07.11.2018

Schrein der heiligen Bernadette in Obertshausen

„Lourdes kommt ja heute ein Stück hierher“

Obertshausen – im Landkreis Offenbach wurde für zwei Tage zu einem kleinen Lourdes. Denn der Schrein der heiligen Bernadette Soubirous war zu Besuch in der Stadt. Katholiken von nah und fern feierten Gottesdienst und verehrten die Heilige in ihren Reliquien.

Die Reliquie der heiligen Bernadette macht Station in der Pfarrkirche von Obertshausen. Foto: Barbara Schmidt
Die Reliquie der heiligen Bernadette macht Station in der Pfarrkirche von Obertshausen.
Foto: Barbara Schmidt

Es ist ein stürmischer, regnerischer Herbsttag. Nicht gerade südfranzösisch fühlt sich das an auf dem Weg zur katholischen Kirche St. Thomas Morus. Dabei soll an diesem Werktag hier „ein Stück Lourdes“ erlebbar sein. So jedenfalls formuliert es Carmen Lehmann, die Vorsitzende des Pfarrgemeinderats.

Die Malteser, die überall da, wo Kranke zu Pilgern werden, unbedingt dazu gehören, sind bereits eingetroffen, wie ihre Fahrzeuge auf dem Kirchplatz zeigen. Schon am Morgen haben sie den Reliquien-Schrein, der eine Rippe der heiligen Bernadette Soubirous birgt, in Heroldsbach abgeholt und nach Obertshausen gefahren. „Um viertel vor zwölf war er da. Wir konnten es gar nicht fassen“, wird Pfarrer Norbert Hofmann später im Festgottesdienst berichten.

Der Schrein hat einen Ehrenplatz im erhöhten Altarraum erhalten

Jetzt, eineinhalb Stunden vor seinem Beginn um 18 Uhr, ist Gelegenheit für das persönliche Gebet. „Gegrüßet seist Du Maria …“, klingt es halblaut durch die Kirche. Einige wenige Frauen sind es, die den Rosenkranz beten. Direkt vor dem Schrein, der im erhöhten Altarraum einen Ehrenplatz erhalten hat, knien zwei weitere Frauen auf den Stufen. Ehrenamtliche Helfer und Mitarbeiter eines Security-Unternehmens haben ein waches Auge auf alles, was sich im Kirchenraum tut.

Während sich die ersten bereits einen Platz sichern für die Messe, greifen andere im benachbarten Gemeindehaus noch bei Kaffee und Kuchen zu. Die Auswahl an Selbstgebackenem im „Pilgercafé ist groß. Eine „Riesenresonanz“ habe der Aufruf zu Kuchenspenden gehabt, sagt Pfarrsekretärin Martina Ricker. Nicht die einzige positive Erfahrung, als es darum ging, diesen für die Pfarrei so außergewöhnlichen Tag vorzubereiten. „Es war jeder bereit, mit anzupacken“, so Rickers Eindruck.

Rainer Faust und Dr. Matthias Zimmer stehen beim Kaffee zusammen. Erst vor einigen Wochen haben die beiden Malteser eine Behinderten-Wallfahrt nach Rom begleitet. Heute liegt das Einsatzgebiet direkt vor der Haustür. Durch die Krankenwallfahrten gebe es eine besondere Verbundenheit der Malteser mit Lourdes, sagt der Arzt Matthias Zimmer. Weder er noch Faust, Chef der Malteser in Offenbach, seien bisher aber dort gewesen. „Doch Lourdes kommt ja heute quasi ein Stück weit her“, sagt Faust. „Das ist schon etwas Besonderes.“

Das findet auch Carmen Lehmann. Die Pfarrgemeinderatsvorsitzende hat mit Ehemann Rolf zur kleinen Vorbereitungsgruppe für diesen Tag gehört. Möglichst vielen Rollstuhlfahrern wollte man Platz bieten. Am Ende kommen aber weniger Behinderte als gedacht. Voll wird die Kirche auch so. Nur einige gehen vor zum Altarraum, um eine Verbeugung zu machen vor dem Schrein oder hier für einen Moment niederzuknien.

