13.10.2020

Gewalt gegen Rettungskräfte

„Jeder Fall einer zu viel“

Übergriffe auf Rettungsdienste, Feuerwehr und Polizei gibt es immer öfter: Warum ist das so? Die „Fragen der Menschen“ beantwortet diesmal Holger Rädisch, Referent für Notfallvorsorge bei den Maltesern in Limburg.

Wie erklären Sie sich, dass die Gewaltbereitschaft gegenüber Einsatzkräften immer mehr zunimmt?

Blaulicht auf Einsatzfahrzeug
Immer häufiger gibt es Angriffe auf Rettungskräfte mitten in deren Einsatz.

Ich rate da zu einer nüchternen Betrachtung: Bundesweit gibt laut aktueller Statistik der Bundesanstalt für Straßenwesen für die Jahre 2016/2017 circa 14 Millionen Einsätze und laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2019 etwa 8500 registrierte Übergriffe auf Rettungsdienste, Feuerwehr und Vollstreckungsbeamten gleichgestellten Personen.

Die Dunkelziffer ist sicher höher – insbesondere die von Beleidigungen und verbalen Angriffen, die gar nicht angezeigt werden. Statistisch gesehen ist das also ein sehr, sehr geringer Wert. Es bleiben Einzelfälle, aber jeder Einzelfall ist natürlich einer zu viel.

Können Sie Beispiele nennen?

Da ist die zugestellte Rettungsgasse auf der Autobahn oder der Autofahrer, der dem Fahrer eines Einsatzwagens den Stinkefinger zeigt, weil der zum Schutz eines Patienten langsam fährt. Da wird ein Autofahrer aggressiv, weil seine Garage von einem Rettungswagen zugestellt ist. Da bewerfen Jugendliche die Einsatzfahrzeuge mit Flaschen und Steinen. Und da hindert ein Alkoholisierter einen Rettungswagen an der Abfahrt zum Krankenhaus.

Randalierende „Fans“ beim Fußballspiel, ein aggressiver Ehemann, der niemanden in die Wohnung lassen will, pöbelnde Drogenabhängige am Hauptbahnhof, aggressive Demonstranten in der Innenstadt – Beispiele gibt es viele, und sie sind nicht neu ...

Wie kommt jemand dazu, eine Therapie bei Kranken oder Verletzten verhindern zu wollen?

Drogen und Alkohol spielen sicher eine Rolle, vor allem bei Einsätzen in der Nacht, aber es scheint auch so zu sein, dass offenbar in der gesamten Gesellschaft eine zunehmende Gewaltbereitschaft festzustellen ist. So verwundert es auch nicht, dass der Rettungsdienst bei der Betroffenheit von verbalen Attacken oder körperlicher Gewalt keine Ausnahme bildet.

Welche Formen von Gewalt erleben Einsatzkräfte hauptsächlich? Zählen auch das Anrempeln und blöde Sprüche dazu?

Wendet man einen erweiterten Gewaltbegriff an, versteht man also zum Beispiel bereits verbale Attacken als eine Form von Gewalt, so haben Gewaltattacken zugenommen und nehmen weiter zu. Begrenzt man den Gewaltbegriff auf körperliche Gewalt oder gar Gewalt mit Waffen, so ist zwar auch hier eine steigende Tendenz feststellbar, dennoch sind diese Ereignisse – zum Glück – noch Einzelfälle, die jedoch in keiner Weise tolerierbar sind.

Wie werden Einsatzkräfte darauf vorbereitet? Werden sie jetzt neben den fachlichen Dingen im Umgang mit Gaffern und Pöblern geschult?

Holger Rädisch, Referent Notfallvorsorge bei den Limburger Maltesern
Holger Rädisch,
Referent Notfallvorsorge
bei den Limburger
Maltesern; Foto: Malteser

Präventiv schulen wir unsere Mitarbeiter im Rettungsdienst – in Hessen und auch darüber hinaus – in der gewaltfreien Abwehr von verbalen und auch körperlichen Angriffen. Die Anforderungen im Rettungsdienst sind hoch – die körperlichen und seelischen Belastungen darf man nicht unterschätzen. Damit daraus keine Überforderung wird, unterstützen wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei, ihren Beruf sicher, gesund und möglichst lange ausüben zu können.

Mit dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement treffen wir Vorkehrungen, um die Motivation und die Leistungsfähigkeit zu erhalten – auch Präventionsprogramme, zum Beispiel Deeskalationstrainings und psychosoziale Nachsorge nach belastenden Einsätzen, gehören dazu.

Gibt es eine Strategie, sich zu wehren? Dürfen Einsatzkräfte Gegengewalt anwenden? Oder muss man gar an Schutzwesten denken?

