11.03.2021

Gotthard Fuchs über eine "Kirche im Werden"

Kündigen und verkündigen

Gotthard Fuchs, Alltagsmystiker, