05.05.2022

"Repräsentanten der Kirche" in der Schule

Hallo Relilehrer, wie geht’s euch?

„Wie kann ich katholische Religion jetzt noch unterrichten?“ So ist ein Brief überschrieben, der sich an die Religionslehrer und -lehrerinnen im Bistum Limburg wendet. Sein Thema: „Die Kirche in der Dauerkrise“. Und: Welche Folgen das für die Religionslehrer hat. Hans-Joachim Stoehr hat nachgefragt: Relilehrer, wie geht’s Euch? Was muss sich ändern, damit Ihr Euren Job gut machen könnt?


Marcus Rüb, Gauß-Gymnasium Worms

48 Prozent der Schüler „distanziert-kritisch“

Marcus Rüb unterrichtet am Gauß-Gymnasium in Worms katholische Religion und Mathematik. Der 51-Jährige beobachtet, dass manches von dem, was von der Institution Kirche vertreten wird, von der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler weit entfernt ist und keine Relevanz hat – nicht nur in Fragen der Sexualmoral.
Rübs Beobachtung deckt sich mit einer Umfrage, die der Bundesverband der katholischen Religionslehrerinnen und -lehrer an Gymnasien (BKRG) und der Verband katholischer Religionslehrerinnen und -lehrer an berufsbildenden Schulen (VKR) unter Religionslehrern durchgeführt haben. Danach wird die vorherrschende Haltung von Schülerinnen und Schülern zu je 48 Prozent als „distanziert-kritisch“ beziehungsweise „gleichgültig“ beschrieben – gegenüber vier Prozent, die als „aufgeschlossen“ gekennzeichnet werden.
Rüb ist Vorsitzender der „Vereinigung der Religionslehrerinnen und Religionslehrer an Gymnasien und Gesamtschulen im Bistum Mainz“.
Wo sich die offizielle Lehre der Kirche von seiner eigenen theologischen Sichtweise unterscheidet, macht Rüb dies im Unterricht auch deutlich. Als Beispiel nennt er das Priestertum der Frau. Da spiegle sich die plurale Welt, in der die Kinder leben. Und in dieser pluralen Welt müssten Kinder die Freiheit haben, sich zu positionieren. Rüb: „Der Gesprächsfaden reißt da ab, wo ein Satz wie ,Du musst das aber so sehen‘ fallen würde.“
Der Religionslehrer hat beobachtet, dass das Wissen um religiöse Inhalte in den vergangenen Jahren abgenommen hat. So können biblische Erzählungen, die früher als bekannt angesehen wurden, bei vielen Schülern heute nicht mehr als bekannt vorausgesetzt werden. Dabei gebe es regionale Unterschiede und Unterschiede nach Milieus. Rüb nennt das Beispiel der Karwoche. Wenn er im Unterricht darüber spreche, gebe es bei Schülern, die Messdiener sind, Anknüpfungspunkte. Bei anderen sei jedoch kaum etwas darüber bekannt.
Ein solches „Nicht-Wissen“ hat der Pädagoge auch bei Themen festgestellt, mit denen die Kirche in den Nachrichten auftaucht – wie etwa bei den Missbrauchsfällen. Er erinnert sich an eine Reli-Stunde in einer 10. Klasse. Auf seinen Hinweis „Ihr habt ja bestimmt mitbekommen ...“ habe eine Schülerin gefragt: „Wovon sprechen Sie gerade?“
Rüb weiß von Kollegen und Kolleginnen aus anderen Schulen oder Regionen, die noch stärker kirchlich beziehungsweise katholisch geprägt sind, dass diese stark angefragt werden – etwa zum Thema Missbrauch. „Die Distanziertheit tut da manchmal mehr weh als eine kontroverse Diskussion, wie sie Kollegen erleben“, findet der Pädagoge.
