13.09.2018

Gemeindecaritas in Spelle

Helfer in der Not

Wenn jemand ohne Kleidung und Brot ist, muss man was tun, sagt die heutige Lesung. Auch deshalb hat die St.-Johannes-Gemeinde in Spelle vor 30 Jahren einen Kleiderladen gegründet. Heute hat sich die Gemeindecaritas verändert.

Foto: Susanne Haverkamp
Thea Brinker, Angelika Mehmann und Agnes Altehülsing arbeiten regelmäßig in dem Kleiderladen, den sie vor 30 Jahren mitgegründet haben. Foto: Susanne Haverkamp

„Vor dreißig Jahren war die Not ziemlich groß“, sagt Agnes Altehülsing. „Es kamen in kurzer Zeit viele Russlanddeutsche und Kriegsflüchtlinge aus dem Balkan in unsere Region. Da fehlte es an allem.“ Deshalb hatte der damalige Pastor der St.-Johannes-Gemeinde in Spelle die Idee, eine Kleiderstube zu gründen. Und wen fragt ein Pastor da? Natürlich die Frauengemeinschaft. „Und wir wurden dann ausgewählt, es zu machen“, sagt Angelika Mehmann und lacht.

Aber warum haben sie Ja gesagt? Die Frauen schauen sich an und zucken mit den Schultern. „Das war selbstverständlich, da zu helfen“, sagt Agnes Altehülsing. „Die Kinder waren so weit, da hatte ich Zeit“, sagt Thea Brinker. Zu helfen, wenn Menschen in Not sind, das ist nichts, worüber die Frauen lange nachdachten.

Und damals, vor 30 Jahren, sagen sie, war wirklich Not. „Wir hatten zuerst einen ziemlich kleinen Raum, da standen die Leute schon Schlange, bevor wir geöffnet haben.“ Zum Teil hätten ihre Männer als Ordner die Nachfrage in Bahnen gelenkt. „Oder wir haben die Leute nach Alphabet reingelassen.“ Im Pfarrblättchen starteten sie Aufrufe nach Bettwäsche oder Haushaltwaren. „Die Hilfsbereitschaft war riesig.“

Heute ist vieles anders geworden. „Die Not ist nicht mehr so groß“, sagt Angelika Mehmann. Zwar gebe es immer noch Russlanddeutsche und jetzt auch  Flüchtlinge im Dorf, aber die Hilfsangebote seien viel zahlreicher geworden, etwa von der Kommune oder vom Roten Kreuz. „Viele kommen heute ganz gezielt hierher und suchen zum Beispiel gebrauchte Designerkleidung“, erzählen die Frauen. Und überhaupt verstünden sie den Kleiderladen nicht als Armenfürsorge. „Wir sind ein Laden für alle“, sagen sie. Auch wenn die Kleidungsstücke gebraucht sind und kaum eines mehr als drei Euro kostet.

Rein ehrenamtliche Caritas ist heute selten

Ohne Kleidung, wie es im Jakobusbrief heißt, ist also kaum noch jemand. Eher schon ohne vernünftiges Essen. Deshalb war die Caritasgruppe der St.-Johannes-Gemeinde auch gleich dabei, als vor 15 Jahren eine Tafel aufgebaut werden sollte, wo Bedürftige Lebensmittel bekommen. „Das wird auch sehr nachgefragt“, sagen die Frauen. Fünfzig, sechzig Leute holten sich bei der Tafel Lebensmittel. Und kämen manchmal danach in den nahen Kleiderladen. „Die Öffnungszeiten haben wir aufeinander abgestimmt.“

Und das ist wichtig, denn die Initiativen arbeiten rein ehrenamtlich und haben deshalb begrenzte Öffnungszeiten. Aber das ist fast schon die Ausnahme, denn vielfach tragen hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Arbeit der caritativen Einrichtungen. „Am Anfang haben wir uns oft auf Dekanatsebene mit anderen Pfarrcaritas-Gruppen getroffen“, sagt Agnes Altehülsing. „Aber das wurde immer weniger.“ Statt dessen übernahmen Profis, was früher die Christen ehrenamtlich leisteten.

Aber warum ist das so? Sind den Gläubigen die Taten der Nächstenliebe weniger wichtig als früher? Sind sie egoistischer geworden? Die Frauen denken kurz nach. „Nein“, sagen sie dann. „Die Welt ist nur anders geworden.“ So seien die meisten Frauen heute berufstätig. Dazu kämen Haushalt, Kinder, manchmal zu pflegende Angehörige. „Da bleibt nicht viel Zeit fürs Ehrenamt, und wenn, dann sowieso nur abends. Und wir haben ja immer tagsüber geöffnet.“ Nachwuchs für die Arbeit im Kleiderladen gebe es schon. „Aber erst ab 60, wenn die Leute langsam in den Ruhestand gehen.“

Und auch dann ist die Freizeit manchmal eingeschränkt. „Viele gehen dann ja sozusagen in die Großelternzeit“, sagt Agnes Altehülsing. Sie unterstützen die berufstätigen Kinder und Schwiegerkinder, indem sie sich um die Enkel kümmern. Von Fall zu Fall oder auch regelmäßig. „Das macht ja auch Spaß, sich um die Enkel zu sorgen“, sagen die Frauen, die alle selbst im Großmütteralter sind. „Und Familie geht sowieso vor.“

Aber auch die Kunden sind anders geworden. „Viele kennen ihre Rechte und holen sich von dem Ämtern, was ihnen zusteht“, sagt Angelika Mehmann. Auch die knapperen Öffnungszeiten des rein ehrenamtlichen Ladens reichen manchen nicht.

Sind die Sätze aus dem Jakobusbrief also unwichtig geworden? Braucht es die Sorge um Nackte und Hungernde nicht mehr? Nun, so wie in der biblischen Antike ist es sicher nicht mehr. Die Zeit, in der die Kirche die einzige Einrichtung war, die sich um Alte und Kranke, um Witwen und Waisen sorgte, ist in der Tat vorbei. Bei uns übernimmt der Sozialstaat die Grundversorgung. Zugegeben: Große Sprünge kann man mit Hartz IV  nicht machen. Aber Essen und Kleidung sitzen drin, auch eine beheizte Wohnung. Tafel und Kleiderladen helfen eher dabei, am knappen Geld zu sparen, um sich oder den Kindern mal etwas Schönes außer der Reihe gönnen zu können. Ganz sicher wichtig und gut, aber nicht überlebensnotwendig.

In vielen Teilen der Erde ist die Not noch groß

Aber all das gilt nur für unsere westeuropäischen Sozialstaaten. In anderen Teilen der Erde hungern nach wie vor die Menschen, sterben Kinder, weil sie nichts Richtiges zu essen haben. Kleiden sich in Lumpen, wühlen im Müll nach Verwertbarem. Staatliche Hilfe: Fehlanzeige.

Nur: Das ist weit weg. Die Hungernden und Nackten kennen wir nur noch von Bildern – und die wollen wir am liebsten auch nicht mehr sehen. Und doch brauchen sie unsere Hilfe, die wirklich Armen der Welt. Partnergemeinden leisten da einen guten Beitrag. Auch Hilfswerke wie Adveniat, Misereor und Renovabis. Jeder einzelne, der spendet. Denn wenn keiner hilft, dann sind wir  Christen eben doch gefragt. Nicht anders als zu Jakobus Zeiten.

Von Susanne Haverkamp