Bereits seit mehreren Jahren haben wir in Kooperation mit den Krankenkassen und dem Hessischen Ministerium für Soziales und Integration zusätzliche Fortbildungsmaßnahmen zur Frage der zunehmenden Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft implementiert. Hierbei legen wir den Schwerpunkt auf Schulung in Deeskalationsmaßnahmen und Rückzugsverhalten.

Rettungsdienstmitarbeiter müssen bereits beim Ankommen an der Einsatzstelle diese für sich so strukturieren, dass sie jederzeit die Möglichkeit haben, sie unbeschadet wieder zu verlassen, falls es zu einer kritischen Situation kommt. Darüber hinaus sollten sie mit geschulter Gesprächsführung deeskalierend auf sich gegebenenfalls „hochschaukelnde“ Situation einwirken.

Der Versuch, Sicherheit durch besondere Sicherheitskleidung für Rettungskräfte herzustellen, ist nach unserer Auffassung wenig hilfreich. Schuss- oder stichsichere Westen vermitteln zwar möglicherweise ein (vermeintliches) Sicherheitsgefühl, ihre Wirkung erstreckt sich jedoch maximal auf den Oberkörper, Beine, Arme und Kopf bleiben weiter ungeschützt.

Zudem schränken solche Westen die Beweglichkeit des Rettungsdienstpersonals erheblich ein und sind in einzelnen Versorgungssituationen völlig unpraktikabel. Darüber hinaus sind Rettungsdienstmitarbeiter keine „Sicherheitskräfte“. Ihre Arbeit basiert auf einem Vertrauensverhältnis zwischen Patient/Angehörigen und dem Rettungsdienst.

Ist es legitim, bei einem gewaltsamen Angriff zuerst an die eigene Sicherheit zu denken?

Zwar ist das Ziel bei Einsätzen des Rettungsdienstes die medizinische Versorgung der Patienten, aber der eigene Arbeits- und Gesundheitsschutz darf nicht vernachlässigt werden. Wer sich um die Gesundheit anderer kümmert, hat Anspruch auf die eigene Gesunderhaltung. Die eigene Sicherheit hat oberste Priorität.

Wie können sich Passanten hilfreich einbringen gegen die Pöbler – ohne sich selbst zu gefährden?

Auch hier gilt: Die eigene Sicherheit hat oberste Priorität.

Grundsätzlich kann man das beherzigen, was wir auch in unseren Erste Hilfe-Kursen mitgeben: Bewahren Sie Ruhe, denn je ruhiger man selbst ist, desto besser kann man erkennen, was überhaupt geschieht, und beurteilen, welche Gefahren unter Umständen drohen. Und dann gilt es entsprechend der gegebenen Situation zu handeln.

Nicht selten gibt es eine Gruppe von Menschen, die Zeugen eines Geschehens werden – und alle nicht recht wissen, was sie tun sollen. Sprechen Sie Umstehende an, stellen Sie Öffentlichkeit her und signalisieren Sie, dass Sie alle gemeinsam erleben, was gerade geschieht. Und wenn Sie von einer akuten Gefahrensituation ausgehen, ist es sinnvoll, den Polizeinotruf 110 zu wählen.

Oder, wenn Sie selbst keine Möglichkeit zum Telefonieren haben, bitten Sie andere Passanten, den Notruf zu wählen. Hat niemand ein Handy dabei – was heutzutage eher selten ist –, gibt es vielleicht in der Nähe Geschäfte, Kneipen, Wohnungen, wo Sie Menschen mit Telefonen finden.

Besprechen Sie mit anderen Diensten und Institutionen dieses Thema? Etwa mit der Polizei vor Ort, den Johannitern oder dem Deutschen Roten Kreuz?

Erst im August haben wir gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen im Hessischen Rettungsdienst zur Frage der „Gewalt gegen die hessische Zivilgesellschaft – Anhörung zu Ursachen, Entwicklungen und Maßnahmen gegen Bedrohung, Hass und Übergriffe“ eine Stellungnahme veröffentlicht. Zudem haben wir den Hinweis auf eine Umfrage zu sicherheitskritischen Rettungseinsätzen unter den Kolleginnen und Kollegen geteilt. Die Umfrage wird im Rahmen des EU-Projekts „No-Fear“ von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg unter anderem mit dem Ziel durchgeführt, den Wissens- und Erfahrungsaustausch zu ermöglichen.

Wie können gewaltbereite Randalierer für ihr Tun zur Rechenschaft gezogen werden?

Von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit für die von Gewalt betroffenen Einsatzkräfte ist, dass eine wirksame Strafverfolgung erfolgt. Gewalt gegen Rettungskräfte ist nicht tolerierbar und muss ab einem festzulegenden Schweregrad zu entsprechenden Sanktionen führen.

Die Fragen hat Heike Kaiser zusammengestellt.