06.02.2019

Schöpfungsverantwortung als kirchlicher Auftrag

Jetzt mal konkret: Zehn Handlungsempfehlungen

Eine Steilvorlage bekam die Kirche mit „Laudato si“ von Papst Franziskus. Doch wie eine weltkirchliche Enzyklika zur Umwelt auf deutsche Diözesen herunterbrechen? Die Bischofskonferenz hat nach drei Jahren „Verbindliches“ auf den Weg gebracht. Von Anja Weiffen.

Biene auf einer Sonnenblume Foto: Adobe Stock
Die Biene – heute auf verlorenem Posten? Das massive Artensterben bedroht auch das Insekt, das Menschen seit alters her dient. Die Bibel erwähnt die „kleine Biene“, die Erlesenes hervorbringt, im Buch Jesus Sirach 11,3.
Foto: Adobe Stock

Neu ist sie und doch nicht neu: die Broschüre „Schöpfungsverantwortung als kirchlicher Auftrag“ von September 2018. Sie ist eine der neuesten Schreiben zum Umweltschutz aus dem Hause der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). In fast gleichbleibender Regelmäßigkeit, alle vier bis fünf Jahre, erscheinen solche DBK-Veröffentlichungen zum Thema Umwelt. Bereits im Dokument von 1998 mit dem Titel „Handeln für die Zukunft der Schöpfung“ finden sich fast dieselben Problemlagen und Lösungsversuche – auf 129 statt auf 14 Seiten.

Was also unterscheidet den neuen Text von den bisherigen? Augenfällig ist wirklich seine Kürze. Auf 14 Seiten hat die Arbeitsgruppe von drei Kommissionen – die Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen, die Kommission Weltkirche und die Kommission Justitia et Pax – kurz und knapp zehn Handlungsempfehlungen zusammengestellt. Während in den vergangenen Jahren der Fokus auf der Energiefrage lag, ist das neue Dokument weniger technisch ausgerichtet, sondern breiter aufgestellt. Neun der zehn Empfehlungen betreffen innerkirchliche Belange.

Aufhorchen lässt das Schlusskapitel in verbindlichem Ton: „Wir Bischöfe werden regelmäßig über den jeweiligen Stand des Schöpfungsengagements in den (Erz-)Diözesen berichten, um darüber zu reflektieren, uns anzuspornen und noch besser zu werden. Einen ersten Bericht legen wir in drei Jahren vor.“

DBK Repro: DBK
Titelseite der neuen DBK-Broschüre zur Schöpfung
Foto: DBK

Die Empfehlungen lassen sich mit folgenden Schlagworten skizzieren: Spiritualität, Bewusstsein, Bildung, Traditionen, diözesane Schwerpunkte setzen, Gebäude, Wirtschaften, Kirchenland, Mobilität, gesellschaftliche Verantwortung. Die Empfehlungen zusammengefasst:

  • Schöpfungsspiritualität in Verkündigung und Liturgie verorten: zum Beispiel in Predigten, Fürbittgebeten, bei der Feier des Weltgebetstags für die Schöpfung am 1. September, beim Erntedank, bei der Feier von Sakramenten und Gottesdiensten inmitten der Natur.
  • Schöpfungsbewusstsein innerkirchlich verankern: etwa durch diözesane Leitlinien für schöpfungsbewusstes Handeln, Schöpfungsbewusstsein in die Aus- und Fortbildung der Mitarbeiterschaft zu integrieren, vor allem in der Ausbildung der künftigen Priester
  • Durch Bildung sensibilisieren und ermutigen: Anregung, das Thema Schöpfungsverantwortung in den Religionsunterricht und das Theologiestudium aufzunehmen, Angebote in kirchlichen Kindertagesstätten, in der Jugend-, Erwachsenen- und Seniorenbildung, in kirchlichen Bildungshäusern
  • Eigene Traditionen wiederentdecken: zum Beispiel Fasten, der Freitag als Tag fleischloser Ernährung, Bitttage, Flurprozessionen
  • Schöpfungsverantwortung als diözesanen Schwerpunkt etablieren: zum Beispiel durch Umweltbeauftragte
  • Gebäudemanagement umweltverträglich gestalten: Energie sparen, Einsatz von erneuerbaren Energieträgern, Gebäude als Standorte für eine eigene Energieproduktion, Klimabilanzen erstellen, eine Energiedatenerfassung aufbauen
  • In kirchlichen Einrichtungen nachhaltig wirtschaften: den Kauf von Energie, Lebensmitteln und Büromaterialien an ökologischen und sozialen Kriterien sowie an Langlebigkeit und Qualität ausrichten; Anfall von Müll soweit wie möglich vermeiden; kirchliches Geld nach ethisch-nachhaltigen Kriterien anlegen
  • Kirchenland nachhaltig bewirtschaften: Zum Boden- und Wasserschutz sowie zum Erhalt der Artenvielfalt mit Kirchenland nachhaltig umgehen, zum Beispiel Flächen um kirchliche Gebäude und Friedhöfe, nachhaltige und ökologische Landwirtschaft fördern bei der Verpachtung land- und forstwirtschaftlicher Flächen
  • Mobilität umweltfreundlich gestalten: bei Dienstfahrten Fahrrädern, Fahrgemeinschaften sowie Bussen und Bahnen den Vorzug geben; Fuhrparke umweltgerecht gestalten; Flüge nach Möglichkeit vermeiden
  • Gesellschaftspolitische und internationale Verantwortung wahrnehmen: konstruktive Anwaltschaft für die Armen und die bedrohte Schöpfung; politischer Einsatz für eine ökosoziale Modernisierung; Einsatz in weltkirchlicher Arbeit, in Bildungsveranstaltungen, im Gebet

Die kostenlose Broschüre „Schöpfungsverantwortung als kirchlicher Auftrag“ gibt es hier.

