27.11.2018

Hessischer Friedenspreis 2018

Im Kampf gegen die Folter: Sebnem Korur Fincanci

Die türkische Menschenrechtsaktivistin Șebnem Korur Fincanci erhält den Hessischen Friedenspreis 2018. Gewürdigt wird ihr Kampf gegen die Folter. Warum die Ärztin trotz all der Gräuel, die sie sieht, oft sehr glücklich ist, lesen Sie hier. Interview von Ruth Lehnen


Eintrag ins Goldene Buch Foto: Ruth Lehnen
Șebnem Korur Fincanci trägt sich ins Gästebuch des Hessischen Landtags ein.
Foto: Ruth Lehnen

Frage: Was bedeutet Ihnen der Hessische Friedenspreis?
Şebnem Korur Fincanci: Dieser Preis stärkt mich und alle von uns im Kampf gegen die Verletzung der Menschenrechte. Den Hessischen Friedenspreis gibt es seit mehr als 25 Jahren mit herausragenden Preisträgern. Alle von ihnen haben mit hohem Einsatz für Frieden auf der ganzen Welt gekämpft. Ich bin wirklich verlegen, diesen Preis auch zu bekommen. Als Ärztin sehe ich meine Arbeit als Verpflichtung und als Aufgabe. Da Folter ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, ist es unsere Pflicht als Ärzte, dagegen vorzugehen. Wir sollen als Ärzte für das Wohlergehen aller Menschen sorgen und gegen alles kämpfen, was dieses Wohlergehen bedroht. Ich fühle mich geehrt, den Hessischen Friedenspreis im Namen aller Menschenrechtsaktivisten und Kollegen auf der ganzen Welt entgegenzunehmen, die kämpfen und ihr Bestes tun, Folter zu verhindern.

Wie oft wird in der Türkei gefoltert? Warum ist die Dokumentation dieser Taten so wichtig?
Folter ist in der Türkei leider noch gang und gäbe. 2017 hatten 5000 Menschen die Kraft, sich an die „Human Rights Association“ zu wenden, aber die Dunkelziffer ist viel höher. Woher wir das wissen? Gerichtsprozesse zeigen, dass mehr als 20 000 Menschen von der Polizei aufgrund von Widerstand gegen die Staatsgewalt und Beleidigung verklagt wurden. Diese Gerichtsprozesse nennen wir „Zwillingsfälle“. Immer wenn ein Folterüberlebender vor Gericht geht, weil er gefoltert wurde, klagt die Polizei wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt oder Beleidigung eines Polizeibeamten. Allein aus diesem Grund ist Dokumentation so wichtig: So ist es uns möglich, Ereignisse zu rekonstruieren und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Dokumentation hilft, Folter zu verhindern, denn sie schafft Aufmerksamkeit – was wiederum dazu führt, dass präventive Maßnamen greifen.

Woher nehmen Sie die Kraft, Ihre Arbeit für Menschenrechte und gegen Folter weiterzuführen?
Ich bin mir meiner Sache sicher: Es geht um das absolute Verbot von Folter, also den Schutz der Integrität des Menschen gegen alle Arten schändlicher Gräueltaten. Ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt, wenn ich den Blick von Folterüberlebenden sehe – wenn ihre Qual erstmals von einem anderen Menschen anerkannt wird. Das ist der erste Augenkontakt, den sie seit der Folter zulassen können. Solidarität und Teamwork haben einen enorm stärkenden Effekt. Ich fühle mich nie allein.

Das vollständige Interview lesen Sie in der gedruckten Ausgabe 48 von "Glaube und Leben", "Der Sonntag" und "Bonifatiusbote".

 

Zur Person

Şebnem Korur Fincanci, geboren 1959, ist Professorin für Forensik an der Universität Istanbul. Sie ist Vorsitzende der Menschenrechtsstiftung der Türkei (Human Rights Association) und hat führend am „Istanbul-Protokoll“ mitgewirkt, das für die Untersuchung und Dokumentation von Folter internationale Standards geschaffen hat. Der Ärztin droht in der Türkei eine Haftstrafe. (nen)

Zur Sache: Hessischer Friedenspreis

Der Hessische Friedenspreis wurde 1993 vom ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Albert Osswald begründet. Er ist mit 25000 Euro dotiert. Die Verleihung fand am 28. November im Hessischen Landtag in Wiesbaden statt. Die Laudatio hielt der frühere Vorsitzende des Rats der Evangelischen Kirchen in Deutschland, der emeritierte Bischof Wolfgang Huber. (nen)