Das Bläserensemble der Pfarrei stimmt auf das Kommende ein, noch bevor das Fest-Geläut anhebt. Freuden-Zeichen vor dem Großen Einzug – in den Fußballstadien der Welt ein vielfach kopiertes Ritual. Dass schweißgetränkte Trikots von Fußballstars heute für manchen Fan zu „ganz eigenen Reliquien“ würden, während sich Menschen gleichzeitig schwer täten mit der Reliquienverehrung in der katholischen Kirche, diese Feststellung eines Mitglieds der Vorbereitungsgruppe zitiert Hauptzelebrant Peter Hilger wenig später in seiner Begrüßung. Menschsein bedeute immer auch körperlich verfasst zu sein in Raum und Zeit, so Hilger, der Offizial des Bistums Mainz. Reliquien gehörten zur katholischen Glaubenswelt, weil sie daran erinnerten, „dass uns bei Gott eine Zukunft verheißen ist in leib-seelischer Dimension.“

Für Pfarrer Hofmann ist die Reliquie der Heiligen der „Ehrengast“

„Ave, ave, ave Maria“: Mit dem Marienlob trotzen die Pilger Wind und Unwetter bei der abendlichen Lichterprozession in Obertshausen. Foto: Barbara Schmidt
„Ave, ave, ave Maria“: Mit dem Marienlob trotzen die Pilger Wind und Unwetter bei der abendlichen Lichterprozession in Obertshausen. Foto: Barbara Schmidt

Wie das ist, wenn etwas „plötzlich den Lebensacker umpflügt“, eine Erkrankung alle Pläne umwirft, von so einer Erfahrung am eigenen Leib erzählt Hilger dann in seiner Predigt. In Lourdes erfuhr er damals zwar keine Wunderheilung, aber einen Trost, der ihm half, weiter auf Gott zu vertrauen. Viele nähmen diesen Trost mit aus dem südfranzösischen Pilgerort, weiß Hilger.

Das Herz öffnet Pilgern in Lourdes die allabendliche Lichterprozession, die auch in Obertshausen an diesem Tag nicht fehlen soll, an dem die Reliquie der heiligen Bernadette hier „Ehrengast“ ist, wie Pfarrer Hofmann sagt.
Der Herbststurm ist ein Spielverderber, doch die rund 300 Gläubigen mit ihren blaubeschirmten Kerzen trotzen allen Unbilden. Wenn auch mit wehenden Fahnen und spärlichem Licht, so doch mit einem kräftigen „Ave, ave, ave Maria“.

 

Zur Sache: Die Mutter ist etwas Besonderes

Aus Kriftel am Taunus ist Eleonore Groha nach Obertshausen gekommen, um das Hochamt zum Besuch des Reliquienschreins mitzufeiern. Weil Sohn und Schwiegertochter in Obertshausen leben, sei ihr die Pfarrei gut bekannt. Lourdes sei ihr von kleinauf ein Begriff. „Ich bin noch aus einer Generation, wo man das sehr verfolgt hat“, sagt die 80-Jährige. Mit einem Gebetsanliegen sei sie nicht gekommen. „Aber ich hoffe und bete, dass ich weiter so fit bleibe.“

„Wir machen einmal im Jahr eine Pilgerreise mit unserer Mutter“, sagen die Schwestern Cornelia Klebba und Angela Geißler. In Lourdes war das Trio aus Hainhausen im vergangenen Jahr. „Es war so schön“, schwärmt Mama Angelika Rücker und ist sich mit ihren Töchtern einig: „Es stärkt einen im Glauben.“ Das erhofften sich die drei auch vom Gottes-dienst in Obertshausen. Nicht die Reliquienverehrung stehe für sie im Mittelpunkt. „Wichtig ist, die Verbindung zu spüren, Gemeinschaft zu haben“, sagt Cornelia Klebba. Besonders auf die Lichterprozession freuen sich alle.

„Die ist auch in Lourdes immer das Highlight des Tages.“
„Der Besuch der Reliquie, das ist einmalig“, war es für Daniel Balondo und seine Frau Maryones keine Frage, dass sie dieses Ereignis in ihrer Pfarrei mitfeiern wollten. „Bei uns in Indonesien träumt jeder Katholik davon, Lourdes zu sehen“, erläutert Daniel Balondo. Sich, wie Bernadette, an Maria wenden zu können, gebe Halt. Die Mutter sei ja im Leben auch etwas Besonderes. (babs)