21.11.2018

Gang mit einem Bestatter über den Limburger Hauptfriedhof

Im Wandel der Zeit

Friedhöfe geben Zeugnis von einer sich wandelnden Kultur. Wie Gräber aussehen, sagt viel über den Zeitgeist. „Pflegefrei und nicht anonym“ ist derzeit im Trend. Bestatter Benedikt Kirchberg zeigt Beispiele bei einem Rundgang auf dem Limburger Hauptfriedhof. Von Barbara Faustmann.

Friedhöfe sind Orte der Stille. Sie sind Orte der Erinnerung und Orte der Begegnung. Ein Spaziergang dort kann erholsam sein. Auf einem Friedhof gibt es viel Grün. Manche weisen ganze Alleen mit alten Baumbeständen auf. Jahreszeitlicher Blumenschmuck ziert die Gräber. Hingucker sind die Grabsteine. Von schlicht bis zum Tempel reicht die Palette.

Was ein Bestatter alles wissen und können muss

Benedikt Kirchberg weist auf die kleinen Urnengräber auf der grünen Wiese hin. Sie lassen noch Raum zur Gestaltung und sind dennoch nicht aufwendig. Foto: Barbara Faustmann
Benedikt Kirchberg weist auf die kleinen Urnengräber auf der grünen Wiese hin.
Sie lassen noch Raum zur Gestaltung und sind dennoch nicht aufwendig.
Foto: Barbara Faustmann

Ein Wandel findet in der Friedhofskultur statt, das ist nicht zu übersehen. Das klassische Doppelgrab mit einem Grabstein darauf wird verdrängt von moderner Grabgestaltung. Benedikt Kirchberg ist Geschäftsführer des Limburger Unternehmens „Bestattungen Kirchberg-Geschwister Ehmann“, das bereits in der vierten Generation in dieser Branche sein Brot verdient. Der 36-Jährige hat das Geschäft übernommen und zuvor eine dreijährige Ausbildung zur Bestattungsfachkraft absolviert. Dazu zählen eine kaufmännische Ausbildung, das Handwerk, wie beispielsweise die Sargschreinerei, die Trauerpsychologie, Kundenberatung, Arbeitsschutzmaßnahmen und der Umgang mit den Toten.
Für den jungen Bestattungsunternehmer hat sich mit den Jahren sehr viel gewandelt. Das fängt mit der Art der Beisetzung an, wirkt sich auf die Trauerfeier in der Leichenhallte und am Grab aus, und endet beim Beerdigungskaffee, früher auch Leichenschmaus genannt. Es gibt regionale Unterschiede von Stadt und Land, weiß Kirchberg. „Wenn auf einem Dorf eine Beerdigung ist, sind fast alle Einwohner auf dem Friedhof. In einer größeren Stadt geht es schon wesentlich anonymer zu“, erzählt er. Eine Beerdigung sei auch eine Frage der Kosten, rechnet Kirchberg auf. „Da sind schon mal schnell ein paar tausend Euro fällig.“ Die Grabkultur sei auch deswegen eine andere geworden.
Wir gehen zu einem neuen Gräberfeld auf dem Limburger Hauptfriedhof. Große schlichte anthrazit-farbenen Stelen stehen auf einem Stück Wiese. Die Namen der Verstorbenen sind darauf eingraviert. Bis zu 24 Urnen können an einer Stele beigesetzt werden.

Porzellanfigürchen, Rosenkränze und ein kleiner Hockeyschläger

Ein anderes Teilstück des Friedhofs ist abermals eine große Wiese. Kleine Steinplatten künden von den Toten, die dort beigesetzt sind. Porzellanfigürchen, Bilder, Blumengebinde oder arrangierte Wurzeln, Eicheln und Kastanien, Rosenkränze, ja selbst ein kleiner Hockeyschläger sagen etwas über die Toten aus oder sind ein letzter Gruß.

Wir kommen vorbei an den Klassikern, den Doppelgräbern mit großer Steinplatte. Sie sind meist poliert und die Namen der Toten sind mit Goldlettern eingraviert. Am Blumenschmuck ist leicht auszumachen, wie oft sich Angehörige um diese pflegeintensiven Gräber kümmern. Manche sind akkurat und sehr liebevoll angelegt. „Aber die jungen Leute ziehen in die Welt und dann sehen diese Gräber schnell sehr verwildert aus“, weiß Kirchberg.
Wieder ein kleines Stück Rasen. Mitten drauf ein Baum. Kirchberg zeigt mit dem Finger hin. „Hier liegen die Baumbestatteten“, sagt er. Es ist fast nicht auszumachen, doch im Rasen liegt unscheinbar eine Steinplatte. „Das ist der aktuelle ,Renner‘. Es ist pflegefrei, nicht anonym und wird deshalb sehr angefragt“, schildert Kirchberg die Zukunft der Grabgestaltungen.

