08.08.2019

Sommerserie 2019 – Teil 5

Ganz nah beim „Ich bin da“

Schon die Kirche Heilige Dreifaltigkeit in Offenbach entfaltet eine mystische Wirkung, die man dem 1968 geweihten ovalen Stahlbetonbau auf dem Buchhügel auf den ersten Blick nicht zutraut. Wer die Treppe hinuntersteigt, findet die St. Jakobuskrypta. Ein Kraftort im Kraftort. Angekommen an der fünften Station unserer Sommerserie. Von Maria Weißenberger.

Ein Blick durch die nur wenig geöffneten Glastüren lässt die besondere Atmosphäre ahnen. | Fotos: Maria Weißenberger
Ein Blick durch die nur wenig geöffneten Glastüren lässt die besondere
Atmosphäre ahnen. Foto: Maria Weißenberger

Erster Impuls nach dem Eintreten durch die ansprechend gestalteten Glastüren: Einfach nur hinsetzen, den Raum auf mich wirken lassen. Noch steht mir der Sinn nicht nach Details. Helligkeit umfängt mich, warm und freundlich fühlt es sich hier an, Farbe und Licht wirken auf die Augen und auf die Seele. Nichts Niederdrückendes, obwohl ich im Keller bin.

Der Blick wandert nach oben. Der Raum ist nicht sehr hoch, doch die Decke vermittelt Weite und Offenheit. Eine Kassettendecke in wohltuenden Farben, verschiedene Abstufungen von Terrakotta, leicht marmoriert. 

Die Kassettendecke, die dem Raum Höhe verleiht, kam zum Vorschein, als beim Umbau die Gipskartondecke herausgerissen wurde, erzählen Pfarrgemeinderats-Vorsitzender Sven Herget und Andreas Wanzek vom Verwaltungsrat. Nachdem die Dreifaltigkeitskirche gebaut war, diente der Kellerraum nämlich zunächst als Pfarrsaal. Noch gab es kein Pfarrzentrum, in dem sich die Gemeinde zu Sitzungen, Feiern oder Gruppenaktivitäten versammeln konnte. 

Sieben Sakramente plus eins – eine Idee des Pfarrers vom Künstler umgesetzt 

Nachdem mehr als zehn Jahre später das Pfarrzentrum zur Verfügung stand, verlor der Raum unter der Kirche zunächst seine Bedeutung. Der damalige Gemeindepfarrer Klaus Denner kam schließlich auf die Idee, die Krypta nun auch spirituell zu nutzen. Architekt Helmut Bauernfeind hatte den trapezförmigen Raum von vornherein als Krypta eingeplant, wie die Pläne für den Kirchenbau beweisen, die Andreas Wanzek jetzt ausbreitet. Doch erst 2006 war es endlich so weit, dass Weihbischof Werner Guballa die Krypta weihte. 

Robert Münch, Glaskünstler aus Groß-Umstadt, setzte Denners Idee in die Tat um, die Sakramente auf Glasbildern darzustellen. Allerdings gab er zu bedenken, dass die Zahl sieben für eine symmetrische Anordnung schwierig ist – es sollten schon auf jeder Seite gleich viele Glaselemente sein. Also kam ein achtes Glasbild hinzu: die Kirche als Ur-Sakrament. 

Auf Anhieb zu erkennen, welches Sakrament in dem jeweiligen Bild gemeint ist, ist schwer bis unmöglich. Die Motive von Robert Münch lassen eine Menge Interpretationsspielraum zu. Doch es ist gut so, wie es ist. Die Farben – mal zart, mal kräftig – können eine Einladung sein, sich zu vertiefen, die Fantasie spielen zu lassen. Zu entdecken, was ich in diesen Bildern sehe. Ganz ohne den Zwang, etwas darin sehen zu müssen.

Hinter dem Altar – der bewusst von dem vorhandenen Podest heruntergeholt wurde, mitten unter die Menschen, die sich hier versammeln – ein wandhohes Glasbild. Den brennenden Dornbusch hat der Künstler hier dargestellt. Mir geht die Bibelstelle durch den Kopf: Der Dornbusch, der brennt und nicht verbrennt. Aus dem Mose die Stimme Gottes hört. „Zieh deine Schuhe aus, da, wo du stehst, ist heiliger Boden.“ Keine pompöse Erscheinung. Ein loderndes Feuer. In einem armseligen Dornbusch. Mitten in den Dornen des Lebens, die keinem erspart bleiben. Gott ist da, gibt sich zu erkennen. „Ich bin der ,Ich bin da‘, offenbart er seinen Namen. 

Ob ich das Motiv an der Wand erkenne, spielt kaum eine Rolle: In dieser „Minikirche unter der Kirche“, wie Sven Herget es formuliert, wird Gottes Nähe spürbar. Sicher auch für die Kleinen im Kinderwortgottesdienst, für die Firmlinge, wenn sie hier Gottesdienst feiern, und für die Jugendlichen, die sich bei ihren Übernachtungsaktionen immer einen Impuls in der Krypta wünschen. Die auch deshalb fasziniert, weil die Technik es möglich macht, immer neue Lichtstimmungen zu erzeugen. 

Zu den Gottesdienstzeiten ist die Krypta geöffnet. Sie möchten zu anderen Zeiten an diesem Kraftort auftanken, zu sich selbst kommen, mit einer Gruppe Gottesdienst feiern? Dann ist es empfehlenswert, sich im Pfarrbüro zu melden und einen Termin zu vereinbaren. 

Telefon: 069/ 85 53 53, Internet: 

www.dreifaltigkeit-offenbach.de

 

Tipps: Für alle Wetter

  • In Offenbach ist der Sitz des Deutschen Wetterdienstes. Von der Dreifaltigkeitskirche zum Wetterpark ist es ein Katzensprung. Dieser 20 000 Quadratmeter große Natur- und Wissenschaftspark bietet einen Lehr- und Erlebnispfad, an dessen Stationen Wetterphänomene für Groß und Klein verständlich erklärt werden. Im Besucherzentrum lässt sich meteorologisches Wissen unabhängig von der Witterung vertiefen. Infos im Internet: www.offenbach.de/wetterpark
  • Ein lohnendes Ziel in Offenbach ist auch das Deutsche Ledermuseum. Dazu mehr unter www.ledermuseum.de (mw)

 

Gespürt: Bewusst werden

Stell dir vor, du betrittst einen Raum, und du spürst sofort: Hier ist Heiliger Geist. Es gibt solche Räume. Da muss nicht irgendetwas „veranstaltet“ werden, um sich zu vertiefen, um zu sich selbst zu kommen, um sich Gott nah zu fühlen. Es mögen solche Räume sein, die manche Menschen gern „Anders-Orte“ nennen. Die Krypta unter der Dreifaltigkeitskirche in Offenbach ist für mich so ein Raum. Und wir Menschen brauchen solche Räume. Nicht um uns abzuwenden von der Welt, sondern um anders zurückzukehren in unseren Alltag. Mit einem „aufgefrischten“ Bewusstsein dafür, dass Gott da ist. Immer. Und dass er uns auch im ganz normalen Betrieb des Lebens begegnen will. (mw)