Religionslehrer sind in ihrem schulischen Berufsalltag nicht nur mit Schülern im Klassenraum zusammen. Im Lehrerzimmer sind sie ebenso mit Fragen konfrontiert vonseiten der Kolleginnen und Kollegen. Und wenn es ein recht lapidarer Satz ist wie „Nicht einfach, im Moment katholisch zu sein“. Rüb: „Wir haben ja sozusagen ein Schild  um, das uns als Vertreter der katholischen Kirche ausweist.“ Aber selbst wenn sich Religionslehrer nicht im Lehrerzimmer oder anderswo rechtfertigen müssten, blieben doch die Fragen, die sich jedem einzelnen selbst stellten. Und vor allem die forderten heraus, weckten Fragen zum eigenen Tun und Ärger über die Institution, für die man stehe.
Da könne eine Besinnung hilfreich sein auf das, wofür jemand den Religionsunterricht erteile. Also vor allem die Frage: „Was sollen die Kinder im Religionsunterricht für ihr Leben mitbekommen?“ Für Marcus Rüb ist eine Antwort: Er erteilt Religionsunterricht nicht als „missionarischen Dienst“ – wie dies in der Vergangenheit verstanden wurde – sondern als „diakonischen Dienst“. Es gehe um Fragen, die die Schüler selbst betreffen, um  Bildungsinhalte und Werte, die Menschsein fördern. Es sei ihm wichtig, Dinge zum Vorschein zu bringen, die das Leben der Schüler reicher machen, ihnen Lebenshilfe geben in existentiellen Fragen. Hier komme auch die christliche Botschaft ins Spiel. „Denn sie enthält das, was die Schüler im Leben weiterbringen kann.“
Wichtig ist Rüb dabei, keine Fragen zu beantworten, die gar nicht gestellt wurden. Ausgangspunkt müssten viel mehr die Fragen sein, die die Kinder und Jugendlichen stellen beziehungsweise, die er als Lehrer durch sein Fragen weckt. Der Pädagoge nennt als Beispiel das Betrachten eines Hungertuchs im Unterricht. Die Fragen, die sich daraus ergeben, werden besprochen. „Da komme ich dann auch mit meiner Theologie ins Spiel.“ Was er als Person im Unterricht äußert, hat für Rüb auch etwas mit der Konfessionalität des Religionsunterrichts zu tun. Diese sei weniger an die Konfession der Schüler in der Klasse oder an die Lehrbücher gebunden, sondern an die Person des Religionslehrers. „Ich stehe für den Glauben als Person, gebe Zeugnis.“ Das passiere in anderen Fächern so nicht.
Rüb sieht Unterschiede zwischen Religionsunterricht und der Arbeit der Schülerseelsorge. So seien etwa Schulgottesdienste oder Zeiten der Stille in einem Meditationsraum für eine Schulgemeinschaft gute Angebote, um zu erfahren, was christliches Leben bedeutet. So etwas im Rahmen des Religionsunterrichts zu tun, hält Rüb aber für eine Gratwanderung. „Ich muss dies mit Offenheit angehen, darf nicht etwas forcieren, was einzelne Schüler nicht mitgehen wollen oder können, darf sie also nicht vereinnahmen.“ Das bedeute aber nicht, dass Themen wie das Gebet im Religionsunterricht nicht angesprochen würden.
„Der Religionsunterricht ist ein Ort in der Gesellschaft, wo der Glaube noch in großer Breite zum Thema gemacht wird“, betont Marcus Rüb. Er findet: „Da wäre es doch clever, wenn Verantwortliche der Kirche öfter mit uns Religionslehrern sprechen würden.“ Denn in der Schule bilde sich die gesellschaftliche Realität ab. Das heißt: Religionslehrer nehmen wahr, was Menschen jenseits der Kirchenmauern umtreibt. Rüb: „Die Kirche wäre gut beraten, sich die Frage zu stellen, ob sie nur die binnenkirchlichen Schwingungen wahrnehmen will oder jene in der gesamten Gesellschaft?“

