18.10.2020

Gleichnis vom Kaiser

Gott und der Staat

„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Hat sich Jesus damit für die Trennung von Staat und Kirche ausgesprochen? Nein! Für den Politiker Martin Patzelt liegen das Engagement für Gott und Staat auf der gleichen Reiseroute.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Besuch mit dem Papst
Die Kanzlerin und der Papst: Wie nah sollten Staat und Kirche einander kommen? 

Von Andreas Kaiser 

Das Gespräch beginnt mit einem Paukenschlag. „Es gibt keine christliche Politik“, sagt Martin Patzelt. Es gebe lediglich einige christliche Politiker, die versuchen, der Vision einer neuen Welt, wie Jesus sie gemeint hat, etwas näherzukommen und dafür zu werben. Patzelt ist seit 2013 Bundestagsabgeordneter der CDU. Zuvor war er lange Jahre Oberbürgermeister in Frankfurt an der Oder. Zudem ist er überzeugter Katholik. Auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingswelle hat er sich weit über das normale Maß hinaus engagiert und 2015 gemeinsam mit seiner Frau Katharina gleich zwei junge Asylbewerber aus Eritrea bei sich zu Hause aufgenommen. 

Als Jugendlicher wollte Patzelt Priester werden. „Doch dann habe ich mich verliebt.“ Also studierte er Sozialarbeit, leitete gut 20 Jahre ein katholisches Kinderheim. Erst nach der Wende ging er in die Politik. „Weil ich mitgestalten wollte“, wie er heute sagt, engagierte er sich nach dem Mauerfall zunächst in der Bürgerbewegung Neues Forum und im Demokratischen Aufbruch. 1990 trat er in die CDU ein und wurde 2002 in der Stadt, in der er 1947 geboren wurde, Bürgermeister. Seit 2011 ist Patzelt Gottesdienstbeauftragter. In kleinen brandenburgischen Gemeinden, in denen es keine Pfarrer mehr gibt, verteilt er „das eucharistische Brot, legt die Schrift aus“. Vor allem die Predigten liegen ihm am Herzen.

Steuern: Das, was wir Gott und Staat schulden

Auch das heutige Sonntagsevangelium hat er schon häufiger ins Zentrum seiner Ansprachen und Vorträge gestellt. Für den Christen Patzelt liegt das Engagement für den Kaiser, also für Staat und Gesellschaft, sowie für Gott mehr oder weniger auf der gleichen Reiseroute. „Ich finde es schön, dass Jesus beides zusammenbringt: Kaiser und Gott.“ Es geht darum, das Zusammenleben möglichst bereichernd zu gestalten. „Dass wir alle, auch die unterschiedlichsten Menschen, gut miteinander auskommen.“ 

Auch dienten die Steuern, die wir als Staatsbürger entrichten müssen, oft sozialen Zwecken. Damit werden unter anderem Schulen und Kindergärten, Straßen, kulturelle Einrichtungen sowie vor allem die Unterstützung von sozial schwachen, kranken, alten und behinderten Menschen finanziert. Patzelt versteht daher nicht, warum die Abgaben so ein negatives Image hätten. Für den Christdemokraten sind dies schlicht Beiträge für ein gutes Zusammenleben. „Und genau das schulden wir auch Gott, dass wir alles Mögliche dafür tun, dass das Geld, das wir dem Kaiser bzw. dem Staat bringen, so verwendet wird, dass es möglichst nah an die Werte der Evangelien herankommt.“ 

Den hohen Maßstab, den Jesus an Nächstenliebe vorgelebt hat, werden wir aber nie erreichen, sagt Patzelt dann. Obwohl er sich selbst viel engagiert, „gönne ich mir manchen Luxus. Da könnte man auch anmerken, warum gibst du nicht mehr von deinem Geld für die Armen?“ Das Gleiche erlebe er auch in der Politik. Die Bergpredigt lasse sich eben nicht eins zu eins in politisches Handeln übersetzen. Staatsführung sei, ebenso wie der in den Alltag transportierte christliche Glauben, immer nur ein Annäherungsprozess. Angela Merkel hat einmal gesagt: „Politik ist die Kunst des Machbaren.“ Das sieht auch Patzelt so. „Die Politik lebt von Kompromissen und Mehrheiten.“ Daher böten demokratische Entscheidungen noch längst keine Gewähr dafür, dass eine Entscheidung auch gut ist. Erst recht nicht für jeden von uns. Gleichwohl hätten Menschen auch die Gesetze zu respektieren, die ihnen misshagten.

Das gilt auch für Politiker. So ist die Ehe für Patzelt, den Sprössling eines eher konservativen katholischen Elternhauses, ein heiliges Sakrament, ein Bündnis von Mann und Frau vor Gott. Doch die Toleranz habe ihm geboten, sagt er, die Entscheidung des Bundestages, die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen, zu respektieren. Etwas zwiespältig steht der 73-Jährige auch Abstimmungen des Bundestags über Auslandseinsätze der Bundeswehr gegenüber. Da habe er schon für Militäreinsätze gestimmt, obwohl das Evangelium größtmögliche Friedfertigkeit fordert: „Da ging es ja auch um den Schutz von Menschen.“

Wenn Gott und Staat sich widersprechen

Und was ist, wenn die Gesetze des Kaisers beziehungsweise des Staates massiv den Geboten Gottes widersprechen? Dann sei ziviler Ungehorsam erlaubt, sagt Martin Patzelt. Doch selbst in einer Diktatur müsse jeder Christ zunächst für sich klären, ob er in jedem Punkt dem Machthaber widersteht oder sich nicht auch dort lieber dafür einsetzt, dass das Zusammenleben gelingt, sagt Patzelt, der 41 Jahre lang in der Diktatur des SED-Regimes gelebt hat. „Wir können nicht alles mit Barrikaden und Blutvergießen lösen.“

Was aber immer gewünscht ist, sei ein kritischer Geist. „Denn auch das schulden wir Gott, das Zuhören, den Dialog. Und dazu gehört auch mal ein kritisches Wort, zum Beispiel einem Freund zu sagen, dass er irrt.“ Das gelte auch gegenüber der Kirche, Reformen wären ohne Widerspruch nicht möglich. „In der DDR wurde uns von der Kirche immer gesagt, wir sollten nicht aufmucken, die Bischöfe machen das schon“, erzählt Patzelt. „Das habe ich immer für falsch gehalten. Als Christ muss man seine Meinung sagen.“ 

Obwohl Patzelt sich mit Leib und Herz für Geflüchtete einsetzt, steht er dem Kirchenasyl eher kritisch gegenüber. Dies sei nur da gerechtfertigt, wo es gravierende Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Asylverfahren gibt. Als Politiker glaubt er jedoch, dass jeder, der Anspruch auf Asyl hat, es bei uns im Land auch bekommt. Trotzdem hat er schon Geld für Kirchenasyl gespendet. Aus humanitären Gründen, wie er sagt. Auch Menschen, die sich vielleicht zu Unrecht in Deutschland aufhalten, müssten ernährt werden. Am Ende muss die Liebe siegen, nicht das Prinzip. „So habe ich Jesus immer verstanden.“