottes mit dem hebräischen Begriff „ruach“, Geist, umschrieben. Genesis 1,2: „Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“

Ebenso wichtig ist, was wir durch diesen Satz nicht bekennen: dass nämlich Jesus antiken Halbgöttern vergleichbar ist –  göttlicher Same in einer menschlichen Mutter. Nein, um Samen und Genetik geht es in diesem Glaubenssatz nicht.

Als einzige der biblischen Autoren interessieren sich Matthäus und Lukas für die Herkunft Jesu. Und für ihre Kindheitsgeschichten gilt, was jeweils für das ganze Buch gilt: Es ist ein Evangelium, keine Biografie. Die Anfangskapitel haben deshalb kein im engen Sinne historisches Interesse, sondern ein theologisches. Sie wollen deutlich machen, dass erstens Jesus der angekündigte Messias ist – deshalb etwa der Stammbaum Jesu und die vielen Zitate aus dem Alten Testament über das, was sich nun in Jesus erfüllt. Und gleichzeitig wollen die Evangelisten ausdrücken, dass in und mit Jesus etwas ganz Neues geschieht, etwas, womit kein Mensch rechnen konnte, etwas, das die Messiaserwartung der Juden deutlich übersteigt: die Menschwerdung Gottes. Dafür steht der Satz „empfangen durch den Heiligen Geist“.

... geboren von der Jungfrau Maria

Untrennbar mit diesem Gedanken von der göttlichen Herkunft Jesu ist für unsere Wahrnehmung der von der Jungfräulichkeit Mariens verbunden. Obwohl, und damit sei begonnen, das nicht unbedingt so ist. 

So sprechen beispielsweise der Evangelist Johannes und Paulus häufig von der Gottessohnschaft Jesu – und nie von der Jungfräulichkeit Mariens. Für sie war das offenbar kein relevantes Thema. Dem schließt sich Joseph Ratzinger an und schreibt in seiner „Einführung ins Christentum“: „Die Gottessohnschaft Jesu beruht nach kirchlichem Glauben nicht darauf, dass Jesus keinen menschlichen Vater hatte; die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre. Denn die Gottessohnschaft, von der der Glaube spricht, ist kein biologisches, sondern ein ontologisches Faktum.“ Also eine Frage des Seins, des Wesens. So, wie das Große Glaubensbekenntnis sagt: „Eines Wesens mit dem Vater.“

Dass Gottessohnschaft Jesu und biologische Jungfräulichkeit Mariens nicht zwingend zusammengehören, heißt nun aber nicht, dass die Jungfräulichkeit zwingend Legende ist. Dieser Umkehrschluss wäre falsch. Es ist weder zu beweisen noch ausschließen, dass Matthäus und Lukas die Jungfräulichkeit nicht nur theologisch, sondern auch historisch verstanden haben – auch wenn das Theologische sicher im Vordergrund stand. Die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung gerät hier an ihre Grenze, insofern ihre Ergebnisse „keine eindeutige Antwort zulassen“, schreibt der Dogmatiker Theodor Schneider in seinem Buch über das Glaubensbekenntnis.

Historisch eindeutig belegt ist hingegen, dass die Fixierung auf die biologische Frage durch eine bestimmte theologische Richtung im 2./3. Jahrhundert ihren Anfang nimmt. Der Manichäismus mit seinen leib- und geschlechtsfeindlichen Tendenzen empfindet eine normale Empfängnis als unwürdig und dehnt diesen Gedanken sogar auf die Geburt aus, die ebenso als nicht normal, sondern wundersam geglaubt wird. Ohne Schmerz, ohne Blut, ohne all die unästhetischen Begleiterscheinungen.

Damit löst sich der Glaubenssatz „geboren von der Jungfrau Maria“ von seiner ursprünglichen christologischen Aussage über Jesus hin zu einer mariologischen Aussage über die Gottesmutter. Dazu wäre im Prinzip noch einiges zu sagen, aber nicht hier und jetzt. Denn Mariologie hat, wie schon weiter oben bemerkt, nicht im Credo ihren Platz.