31.10.2018

Jahresserie 2018

Das kann Dir keiner erklären – das musst Du erleben!

Die letzte Heimat – der Friedhof? Nicht für Christen. Wir glauben, dass wir zu dem gehen, von dem wir gekommen sind – dass wir Heimat haben bei Gott, dem Ursprung und Ziel allen Lebens. Dass wir einen Platz im Himmel haben. Himmel – was ist das? Wer könnte das besser erklären als einer, dem Jesus die Schlüssel des Himmels gegeben hat? Ein vertrauliches Gespräch mit Petrus. Von Maria Weißenberger.

Lieber Herr Petrus – ich darf Sie doch so nennen? Wie ist es für Sie, tagein, tagaus an der Himmelspforte zu stehen und zu entscheiden, wer hinein darf?

Karikatur von Thomas Plaßmann
Karikatur von Thomas Plaßmann

Nenn mich einfach Petrus! Ich weiß, laut eurem Knigge bietet die Dame das Du an –, aber ich bin ja so viel älter und nehme mir die Freiheit vorzuschlagen, dass wir einander duzen. Schließlich ist das ein Gespräch unter Geschwistern. Aber wie kommst Du nur darauf, dass ich im Himmel den Job des Pförtners hätte?

Es wird halt so erzählt – außerdem gibt es viele Bilder, auf denen Du die Himmelstür aufschließt. Und Matthäus schreibt, dass Jesus zu Dir sagt: „Ich werde Dir die Schlüssel des Himmelreichs geben.“

Und was die Menschheit daraus alles gemacht hat! Ihr macht mich ja sogar fürs Wetter verantwortlich, weil ich den Himmel auf- und zuschließen könnte. Ich will das jetzt nicht lang und breit auswalzen – aber die Schlüssel des Himmelreichs können nur dazu dienen, dass der Himmel allen erfahrbar wird. Also Menschen Wege zu erschließen, damit sie entdecken: Gott liebt sie und ist ihnen nah! Solche Wege aufzuzeigen, ist die Aufgabe aller, die Jesus nachfolgen. Die in ihm, wie ich damals, den Sohn Gottes erkennen.

Also stehst Du nicht an der Himmelstür und entscheidest, wen du dort hineinlässt?

Gott sei Dank nicht! Wenn ich mir vorstelle, dass ich hier eine Liste mit all Euren guten oder bösen Taten hätte und mit einer Art Punktesystem entscheiden sollte, wer in den Himmel kommt – ich weiß nicht, ob ich über solche Ideen lachen oder weinen soll. Ich würde mir das gar nicht anmaßen wollen. Möglicherweise hätte ich mir selber den Zutritt verweigert – ich habe ja wahrlich nicht immer einen guten Glaubenszeugen abgegeben!

Stimmt – nicht alles, was ich über Dich in der Bibel gelesen habe, gereicht Dir zum Ruhm ...

Klar war ich begeistert von Jesus und seiner Botschaft, habe mich ins Zeug gelegt dafür, sie anderen Menschen weiterzuerzählen. Aber wenn ich dran denke, was für einen Mist ich doch auch gebaut habe! Ich habe mich manchmal dermaßen überschätzt, dass es schon peinlich war – beispielsweise, als ich übers Wasser gehen wollte und fast untergegangen wäre. Da haben alle im Boot gemerkt, dass es mit meinem Vertrauen nicht allzu weit her war. Du wirst wissen, was ich mir noch alles geleistet habe. Ich hatte ja nicht mal den Mut zuzugeben, dass ich zu Jesus gehörte. Dreimal habe ich ihn verleugnet – trotzdem bin ich jetzt bei ihm. Im Himmel, wie Ihr das nennt.

Ja, wir reden oft vom Himmel. Aber wo das ist und wie es dort zugeht – darüber wüsste ich schon gern mehr.

Und da kommst Du ausgerechnet zu mir? Ich bin nur ein einfacher Apostel. Ihr habt doch genug schlaue Theologen bei Euch, warum wendest Du Dich nicht an sie?

