25.03.2021

Christus-Hymnus aus dem Philipperbrief

Jesu Lebensklugheit

Am Palmsonntag wird jedes Jahr der große Christus-Hymnus aus dem Brief an die Philipper gelesen. Er ist nicht nur große Theologie, sondern auch eine Anleitung für ein gutes Leben.

Die Auferstehung Christi, Bildtafel des Isenheimer Altars, während der Restaurierungsarbeiten am 7. November 2019 im Museum Unterlinden in Colmar
Wie werden wir lebensklug? Kann Jesus ein Vorbild für uns sein? 

Von Susanne Haverkamp 

Der Pastoraltheologe Matthias Sellmann hat ein Buch über Lebensklugheit geschrieben und wie der christliche Glaube helfen kann, ein glückliches Leben zu führen. Im Mittelpunkt des Buches steht eben dieser bekannte Hymnus aus dem Philipperbrief.

Der christliche Glaube, meint Matthias Sellmann, ist nicht in erster Linie ein kompliziertes dogmatisches Gebilde, das irgendwie zu glauben ist. Der christliche Glaube ist praktisch. Er will helfen, das Leben gut zu bestehen, glücklich zu leben – sogar in unglücklichen Zeiten. Diese Fähigkeit nennt er Klugheit, Lebensklugheit. 

Doch wie werden wir lebensklug? Unter anderem durch Beispiele, durch Vorbilder. Dabei geht es nicht darum, ein Vorbild zu imitieren – jeder Mensch lebt ja anders. Es geht mehr darum, sich Strategien abzuschauen, Haltungen, Erfahrungen, die man dann auf das eigene Leben übertragen kann. Und damit sind wir beim Hymnus aus dem Philipperbrief. Denn an ihm, sagt Sellmann, lassen sich Lebensstrategien Jesu ablesen, die für uns und unser Leben hilfreich sein können. 

Der Hymnus ist ein sehr altes Lied. Die ersten Christen haben es verfasst und in ihren Gottesdiensten gesungen. Sellmann nennt es ein „Liebeslied“. Über Jahrzehnte wurde es weitergegeben, sicher kannte es auch Paulus. 

Und dann kam das Jahr 55 nach Christus. Paulus saß in Ephesus im Gefängnis. Und auch wenn er wohl eher im Hausarrest lebte, als in einem dunklen Loch schmachtete: Sein Leben war bedroht, der Märtyrertod eine reale Möglichkeit. In dieser Situation schrieb Paulus einen Brief an seine Lieblingsgemeinde in Philippi. Paulus wusste: Dieser Brief könnte der letzte sein. Da macht man sich schon Gedanken, was man schreibt. Was bleibt. 

Übertragt das Christuslied auf euch

Wie im Krieg so mancher Feldpostbrief eines Familienvaters Mahnungen enthielt, zusammenzuhalten, füreinander zu sorgen, einander in Liebe verbunden zu bleiben, so macht es auch Paulus am Anfang des zweiten Kapitels. Und dann fügt Paulus den Hymnus ein, der heute als Lesung gelesen wird. Was leider nicht im Lektionar steht, ist der einleitende Vers 5 – obwohl er von entscheidender Bedeutung ist: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:“ Nicht Punkt, sondern Doppelpunkt. Und das bedeutet: Das, was nun kommt, das Christuslied, ist Vorbild für uns, eine Gesinnung, die an Jesus ablesbar ist und die für jeden von uns gilt.

So weit, so gut. Aber was kann der Philipperhymnus denn nun beim Leben helfen? Schließlich geht es in dem Lied um Jesus – und den wirklich nachahmen zu wollen, ist dann doch ein bisschen ambitioniert. Zumal in den Bereichen, um die es in dem Lied geht: Kreuzestod und Erhöhung.

Doch wie schon gesagt: Es geht nicht um Imitation Jesu, es geht um seine Haltung, seine Lebensklugheit, die sich in dem Christuslied zeigt und die auch uns nützen kann. Paulus hat das alte Lied hier eingefügt, um der Gemeinde zu sagen: Hierin steckt Lebensweisheit, die ihr auf euer Leben übertragen könnt; was Jesus geholfen hat, kann auch uns helfen. 

Aber welche Weisheit ist das? Es wird jetzt ein bisschen bibelwissenschaftlich, vielleicht fühlen Sie sich auch an ungeliebte Gedichtinterpretationen in der Schule erinnert. Aber es lohnt, den Gedanken zu folgen. 

Das eigentliche Lied, sagt Matthias Sellmann, ist so lyrisch wie dramatisch. Eine konzentrierte Lebensgeschichte Jesu. Sie gliedert sich in drei Abschnitte, jeder der Abschnitte entspricht einer Bewegung. Der erste Abschnitt (1) ist eine Abwärtsbewegung: Der göttliche Sohn kommt zu uns, wird Mensch. Der zweite Abschnitt (2) ist die Querbewegung: Jesus stellt sich dem Menschsein in aller Konsequenz. Der dritte Abschnitt (3) ist die Aufwärtsbewegung: Jesus wird durch die Kraft Gottes erhöht.

Aber noch mal: Was hat das jetzt mit uns zu tun? Viel, sagt Matthias Sellmann. Wenn man es in unsere Begriffe übersetzt.

(1) Aus sich herauskommen.

Jesus kam aus dem Himmel herab, singen wir zu Weihnachten. Unsere Aufgabe ist es, aus uns herauszukommen. Unser Leben nicht nur für uns zu leben, sondern auch für andere. Unser Wesen und unser Können nicht in uns zu verschließen, sondern für die Gemeinschaft einzusetzen. Das kann unbequem sein – so wie es für Jesus zur Rechten des Vaters sicher auch bequemer war. Es ist aber auch unglaublich bereichernd. Aus sich herauskommen, statt sich allein gemütlich einzurichten – das führt zu einem glücklichen Leben und ist Lebensklugheit, die Jesus vorlebt.

(2) Nicht wegrennen. 

Jesus hat das Menschsein in Freude durchlebt und in Schmerz durchlitten, und genau das ist auch unsere Aufgabe. Nicht wegzulaufen, wenn es schwierig wird; durchzuhalten; Angst und Schmerz nicht zu verleugnen. Das kann unbequem sein, aber auch eine Chance. Sich auseinandersetzen, sich Problemen stellen, statt sie zu verdrängen – das führt zu einem glücklichen Leben und ist Lebensklugheit, die Jesus vorlebt.

(3) Kraft von außen aufnehmen.

„Ohne Gott vermag ich nichts“, das war Jesus klar. Deshalb überliefert die Bibel, dass er betet, wenn er Wunder tut. Ebenso klar ist: Jesus hat sich nicht selbst auferweckt, Gott hat es getan. Wie Jesus Kraft von außen aufzunehmen, ist die Einladung an uns: Kraft aus der Liebe, aus der Begegnung mit Freunden, aus der Natur, aus der Ruhe, aus dem Gebet. Sich Kraft schenken zu lassen, statt zu meinen, alles selber zu schaffen – das führt zu einem glücklichen Leben und ist Lebensklugheit, die Jesus vorlebt.

Aus sich herauskommen. Nicht wegrennen. Kraft aufnehmen. Vielleicht hören Sie den Philipperhymnus ab jetzt anders. Nicht nur als Jubellied auf Jesus, sondern als kleine Anleitung für Sie, gut und glücklich zu leben.

Zum Weiterlesen: Matthias Sellmann: Was fehlt, wenn Christen fehlen? Eine Kurzformel ihres Glaubens. Echterverlag. 128 Seiten, 9,90 Euro