27.02.2019

Note 1 in Meenzerisch

Wer öffentlich auftritt, zeigt dabei auch seine geistige Haltung. Das ist Joe Ludwig bewusst. Das Multitalent, das durch die Fastnacht über Mainz hinaus bekannt ist, ist durch und durch katholisch. Das fällt in der Bütt nicht ab. Von Maria Weißenberger.

Joe Ludwig – er gehört zu Mainz und zur Mainzer Fastnacht wie der Dom im Hintergrund. | Fotos: Maria Weißenberger Raimond
Joe Ludwig – er gehört zu Mainz und zur Mainzer Fastnacht wie der Dom
im Hintergrund. Foto: Maria Weißenberger

„Ich bin streng katholisch erzogen und habe das auch immer beherzigt.“ Dass schon 90 Lebensjahre hinter ihm liegen, mag kaum glauben, wer dem großen und schlanken alten Mann begegnet. Lebhaft erzählt er, ist um treffende Formulierungen nicht verlegen, malt mit Worten ausdrucksstarke Bilder. Die 1 in Deutsch, die ihn als jungen Mann veranlasste, bei der Mainzer Tageszeitung als Lokalreporter anzuheuern, würde man ihm heute noch ins Zeugnis schreiben. Auch nachdem er längst Polizeipressesprecher war, frönte er dem Lokaljournalismus – nebenberuflich und mit Erlaubnis der Behörde. Und er schreibt bis heute, begeistert seine Leser nicht zuletzt mit Glossen in Mainzer Mundart.

„Meine Fastnacht ist das nicht mehr“, betont Josef Ludwig, der durch die Fastnacht zum Joe geworden ist. Zu sehr artet das närrische Treiben in Klamauk aus, zu oft wird es geschmacklos. „Manche Vorträge sind eine Aneinanderreihung von Obszönitäten – und das Volk jubelt“, beobachtet er. Ihm missfällt das ebenso wie manche Entwicklungen der politisch-literarischen Fastnacht, die immer ein Markenzeichen der Mainzer Narren gewesen ist. „Heute“, meint er, „wird in den Büttenreden oft das Florett mit dem Schwert verwechselt.“

 

Die Fastnacht muss versöhnlich bleiben

Kabarett gehört für Joe Ludwig nicht in eine Fastnachtssitzung: „Kabarett muss stechen – die Fastnacht muss versöhnlich bleiben.“ Das hat er so gelernt, und er sieht es auch heute noch so. „Du kannst alles geißeln in deinen Vorträgen – aber Betroffene müssen noch darüber lachen können.“ Dabei war es für ihn immer hilfreich, drei Tabus zu beachten, die ihm von Jugend auf eingeschärft wurden: „Religion, Krankheiten und staatstragende Persönlichkeiten macht man nicht lächerlich.“

Einmal in seiner närrischen Laufbahn sah sich Joe Ludwig allerdings mit massiven Vorwürfen konfrontiert – das war 1981, als er in der Rolle eines Domschweitzers den Papstbesuch in Mainz thematisierte. „Ich habe Briefe von Leuten bekommen, die erbost waren, weil ich ihrer Ansicht nach mit dem Grundsatz gebrochen hatte, dass Religion nicht in die Fastnacht gehört.“ Dabei hatte er lediglich Auswüchse und Randerscheinungen rund um den Besuch von Johannes Paul II. „auf die Schipp“ genommen, beispielsweise die Stimmen, die beanstandeten, „was uns hungernde Deutsche der Krempel gekost hat“.

Ein humorvolles Zeugnis für den Glauben

Ein Vortrag, der nicht zum Angriff auf die Religion geriet, sondern zum humorvollen Zeugnis für Glauben und Kirche. Bei der Bistumsleitung kam’s offenbar an. Hätte sonst der damalige Mainzer Generalvikar Martin Luley den Verfasser mit einer Medaille beehrt, die extra zum Papstbesuch geschaffen worden war?

Ein Bild aus seiner umfangreichen Sammlung: Joe Ludwig in seiner Rolle als Domschweitzer Foto: Maria Weißenberger
Ein Bild aus seiner umfangreichen Sammlung: Joe Ludwig in
seiner Rolle als Domschweitzer. Foto: Maria Weißenberger

Schneeräumer, Würstchenverkäufer, Pfostensteller – das sind nur einige der Mainzer Typen, die Joe Ludwig in der Bütt dargestellt hat. „Am stärksten ist die Fastnacht da, wo sie am lokalsten ist“, weiß er. Deshab hat er sich auch der „meenzerischen“ Fastnacht verschrieben, ohne Rücksicht darauf, ob er ins Fernsehen kommt. Und doch war er oft in der TV-Sitzung vertreten, als Redner ebenso wie mit seinen Gonsbachlerchen, die er 1946, zunächst mit Kirchenchorsängern, gründete.

Nur zweimal, erinnert er sich, waren sie nicht im Fernsehen. Und 1986 haben die Gonsbachlerchen unter dem Eindruck der Challenger-Katastrophe freiwillig darauf verzichtet. Der Auftritt hat sich von selbst verboten, wie er erklärt: „Wir spielten damals Raumfahrer, die zum Schluss mit Engelchen zusammenstießen.“

Die Ideen gingen ihm nicht aus. Kein Wunder, dass er neben Beruf und Lokaljournalismus so viel gemacht hat: Büttenreden, Hörspiele, auch Liedtexte, beispielsweise für Margit Sponheimer, hat er geschrieben, viele Jahre hat er den Mainzer Rosenmontagszug moderiert.

„Wie e Kerzje, dess an zwei Seite brennt“

„Es war schon viel“, meint er nachdenklich. „Wie e Kerzje, dess an zwei Seite brennt ...“ Wie er das durchgehalten hat? „Ach, wissen Sie, ich nehm’s Leben gelassen. Ich hab’ auch vorm Tod keine Angst.“

Aufgetankt hat er bei vielen Bergtouren mit Freunden, bei denen sie quer durch die Alpen höchste Gipfel erklommen. Und natürlich in den Urlauben mit der Familie. Zwei Kinder hat er, und die sechs Enkel sind zur Freude des Opas alle in der Fastnacht aktiv, einige im Domchor und bei den Pfadfindern.

An runden oder anderen besonderen Geburtstagen hat sich Joe Ludwig bisher immer ein paar Tage ins Kloster zurückgezogen, um sich zu besinnen. Aber an seinem 90. Geburtstag konnte er nicht so einfach ausbüchsen. Bei einem „Meenzer Frühstück“ mit Weck, Worscht, Woi im Gardeheim seiner Füsilier-Garde Gonsenheim durfte gratuliert werden – wobei er anstelle persönlicher Geschenke um Spenden für die Stiftung „Mainzer Herz“ bat. Und abends gab’s ein Essen mit der Familie. „Diesmal hätte ich es auch meiner Frau nicht antun können zu verschwinden“, sagt er.

Als er sie kennenlernte, die evangelische Annemarie aus Ludwigsburg in der Nähe von Stuttgart, waren konfessionsverbindende Ehen noch nicht an der Tagesordnung. Sie sind den Schritt trotzdem gegangen – und so, wie es aussieht, war es die richtige Entscheidung. Schade nur, meint Joe Ludwig, „dass wir nicht in der Ökumene wenigstens ein bisschen weiter sind“.