Ich wollte mal mit einem reden, der wissen muss, wovon er spricht. Du bist doch im Himmel! Wie sieht es da aus? Stimmt das denn mit den Engelchen, die auf Wolken schweben und Harfe spielen? Den ganzen Tag Halleluja singen? Das wär doch langweilig! Da kann ich den Münchner Dienstmann Alois verstehen, wenn er wieder abhaut ...

Ich merke schon an Deiner Frage, dass Du an so einen Himmel nicht wirklich glaubst. Du rechnest wohl nicht ernsthaft mit einer Antwort auf solchen Blödsinn.

Spaß muss sein – und der Humor und das Lachen, das solltest Du wissen, verleihen unserem Erdenleben zuweilen durchaus himmlische Momente! Aber ernsthaft: In der Bibel habe ich gelesen, dass Jesus zu Euch gesagt hat: Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Und er hat Euch versprochen, Euch einen Platz zu bereiten. Stimmt das mit den vielen Wohnungen?

Klar stimmt das – er hätte uns nie angelogen. Im Himmel ist Platz für alle – und (augenzwinkernd) vor hohen Mieten braucht da keiner Angst zu haben. Versteh mich nicht falsch – ich will Dich nicht animieren, überstürzt von der Erde in den Himmel umzuziehen. Ich wollte nur deutlich machen, dass die Caritas im Himmel nicht demonstrieren muss ... Scherz beiseite. Sieh es einfach so: Es gibt einen Platz für Dich, der Dir ganz und gar entspricht, an dem es Dir gut geht. Und: Du wirst erwartet!

Das ist ja nicht sehr konkret. Aber ich will Dir gern glauben. Nur: Wer, was, wie bin ich im Himmel? Und: Was von mir kommt denn in den Himmel?

Nicht etwas von Dir – Du! Ganz und gar.

Das kann doch gar nicht sein. Ich weiß doch, dass der menschliche Körper verwest, wenn er begraben ist. Viele Menschen werden ja auch nach ihrem Tod verbrannt.

Du machst es mir echt nicht einfach. Ich bin Dir ja nicht böse deswegen – es ist mir klar, Ihr könnt das noch nicht wirklich begreifen.

Wie denn auch? Die einen erzählen, dass Leib und Seele voneinander getrennt werden, wenn der Mensch gestorben ist. Andere wiederum sagen, wir werden mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen ...

Wie soll ich Dir das nur erklären? Selbst mein Kollege Paulus, der ja bekanntlich hoch gebildet war, hat feststellen müssen, dass wir etwas verkündigen, „das kein Auge gesehen und kein Ohr gehört“ hat. Er nennt es „das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“. Ich kann es nicht so beschreiben, dass Du es voll erfassen kannst. Nur so viel: Es ist unbeschreiblich schön. Das ist doch auch im irdschen Leben so, wie ich mich erinnere: Nicht alles können Dir andere erklären – manches musst Du einfach erlebt haben!

Du lenkst ab. Raus mit der Sprache: Wie ist das nun mit Körper, Leib, Seele?

Ich kann Dir dazu nur sagen: Wir ersten Christen haben mit dem Wort Leib nicht dasselbe gemeint wie Körper. Für uns war der Leib das, was einen Menschen ausmacht – und dazu gehört alles, was er erlebt hat, was ihn geprägt hat und wodurch er unverwechselbar geworden ist. Nichts anderes meinten Christen nach uns, wenn sie von der Seele redeten. So ist das halt mit der Sprache – sie lebt, also verändert sie sich ...

Wir gehen also mit unserem Wesen, mit unserer Identität in den Himmel ein?

So kann man das ausdrücken. Die Menschen sind in dem, was Ihr „ewiges Leben“ nennt, natürlich nicht mehr an ihren sterblichen Körper gebunden. Gott verwandelt uns, wie Paulus im 1. Korintherbrief geschrieben hat. Er verwandelt den irdischen Leib in einen überirdischen, einen himmlischen Leib.