Was die Umweltbeauftragten der Bistümer Fulda, Limburg und Mainz dazu sagen, was gut läuft und wo's hakt, das lesen Sie in der Printausgabe der Kirchenzeitung (Nummer 6 | 10. Februar 2019)


 

Meinung: Die Buchstaben müssen laufen lernen

Anja Weiffen
Anja Weiffen
Redakteurin

Von Anja Weiffen

Als die Biene Maja mit ihrem Willi erstmals im deutschen Fernsehen von Blüte zu Blüte flog, war die Welt schon nicht mehr in Ordnung. Die Zeichentrickserie aus den 1970er Jahren nahm eine reichhaltige Insektenwelt mit Grashüpfer Flip und Spinne Thekla noch als gegeben hin. Heute muss man Insekten sogar in Naturschutzgebieten suchen.

Etwa zwei Drittel der Kulturpflanzen, welche die Welt ernähren, beruhen auf Bestäubung durch Insekten oder andere Tiere. So eine Information aus dem neuesten Bericht des „Club of Rome“ von 2018. Und noch eine Feststellung aus diesem Bericht: 97 Prozent des Körpergewichts aller lebenden Landwirbeltiere bestehen aus Menschen und ihren Nutztieren. Wildtiere wie etwa Elefanten, Kängurus, Elche, Vögel, Reptilien – zusammen nur drei Prozent. Hätten Sie das gedacht?!

Wird die Erderwärmung als große Bedrohung der Menschheit eingestuft, ist das Artensterben, der Verlust genetischer Vielfalt, gravierender. Und für alle, die um einzelne Grenzwerte feilschen, bleiben weitere Krisen übrig: ausgelaugte Ackerböden, versauerte Meere, Nitrat im Grundwasser, Plastik im Meer und, und, und …

Vor fast 40 Jahren veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) ein gewichtiges Dokument zum Umweltschutz. Immer wieder gab es von der DBK ausführliche Dokumente zur Bewahrung der Schöpfung. Doch als eine Chefsache der Kirche kam das Thema bisher nicht rüber. Seit der Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus liegt die Sache etwas anders. Steiler wird die Vorlage wohl nicht.

Deshalb ist es zu begrüßen, dass die deutschen Bischöfe jetzt doch Nägel mit Köpfen machen wollen. Bischof Franz-Josef Overbeck schreibt im Vorwort der neuen Handlungsempfehlungen: „Wir als Kirche haben den Anspruch, in Sachen Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz mit gutem Beispiel voranzugehen. Diese Bereiche sind gelebter Schöpfungsglaube und gehören ins Zentrum kirchlichen Handelns. Wir wollen die Taten sprechen lassen.“

Eigenes Handeln und Einflussnahme auf gesellschaftspolitischer Ebene müssen meines Erachtens parallel laufen. Ohne selbst Vorbild zu sein, kann man auch gesellschaftlich wenig bewirken. In den drei Bistümern in unserer Region läuft bereits einiges im Umweltschutz (siehe Stimmen im Beitrag nebenan). Jetzt geht es darum, Schöpfungsverantwortung auf den nächsten Ebenen, in den Dekanaten, in den Pfarrgemeinden und Kirchorten weiter zu verankern. Denn erst dann wird in der Fläche gehandelt.

Was spricht dagegen, im Zuge der Konstituierung neuer Pfarrgemeinde- und Dekanatsräte Ende 2019/ Anfang 2020 auch die Bewahrung der Schöpfung im Blick zu haben? Warum nicht gleich zu Anfang der neuen Amtszeit Umweltbeauftragte einsetzen? Kirche hat das Zeug dazu, vielen Menschen eine Ethik für die Schöpfung zu vermitteln. Aber dafür dürfen Verlautbarungen nicht in der Schublade verstauben und nicht auf der Internetseite der Bischofskonferenz im Kleingedruckten landen. Die Buchstaben müssen laufen lernen. Es gibt tausende Möglichkeiten: Ob radfahrende Pfarrer, Beistand für Schüler bei Klimawandel-Demos oder E-Tankstellen an Kirchen.

Wenn Gotteshäuser aus Stein so prachtvoll das himmlische Jerusalem repräsentieren können, dann könnten Pfarrgärten neue Gärten Eden sein – als sichtbares Zeichen für Schöpfungsverantwortung. Darin wäre auch Platz für die Biene, von der wir leben.