Billigimporten einen Riegel vorschieben

Und da kommen auch die farbenfrohen Billig-importe ins Spiel. Im Zuge der Globalisierung gibt es ein wesentlich größeres Spektrum an Materialien. Der Import von Grabsteinen aus asiatischen Ländern nimmt zu. „Das ist billiger, aber die Menschen sollten doch auch bedenken, unter welchen Arbeitsbedingungen diese Steine produziert werden“, mahnt Kirchberg. Sogar die Wiederaufbereitung ausgedienter Grabmale ist verglichen mit den Billigimporten nicht mehr rentabel. Die deutschen Steinmetze müssen nur noch die Inschrift auf den Importsteinen anbringen. Ein Siegel soll zukünftig der Ausbeutung und Kinderarbeit entgegenwirken. Dann werden auf deutschen Friedhöfen nur noch Grabsteine aufgestellt, die unter menschenwürdigen Bedingungen und ohne Kinderarbeit gefertigt wurden.

Unser Rundgang neigt sich dem Ende zu. Wir bestaunen die Grabanlagen der ehemals reichen oder einflussreichen Limburger Bürger. Hier wurden weder Geld noch Mühen gescheut. Minitempel, übergroße Putten, alte Gewächse sind auf diesen Arealen verteilt. Auffällig ist, auf dem alten Teil des Friedhofs finden sich die modernen Gräber nicht. Hier bleibt man unter seinesgleichen.

Es sind kulturelle Anschauungen die auf einem Friedhof deutlich werden. Kirchberg kennt sich damit aus, hat sich auch mit den Anfängen der Grabkultur auseinandergesetzt. Er weiß, Gräber und deren Gestaltung sind die besten und vielfältigsten Zeugnisse alter Kulturen. Sie wurden auch zum wichtigen Bestandteil von archäologischen Forschungen.

Danach ist belegt, dass bereits die Neandertaler ihre Toten in einer Erdgrube beigesetzt haben. Zu den ältesten Plätzen, an denen tote Menschen abgelegt wurden, zählen Höhlen. Bekannt dafür sind die historischen Felsengräber in Myra und in Fethiye in der heutigen Türkei. Herrscher, wie beispielsweise die Pharaonen, bekamen auf ihrer Reise ins Jenseits Nutz- und Wertgegenstände mit ins Grab.

Inmitten von Vogelgezwitscher und ruhigen Gesprächen

Zurück zum Heute. Vogelgezwitscher hat uns den ganzen Mittag begleitet. Die Menschen haben sich der Grabpflege gewidmet. Manch einer hat auf einer Bank im Stillen verharrt. Andere fanden sich zu einem Gespräch.
Eine ganz persönliche Frage beantwortet Benedikt Kirchberg. Wie will er angesichts der vielen Möglichkeiten beerdigt werden? „Ich möchte nicht verbrannt werden, sondern in einem klassischen Sarg zu Grabe getragen werden“, sagt er. Sein Handy klingelt, ein Kunde ist am anderen Ende. Die Arbeit eines Bestattungsunternehmers kennt keinen Feierabend. Gestorben wird zu allen Tages- und Nachtzeiten.

 

Zur Sache: "Aeternitas" hilft bei Fragen und Problemen

Der Aeternitas Förderverein Bestattungs-und Grabgestaltung e.V. ist ein deutscher gemeinnütziger Verein zur Förderung und Erhaltung schon bestehender und der Entwicklung zeitgemäßer Friedhofsanlagen, Begräbnisse, Grabeinrichtungen und Bestattungsformen des überkommenen abendländischen Totenkults. Der Verein, mit Sitz in Bonn, wurde 1984 von Christoph Keldenich und Günter Holstein gegründet.
Der Verein berät und informiert seine Mitglieder, klärt die Öffentlichkeit auf und fördert die wissenschaftliche Forschung. Das Spektrum umfasst die Meinungsforschung, Forschungsförderung, Verbraucherberatung und -information sowie Interessenvertretung. 1984 beschlossen betroffene Angehörige aufgrund negativer Erfahrungen bei Bestattungen, einen Verbraucherverein für diesen Bereich zu gründen.
Er hat mittlerweile mehr als 50 000 Mitglieder in ganz Deutschland. Umfragen, das Sammeln von Daten und Fakten geben Auskunft über die Einstellung der Bürger zu allen Fragen rund um Bestattung und Friedhof. Die Aeternitas-Friedhofsgebühren-Datenbank mit mehr als 1000 Städten und Gemeinden spiegelt das Gebührenniveau in Deutschland wider. Stiftung Warentest liefert Aeternitas Daten und Texte für deren Sonderheft. Die Kontakte zu Experten in diesem Bereich sind eine ständige Quelle der Informationen. Mitglieder erhalten vierteljährlich die Vereinszeitschrift „Zeitlos“.
Info: www.aeternitas.de