Und was ist mit den Menschen, die uns nahe stehen? Treffen wir unsere Lieben im Himmel wieder? Erkennen wir einander?

Nach allem, was wir bisher gesprochen haben, sollte Dir klar sein: Deine himmlische Wohnung ist kein Einzelzimmer. Augustinus hat, soweit ich das mitbekommen habe, gesagt: „Wir werden uns an Gott und aneinander freuen.“ Himmel ist nicht die traute Zweisamkeit mit Gott, Himmel ist Gemeinschaft und Begegnung. Ihr in eurer Kirche erklärt ja auch die Kommunion so – als Gemeinschaft mit Gott und untereinander.
Übrigens: Einen Zahn muss ich Dir noch ziehen. Nicht nur Deinen Lieben wirst du im Himmel begegnen, sondern auch Menschen, die dir weniger oder gar nicht lieb waren. Du wirst Dich wundern, wer alles da ist!

Vorausgesetzt, ich komme in den Himmel. Vielleicht lande ich in der Hölle? Was ist das überhaupt?

Ich habe sie nie gesehen. Euer Katechismus sagt, Hölle ist „der Zustand der endgültigen Selbstausschließung aus der Gemeinschaft mit Gott und den Seligen“. Das bedeutet, wenn ich es richtig verstehe, dass ein Mensch sich tatsächlich, wenn er Gott geschaut hat, gegen ihn entscheidet. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass das jemand tut – aber falls es so wäre: Gott zwingt keinen, er lässt uns die Freiheit. Aber er liebt uns und will, dass wir leben – er wird alles tun, damit sich niemand für die Hölle entscheidet. Wie die sich anfühlt, kann ich mir durchaus vorstellen. Ich muss nur daran denken, wie mir zumute war, als mir bewusst wurde, dass ich Jesus verraten hatte! Was ich da durchgemacht habe, das war die Hölle auf Erden.

Gott ist also kein Richter, vor dem wir Angst haben müssen?

Kein Richter wie in einem weltlichen Gericht, vor das Menschen als Angeklagte zitiert werden und ihr Urteil – nicht selten eine Verurteilung – entgegennehmen. Gott verurteilt nicht. Gott liebt die Menschen – wir Apostel haben das, wie viele Menschen damals, an seinem Sohn Jesus erkannt. Er hat uns gezeigt, wie Gott ist – und uns förmlich mit der Nase drauf gestoßen, als er sagte: Wer mich kennt, kennt den Vater! Ein Vater, der liebevoll gerade richtet, was schief gelaufen ist in unserem Leben. Der die aufrichtet, die niedergemacht worden sind – aber auch die, die Schuld auf sich geladen haben.

Warum hat dann die Kirche früher so viel Angst verbreitet? Gericht, Fegefeuer, Hölle – das beschäftigt manche Menschen mehr als die Aussicht auf den Himmel.

Warum wohl? Vielleicht dachten die Männer der Kirche, die Leute würden sich aus Angst vor der Hölle mehr bemühen, Gottes Gebote zu befolgen. Und natürlich die Gebote der Kirche. Strafandrohung und Angstmache – ich sage das mal unter vier Ohren – wird ja immer gern als Mittel der Macht eingesetzt. Wenn ich mich mit einem Wort Jesu an die heutige Kirche richten dürfte, würde ich sagen: Bei euch aber soll es nicht so sein.

Nach allem, was Du erzählst, dürfte es mir gar nicht schnell genug gehen, in den Himmel zu kommen. Aber ehrlich gesagt: Ich finde, es hat noch Zeit ...

Keine Sorge – Deine himmlische Wohnung läuft Dir nicht weg. Gerade von mir mag es komisch klingen, aber: Vertrau auf Jesus. Vertrau einfach darauf, dass Du zur rechten Zeit ankommst. Und im Vertrauen darauf, dass der Tod nicht das Ende ist: Fang doch schon mal an, ewig zu leben!

Maria Weißenberger