29.01.2021

Beste Freunde

Jahresserie 2021

Die Jahresserie der Kirchenzeitung setzt 2021 voll auf Freundschaft. In einer Welt, in der vielerorts „me first“ gilt und Ellbogen nicht nur in Coronazeiten eingesetzt werden, um sich bemerkbar zu machen, blickt die Kirchenzeitung auf Solidarität, gegenseitiges Helfen, Sich-Aufeinander-Verlassen-Können … „Beste Freunde – Geschichten durch dick und dünn“ haben wir deshalb unsere Serie genannt.

 

Von Nutzen- und Tugendfreundschaften

Ein Umzug steht an, und von den 500 Facebook-Freunden lässt sich nur eine Handvoll blicken. Psychologe und Freundschaftsforscher Dr. Horst Heidbrink über beste Freunde, die Bedeutung der Balance zwischen Geben und Nehmen und das Scheitern von Freundschaften in Zeiten von Corona.

In der Corona-Zeit soll ich Abstand halten und meine persönlichen Kontakte möglichst reduzieren. Ist das das Ende einer jeden Freundschaft?
Horst Heidbrink: Schon Aristoteles hat zwischen unterschiedlichen Arten von Freundschaften unterschieden. Die „richtigen“, wahren Freundschaften hat er Tugendfreundschaften genannt. Daneben gab es die Nutzen-Freundschaften, in denen wir uns gegenseitig Hilfe und Unterstützung gewähren, aber darüber hinaus keine enge Verbindung haben. Das dritte Modell hat er Lustfreundschaft genannt. Da haben wir Spaß und Freude miteinander. Ich denke, die aristotelischen Tugendfreundschaften sollten auch Corona überstehen. In ihnen geht es um unsere besten Freunde und Freundinnen. Die Spaß- und Lustfreundschaften überstehen die Krise vielleicht nicht, weil wir ja nicht mehr zusammen in die Kneipe gehen können, tanzen oder durch die Clubs ziehen. Dann stellen wir danach vielleicht fest, dass jeder etwas anderes macht. Wir haben uns aus den Augen verloren. Nutzenfreundschaften kann ich gegebenenfalls immer wieder
aufleben lassen.

Wenn der nächste Umzug ansteht, dann rufe ich wieder an?
Genau. Dann sage ich: Mein Wasserhahn tropft, du kannst doch gut mit Rohrzangen umgehen, kannst du mir nicht mal helfen? Mein Freund antwortet dann vielleicht: „Du rufst auch immer
nur an, wenn du was willst.“ Ich verspreche ihm dann, ihn im Gegenzug einmal einzuladen. In allen Arten von Freundschaften ist ein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen ein sehr wichtiges Prinzip. Wenn einer nur nimmt und der andere nur gibt, ist das im Übrigen für beide Seiten nicht gut.

Inwiefern?
Diejenige, die sich zunächst darüber freut, dass die Freundin immer zahlt – schließlich verdient sie ja auch mehr – bekommt trotzdem zunehmend das Gefühl, der Freundin etwas schuldig
zu sein. Sie meint, einen Ausgleich leisten zu müssen. Zum Beispiel besonders nett sein zu müssen, obwohl sie vielleicht bestimmte Sachen ärgern. Da gerät schnell etwas aus dem Gleichgewicht. Ansonsten gilt natürlich, dass ich einer Freundin helfen soll, die Hilfe benötigt.

Was ist eine Freundschaft überhaupt?
Freunde sind Menschen, die man mag, deren Gesellschaft man genießt, mit denen man Interessen und Aktivitäten teilt, die hilfreich und verständnisvoll sind, denen man vertrauen kann, mit
denen man sich wohl fühlt und die emotionale Unterstützung gewähren. Das ist eine ältere Definition von Michael Argyle und Monika Henderson aus dem Jahr 1990, die ich ganz sympathisch und zutreffend finde.

Was ist das Wesen einer Freundschaft?
Freundschaften sind freiwillige soziale Beziehungen. Wir gehen davon aus, dass Freundschaften zwischen Gleichen bestehen. Da ist nicht einer der Chef und der andere sein Untergebener.
Und sie beruhen im Normalfall auf Gegenseitigkeit. Ich kann schlecht mit jemandem befreundet sein, der das nicht mit mir ist. Auch das wusste Aristoteles bereits. Es gibt ein paar interessante neuere Studien, die versucht haben herauszufinden, ob das auch faktisch so ist. Dabei hat sich gezeigt, dass das nicht immer der Fall ist. Eine Studie mit jüngeren Studierenden hat ergeben, dass bei ihnen nur in 60 bis 70 Prozent der Fälle die Freundschaft auf Gegenseitigkeit basiert.

Wie kommt das?
Das hängt auch damit zusammen, dass der Freundschaftsbegriff auf unterschiedliche soziale Beziehungen angewandt wird. Wenn ich als Mann zum Beispiel sage: „Das ist meine
Freundin“, kann ich damit eine Freundschaftsbeziehung meinen, oder auch eine Liebesbeziehung. Da sind wir ein bisschen unbestimmt im Alltag. So ziehen Leute auch die Grenzen zwischen Freundschaft und Bekanntschaft unterschiedlich. Es gibt Bekannte, Kollegen, Nachbarn, das sind unterschiedliche Kategorien für soziale Beziehungen.