 

Jana Hötzel, Gymnasium Kirchhain

Streben nach Veränderung

Jana Hötzel, Religionslehrerin im Gymnasium Kirchhain, erlebt, dass viele Menschen enttäuscht sind. „Sie lehnen sich gegen die Kirche und das, was gelaufen ist, auf und streben nach Veränderung.“
Sie verbringe viel Zeit in der Katholischen Hochschulgemeinde in Marburg. Hier ist ihr Eindruck, dass die jungen Leute extrem viel Kraft aus dem Glauben schöpfen und unabhängig von dem, was institutionell passiert (oder auch nicht passiert), ganz viel Tolles leisten und unfassbar engagiert sind.
„Den Menschen zeigen, was der Glaube alles bewirkt, und die Liebe Gottes in die Welt tragen!“: So sieht sie ihren Auftrag auch als Religionslehrerin am Gymnasium Kirchhain.

 

Sebastian Sack, Gymnasium Kirchhain

„Jetzt erst recht!“

Die mitunter zur Schau getragene Überheblichkeit und der innere Abstand manch eines Klerikers zum ,gemeinen Gläubigen‘ und dessen Sorgen, Nöten und Lebenswelt – gerade auch in Leitungsfunktion innerhalb der katholischen Kirche – machen es einem gläubigen Christen und allemal einem Religionslehrer nicht leicht, das Vertrauen an die Institution zu behalten und erst weiterzugeben.“ Das sagt Religionslehrer Sebastian Sack vom Gymnasium Kirchhain. „Es ist, als habe man einen guten und vertrauten Freund, der einem aber immer wieder kräftig vor das Schienbein tritt, wenn man es nicht erwartet und erst recht nicht gebrauchen kann.“ Das Ausmaß der unfassbaren und abscheulichen Missbräuche innerhalb der Kirche und die mitunter nur widerwillige Aufarbeitung ließen ihn zudem verzweifeln: „Ich wünsche mir von der Kirche als Ganzes und auch in unserem Bistum mehr Demut und Unterstützung der Menschen vor Ort!“
Dennoch steht der Religionslehrer zu seinem Glauben und zu seinem Fach. Er findet es angesichts vieler Schwierigkeiten  „umso wichtiger, im wahrsten Sinne des Wortes glaubhaft zum Glauben und zur Kirche zu stehen“. Religion zu unterrichten sei „nicht wie jedes andere Fach. Hier geht es den Menschen an!“ Religion zu unterrichten sei für ihn etwas Besonderes: „Nach wie vor ein Geschenk! Daher gilt auch für mich: Jetzt erst recht!“

 

Jody Anthony, Wiesbaden

„Brauchen radikale Erneuerung der Kirche“

Jody Antony leitet das Amt für katholische Religionspädagogik Wiesbaden, Rheingau und Untertaunus. Er zitiert aus  seinem  Brief  an  die  Religionslehrer: „Sie sind tagtäglich den Anfragen, dem Ärger und dem Unverständnis von Schülern und Schülerinnen, Kollegen und Kolleginnen und Eltern ausgesetzt.“ Dies sei grundsätzlich erst einmal nichts Neues, wenn man an Stichworte Hierarchie, Zölibat oder kirchliche Sexualmoral denke. Durch die Fälle von sexuellem Missbrauch habe dies aber ganz andere Dimension erhalten. Und als ob der Missbrauch allein nicht schon Skandal genug ist, wird es durch Versuche, dies zu vertuschen noch verschlimmert, ganz zu schweigen davon, dass Verantwortliche keine Verantwortung übernehmen wollen.
„Wir brauchen eine notwendige und radikale Erneuerung der Kirche!“, fordern Antony und seine Kollegen und Kolleginnen in ihrem Brief. Der Synodale Weg sei auch eine Reaktion auf die Missbrauchsfälle und wolle Wege in die Zukunft öffnen. Denn mit Blick etwa auf den Religionsunterricht erklärt Antony: „Die Kirche verkündet manches, was in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen nicht mehr wahrgenommen wird.“
Religionslehrer sind in der Schule Vertreter/Repräsentanten der Kirche. Dazu sind sie kirchlicherseits mit der so genannten „Missio canonica“ beauftragt. Das bedeutet aber, dass sie für die Kirche und den Glauben an Gott einstehen sollen. „Mit den Veröffentlichungen der Gutachten und den schon lange mit sich tragenden Fragen fällt es Religionslehrern immer schwerer, für die Kirche einzustehen“. Sie sollen – Stichwort Umgang mit Missbrauch – etwas rechtfertigen, was nicht mehr zu rechtfertigen ist“, beschreibt Antony, in welcher Zerreißprobe gerade Religionslehrer stecken. Denn anders als in Kirchengemeinden seien Religionslehrer im Umfeld der Schule oft „eher Exoten“. Sie erleben, so Antony, Kinder, die manchmal nicht wissen, ob sie katholisch oder evangelisch getauft sind.
Mit der Lehrerlaubnis seitens der Kirche ist für Religionslehrer auch die Loyalität gegenüber der Kirche verbunden. Dabei geht es nicht nur um das Evangelium, die Botschaft Jesu, sondern auch zum Beispiel um die Lebensform. Mit Konsequenzen. Wer in einer Lebensform lebt, die nicht der kirchlichen Lehre entspricht, kann keine „Missio canonica“ erhalten oder sie behalten. Das gilt etwa für gleichgeschlechtliche Paare oder Geschiedene, die wieder geheiratet haben. Dank Initiativen wie „#outinchurch“ zeichne sich hier eine Änderung zumindest in einigen Bistümern ab, so Antony. Für Lehrer, die Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu religiösen und ethischen Fragestellungen sowie Glaubensüberzeugungen und Wertehaltungen eröffnen, sei dies mehr als wünschenswert.

