10.10.2019

Die moderne Geh-hin-Pastoral

Geht, Ihr seid gesendet!

Was ist wesentlich für die Kirche 2030? Heute geht es in unserem „kleinen ABC der Kirchenentwicklung“ um den Abschiedsgruß in der Eucharistiefeier: „Ite missa est“. Und was dieser für den Katholiken im Alltag bedeuten könnte. Von Johannes Becher.

Gottes Wege zu den Menschen sind vielfältig. 

„Gehet hin in Frieden!“ So klingt der Entlassungsruf am Ende der katholischen Eucharistiefeier. „Jetzt habt Ihr eure Ruhe! Gott sei Dank!“ So mag mancher ihn fortsetzen. Bis zum nächsten Sonntag herrscht eine Woche Kirchenfrieden… Wörtlich(er) übersetzt klingt das lateinische Original indes so: „Gehet hin, ihr seid gesendet!“

Der Ruf kann als Überschrift zum Programm einer modernen Kirchenentwicklung verstanden werden: als kürzeste Zusammenfassung einer modernen Geh-hin-Pastoral. Auf die Straßen und Plätze nämlich, oder mit Papst Franziskus gesprochen „an die Ränder“, um dort die frohe Botschaft zu verkünden. Um die Menschen dort zu treffen, wo sie leben, lieben, arbeiten. In ihrem sozialen Umfeld. In ihrer „Lebenswelt“. Das wird manchmal gewiss keine biblische „Seht, wie sie einander lieben“-Idylle sein. Vielmehr wird man vielen Härten und Kälten modernen Zusammenlebens ansichtig werden. Und genau dort – so der Auftrag – ist von Jesus und seiner Botschaft der Nächsten- und Feindesliebe zu erzählen. 

Zuweilen scheint die geschlossene Gesellschaft der Mittelstandskatholiken sich indes mehr an einer Variante des Entlassungsrufs zu orientieren: „Ruhe in Frieden!“ Das rief der Zelebrant seit dem 12. Jahrhundert in der Seelenmesse dem Verstorbenen im Sarg zu. „Requiescat in pace!“ Grabesstille. 

Damit es nicht so ist, bleibt oder wird, dagegen kann ein Gebets-Experiment helfen, von dem der Innsbrucker Pastoraltheologe Christian Bauer berichtet: In einem Stuhlkreis bei einer Konferenz wird zum Abschluss gebetet. Aber etwas ist anders. Bauer: „Wir sitzen nicht nach innen gerichtet, in den Stuhlkreis blickend und einander zugewandt, sondern nach außen orientiert. Wir beten zu jenem Deus semper maior (dem immer größeren Gott, d. Red.), der sich nicht auf den Innenraum seiner Kirche festlegen lässt, sondern auch in deren Außenwelt begegnen kann.“

Gott ist zuvorkommend. Er ist schon längst da bei den Menschen. Überall. Auch außerhalb der Mauern. Ihm nachzufolgen heißt auch, sich unters Volk zu mischen. „Aufsuchende Seelsorge“ nennt das die Pastoraltheologie. Übersetzt in die Sprache der Liturgie: „Geht, Ihr seid gesandt!“

Ein fordernder, ein hier und da auch überfordernder Auftrag, der da am Schluss einer jeden Eucharistiefeier an alle Mitbetenden ergeht. Ein Ruf, der schon die Jünger Jesu mitten ins Herz traf. „Gehet hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium!“ (Markus 16,15)