Was charakterisiert denn „den besten“ Freund oder „die beste“ Freundin?
In den meisten Fällen haben die Leute einen besten Freund oder eine beste Freundin. Manche würden grammatikalisch nicht ganz korrekt von mehreren besten Freunden sprechen. Aber ungefähr
ein Viertel der Menschen sagen, dass sie überhaupt keinen besten Freund oder keine beste Freundin haben.

Muss sich das eine Viertel Sorgen machen?
Wir gehen davon aus, dass Menschen soziale Wesen sind, für die soziale Beziehungen, unter die auch Freundschaften fallen, sehr wichtig sind. Es gibt Studien, die zeigen, wenn Freunde fehlen, man muss genauer sagen, wenn Menschen einsam sind, hat das auch negative gesundheitliche Auswirkungen. In einer großen Meta-Analyse mit ungefähr 300 000 Leuten sind die Autoren zu dem Schluss gekommen, dass keine Freunde zu haben – das ist jetzt aber sehr vereinfacht – so schädlich ist wie 15 Zigaretten am Tag zu rauchen.

Beachtlich.
Natürlich ist es nicht so, dass ich automatisch früher sterbe, wenn ich niemanden als meinen Freund bezeichnen kann. Es kommt darauf an, dass ich für mich selbst einigermaßen zufriedenstellende soziale Beziehungen habe. Das müssen keine Freundinnen oder Freunde sein. Das kann auch die Familie sein. Das können auch Arbeitskollegen sein. Es gibt ja durchaus auch Leute, die sagen, dass sie mit ihren Geschwistern befreundet sind. In amerikanischen Untersuchungen haben Männer häufig als „best friend“ ihre Ehefrau angegeben. Umgekehrt ist das interessanterweise nicht vorgekommen. Man kann also auch mit dem Ehepartner befreundet sein. Deshalb müssen sich Leute keine Sorgen machen, die nicht so viele Freunde aufweisen können.

Dr. Horst Heidbrink ist Psychologe
und Dozent an der Fern-Universität
Hagen. Foto: privat


Und was ist das Besondere an einer Clique oder einem Freundeskreis?
Besonders in der Schule oder im Studium, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat die Anzahl der Freunde einen sozialen Wert. Sie sagt etwas über meinen sozialen Status aus: Bin ich beliebt oder gehöre ich zu den Außenseitern? Das ist nicht gerade ein begehrter Platz in der Gruppe. Deshalb versuchen gerade Kinder und Jugendliche möglichst gut mit vielen auszukommen. Auch um ihren eigenen Status in der Gruppe, in der Klasse zu festigen und zu behaupten. Auch in Freundschaftscliquen sind nicht alle gleichermaßen miteinander befreundet. Die Basis einer Freundschaft ist immer eine Zweier-Beziehung. Natürlich sage ich: „Das sind meine Freunde.“ Aber Sie werden immer feststellen, dass es in solchen Gruppen Unterschiede im
Grad des Befreundet-Seins untereinander gibt.

Ich kann also nicht mit der ganzen Gruppe befreundet sein?
Wir leben ja alle in unterschiedlichen Freundschafts- oder Bekanntschaftskreisen. Wenn wir aber direkt gefragt werden, mit wem wir befreundet sind, dann sagen die meisten Leute, dass sie vielleicht mit einer Handvoll Menschen enger befreundet sind. Vielleicht mit fünf Personen. Im erweiterten Freundeskreis gibt es vielleicht etwa 15 Personen und alles, was darüber hinausgeht, zählt zu den Bekannten. Das sind Leute, die ich im Moment kenne. Da gibt es diese berühmte Zahl von Robin Dunbar, einem englischen Psychologen, der sich sehr viel damit beschäftigt hat. Er sagt, dass wir nicht mehr als ungefähr 150 Leute zu einem bestimmten Zeitpunkt persönlich kennen können, weil das unsere kognitive Kapazität überschreitet.

Und wenn jemand 250 Facebook-Freunde hat?
Damit hat sich Dunbar auch beschäftigt. Im Adressbuch können natürlich viel mehr Leute stehen. Und im Lauf meines Lebens lerne ich auch mehr Leute kennen. Wenn ich etwa als Lehrerin
oder Lehrer arbeite, lerne ich viele Schulklassen kennen. Es geht aber um diejenigen, an die ich mich im Moment konkret erinnern kann. Er hat Studien gemacht und untersucht, welches die maximale Anzahl an persönlichen Weihnachtskarten ist, die fleißige Schreiber verfassen. Mehr als 150 sind ihm nicht untergekommen.

150 ist ja schon eine beachtliche Leistung.
Ja, aber das bedeutet nicht, dass viele Leute das machen, es war die maximale Anzahl. Die kleinsten militärischen Einheiten umfassen normalerweise 60 bis 70 Leute, eine Kompanie. Er sagt, schon in den römischen Legionen habe es nicht mehr als 150 Leute gegeben, weil sonst die Kompanie-Führer ihre eigenen Leute nicht mehr persönlich kennen konnten. Und wenn jemand 500 Facebook-Freunde hat, dann sind das nicht wirklich Freunde. Das ist ja nur eine Kategorie, die das soziale Netzwerk vorgibt.
Interview: Julia Hoffmann