 

Dr. Andrea Paul, Gymnasium Kirchhain

„Auch über Schwierigkeiten sprechen“

Eine Freundin von mir, eine pensionierte Lehrerin, sagte mir neulich: Der Religionsunterricht war schon immer eine Herausforderung.“ Dr. Andrea Paul unterrichtet Religion und Deutsch am staatlichen Gymnasium im oberhessischen Kirchhain. Die Pädagogin, die auch Vorstandsmitglied im Fuldaer Diözesanverband des Deutschen Katecheten Vereins (DKV) ist, sieht den Religionsunterricht nach wie vor als einzigen Ort, um Schülern und Schülerinnen etwas von Glauben und Religion zu vermitteln.
Unter den Mädchen und Jungen, die den Religionsunterricht im Kirchhainer Gymnasium besuchen, gibt es Glaubens- und Kirchenferne, aber auch solche, die im Glauben und im Leben der Gemeinde verankert sind. „Dazu werden sie oftmals auch besonders von den Großeltern angeregt“, hat Paul beobachtet. Die Sakramente der Erstkommunion und Firmung würden in der Regel von allen empfangen.
Mit Blick auf die Missbrauchsfälle und dem Umgang mit ihnen hat die Lehrerin erfahren, dass dies Schüler in der Regel nicht interessiert. Im Lehrerkollegium sei das anders. Aber nicht nur deren Anfragen machen Religionslehrern und –lehrerinnen zu schaffen. „Wenn ich daran denke, was ich in der Kirche – etwas als Frau – bisher erlebt habe, kann ich Kollegen und Kolleginnen verstehen, die Zweifel an der Institution Kirche und ihren Amtsträgern haben“, betont Paul.
Die Pädagogin erinnert daran, dass manche kirchlichen Mitarbeiter etwa wegen der Sexuallehre der Kirche und deren Befolgung Schwierigkeiten bekamen. „Und jetzt erfahren sie, dass Amtsträger noch viel Schlimmeres getan haben.“ Da könne sie nachvollziehen, dass manch einer oder eine nicht mehr als Repräsentant für diese Institution stehen möchte.
Paul selbst sieht im Religionsunterricht aber trotzdem vor allem die Chance, jungen Menschen etwas von Glaube und christlicher Botschaft zu vermitteln. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass guter Religionsunterricht mit dem Selbstbild des Religionslehrers steht und fällt. Deshalb ist ihr Authentizität sehr wichtig. „Das spüren die Schülerinnen und Schüler und davon lassen sie sich auch begeistern und ansprechen.“ Authentisch zu sein, heißt für Paul, auch über die Schwierigkeiten zu sprechen, die sie mit den aktuellen Vorkommnissen hat, und mit denen sie ringt – wie die Erfahrungen als Frau in der Kirche. Deshalb findet sie es wichtig, die Schüler mit der ursprünglichen Botschaft Jesu vertraut zu machen, ihnen zu zeigen, wie sich „Kirche“ entwickelt hat. Paul: „Sie wurde von Menschen gemacht, denn Jesus selbst hat keine Kirche gegründet.“ Deshalb sei ihr das Pfingstereignis so wichtig. Die Religionspädagogin: „Ich hinterfrage schon immer kritisch, ob diese Kirche, wie sie sich heute und im Laufe der Geschichte entwickelt hat, von Jesus so gewollt wurde. Übrigens ist das genau das Thema, das ich in der Q4 unterrichte.“ Die Schüler dieser Stufe stehen vor dem Abitur. Für Paul steht fest: „Ich denke, indem ich das glaubhaft lebe und mit einem christlichen Menschenbild auf Schüler zugehe,  gebe ich ihnen Orientierungshilfe – und damit auch denen, die möglicherweise – noch – dem Glauben gegenüber fern stehen.“ (st)