17.12.2020

Mönche bringen Anliegen nach Betlehem

Hunderttausende Gebete zu Weihnachten

Jahr für Jahr ziehen die deutschsprachigen Benediktiner aus Jerusalem an Weihnachten zur Geburtskirche nach Bethlehem – im Gepäck eine Schriftrolle mit tausenden Gebetsanliegen aus der ganzen Welt. 

Drei Mönche zeigen eine lange Papierrolle, auf der Gebetsanliegen stehen.
Tausende Gebete am Stück: Pater Matthias, Bruder Simeon und Pater Elias (von links nach rechts) mit dem neuen Gestell für die Schriftrollen

Es ist kalt, und die Pflastersteine sind nicht selten glitschig vor Nässe. Die große Tanne ist hell beleuchtet, ein roter Stern krönt ihre Spitze. Lichterketten umsäumen den Platz. Weihnachten in Betlehem hat wenig vom vielbesungenen leise rieselnden Schnee, der das Kommen des Christkinds ankündet. Und doch ist die Stadt für viele an Weihnachten ein Sehnsuchtsort.

„Nun freut euch, ihr Christen, singet Jubellieder und kommet, oh kommet nach Betlehem“, singen Abermillionen Christen zur Weihnachtszeit. Dem Ruf folgen die deutschsprachigen Benediktinermönche vom Jerusalemer Zionsberg. Jahr für Jahr ziehen sie in der Nacht zwischen Heiligabend und dem Weihnachtstag zu Fuß die zehn Kilometer von Jerusalem hin zur Geburtskirche nach Betlehem. Mit im Gepäck haben sie eine meterlange Schriftrolle mit unzähligen Namen aus aller Welt – Menschen, die in Gedanken am Geburtsort Jesu sind. Es geht entlang einer Schnellstraße, es geht entlang der Mauer, die Israel von Palästina trennt. Idyllisch ist der Weg nicht. Die Mönche gehen ihn seit Jahrzehnten.

Doch in diesem Jahr herrscht die Corona-Pandemie. Welche Auswirkungen das Virus auf die Weihnachtspläne der Benediktiner haben wird, weiß niemand. Der Prior der Dormitio-Abtei, Pater Matthias Karl, ist zuversichtlich, dass die Mönche ihren Pilgerweg unter Einhaltung aller Schutzmaßnahmen antreten können. Unter Umständen könnte der Ablauf aber erst an Heiligabend entschieden werden. Notfalls wollen sie sich dem Lateinischen Patriarchen anschließen, der den Weihnachtsgottesdienst traditionell in der Betlehemer Katharinenkirche zelebriert.

Denn für die Mönche ist es wichtig, dass sie am Weihnachtsmorgen in Betlehem sein können. Schließlich sind sie dort nicht nur für sich selbst, sondern für Tausende andere. Die Rolle mit ihren Namen legen sie auf dem silbernen Stern in der Geburtsgrotte ab. „Ich trage Deinen Namen in der Heiligen Nacht nach Betlehem“, heißt die Aktion, durch die im vergangenen Jahr über 112 000 Menschen mit dem Ort des Weihnachtsgeschehens verbunden sein konnten. Sie kamen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aus Großbritannien und den USA.

Rund 9,3 Kilo wiegen die Gebete 

Früher waren die Mönche und einige Pilger unter sich. Im Laufe der Jahre erfuhren immer mehr Menschen von dem nächtlichen Gang. Handgeschriebene Zettel mit Gebetsanliegen füllten fortan die Jackentaschen der Benediktiner. Bis sich vor über zehn Jahren die Anliegen so häuften, dass aus der Tradition eine professionelle Aktion wurde, die immer rasanter wuchs. Befanden sich 2012 noch 20 000 Namen auf der Liste, waren es sechs Jahre später schon 70 000. Im vergangenen Jahr wog die Rolle 9,3 Kilo und musste von zwei Personen getragen werden. „In diesem Jahr werden wir die Blätter beidseitig mit Namen bedrucken“, sagt Pater Matthias und lacht.

Eine eindeutige Erklärung für den Andrang, den die Aktion erfährt, gibt es nicht. „Es scheint ein Bedürfnis der Menschen zu sein, sich auf diese geistliche Weise mit Betlehem zu verbinden“, sagt Pfarrer Peter Stelten. Er lebt als Oblate in enger Verbundenheit mit der benediktinischen Gemeinschaft vom Zion. Seine Dormagener Gemeinde Sankt Michael wurde zum Außenbüro der Jerusalemer Weihnachtsaktion. 

Vielleicht sei der Zuspruch aber auch eine Konsequenz der globalen Welt, überlegt Stelten: „Menschen haben ein Bedürfnis zu fragen, wo sie vorkommen.“ Dass ihr Name am Weihnachtsmorgen auf den Stern in der Geburtsgrotte, der Tradition nach dem Geburtsort Jesu, gelegt werde, bedeute den Menschen viel. Mit jedem Namen werde die persönliche Geschichte eines jeden Einzelnen stellvertretend vor Gott gebracht. 

Aber nur geistlich sehen die Benediktiner ihre Aktion nicht. Parallel zur Namensaktion sammeln sie Spenden, um Sozialprojekte in Betlehem zu unterstützen.

Am frühen Weihnachtsmorgen, wenn Mönche und Pilger an ihrem Ziel ankommen, setzt der Muezzin zum ersten Gebetsruf des Tages an. Hier in Betlehem ist keine Krippe, kein Stall. Kein Schnee und keine Weihnachtsgans. Von einem holden Knaben mit lockigem Haar fehlt jede Spur.

Stattdessen sind dort Tagelöhner, die in langen Reihen am Checkpoint warten. Nichts erzählt von einem triumphalisierenden Gott. Die Armen, die Unterdrückten rücken ins Zentrum des Geschehens. Weihnachten, Menschwerdung bedeutet – das wird in Betlehem ganz deutlich – das radikale Einlassen Gottes auf alle Facetten der menschlichen Existenz. Möglicherweise ist es genau das, was die Weihnachtsbotschaft an diesem Ort so besonders macht.

kna/Annika Schmitz