28.09.2021

Jahrhundertealte Gebetsform

Jeden Tag drei Rosenkränze

Der Rosenkranz – eine Kette mit Kreuz und 59 Perlen, gegliedert in verschiedene Gruppen. Traditionell gilt der Oktober als eine Zeit im Kirchenjahr, in der sich Katholiken vermehrt dieser jahrhundertealten Gebetsform widmen. Von Evelyn Schwab


Ein meditativer Zugang zu den Geheimnissen des Glaubens: In den Gesätzen des Rosenkranzes – Sätze, die das „Gegrüßet seist du, Maria“ erweitern.


Sich stetig wiederholende Gebete, abgezählt an dieser Schnur. Papst Leo XIII. setzte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts sehr für den regelmäßigen Gebrauch des Rosenkranzes ein. Dabei sollte nacheinander an die Heilsgeheimnisse erinnert werden – Ereignisse im Leben von Jesus und Maria – über eine Meditation mit dem „Engel des Herrn“ und dem „Vaterunser“. Kann man dieses Gebet schätzen lernen?
Rita Götz aus Böckels bei Petersberg hält das Rosenkranzgebet für wertvoll. Gemeinsam mit ihr sorgen weitere sechs Frauen aus dem Ort dafür, dass jeden Tag fortlaufend drei Rosenkränze gebetet werden. Diese Tradition gehe zurück auf die Zeit des Ersten Weltkriegs (1914 bis 1918). Die Frauen im Dorf ängstigten sich um ihre Ehemänner, Väter, Söhne und Brüder. Man tat sich damals zusammen und versprach, jeden Tag einen freudenreichen, einen schmerzensreichen und einen glorreichen Rosenkranz zu beten, um Sorge und Traurigkeit besser ertragen zu können. Jede Frau übernahm täglich ein Gesätz. Götz: „So war der Rosenkranzverein gegründet.“
In der Familie Oswald aus Motzlar bei Geisa gibt es auch schon lange einen solchen Rosenkranzverein. Sylvia Oswald kam durch Heirat dort hinein. Ihre Schwiegermutter betete täglich den Rosenkranz: „Sie nahm sich immer viel Zeit für die Damen, die dann kamen.“ Sogar schon in der Generation davor habe im Hause Oswald der Rosenkranzverein existiert. Heute leitet den Motzlarer Rosenkranzverein ihre Schwägerin.

Schwierige Suche nach Nachfolgerinnen

„Ja, ich habe den Rosenkranzverein vor knapp 20 Jahren von meiner Schwiegermutter übernommen. Und davor hatte sich die Tante meines Ehemannes lange darum gekümmert.“ Das bestätigt Gabriele Oswald. „Leider sind wir nur noch fünf Mitglieder“, ergänzt sie. „Ich bin froh, dass wir damit einen Rosenkranz zustande bekommen und ihn beten können.“
Jede Frau bekomme monatlich ein Rosenkranz-Zettelchen, auf dem ein Gesätz abgebildet und beschrieben ist. Das werde danach wieder gewechselt. „Normalerweise kommen alle einmal im Monat zu mir nach Hause. Als Corona extrem war, habe ich gesagt: Betet einfach so weiter.“ Im Rosenkranzmonat bezahlen die Mitglieder fünf Euro. Sie bestellen Messen für die Verstorbenen aus ihren Reihen – im Oktober für alle zusammen eine extra. Gabriele Oswald erzählt, es werde schwieriger, Nachfolgerinnen für die wegsterbende ältere Generation zu finden.
In Böckels sind noch sieben Frauen da, die täglich mindestens ein Gesätz vom Rosenkranz beten. Manche beten sogar zwei. Zum Jahresbeginn erhält jede eine Übersicht mit den jeweils zu übernehmenden Formulierungen. Die jüngeren Frauen am Ort hätten heutzutage weniger Zugang zum Rosenkranz. Anders Rita Götz, die schon seit ihrer Kindheit mit dieser Gebetsform verbunden ist. Sie erzählt: „Wenn ich etwas arbeite, zum Beispiel bügele, da bete ich für mich den Rosenkranz.“ Andere aus dem Dorf täten dies auf ihrer regelmäßigen Spaziergangsstrecke.

„Betriebsausflug“ zu einer Mariengrotte

Täglich unter sich beten, einmal im Monat gemeinsam in größerer Runde, so sah das Vereinsleben vor Corona in Böckels aus. Jeweils an Mariä Himmelfahrt gab es einen Grottenbesuch in der Region. „Unser Betriebsausflug“, scherzt Rita Götz. Im Oktober wurde einmal pro Woche gemeinsam der Rosenkranz gebetet. So soll es wieder sein: „Ab dem neuen Jahr werde ich sagen: Wir treffen uns wieder wie früher.“

Von Evelyn Schwab

Zur Sache
Im Gebetbuch "Gotteslob" findet sich unter der Nr. 4 bei den „Grundgebeten und Glaubenstexten“ eine Hinführung zum Beten des Rosenkranzes. Außerdem werden alle „Rosenkranzgeheimnisse“ aufgelistet: der freudenreiche, lichtreiche, schmerzhafte, glorreiche und trostreiche Rosenkranz.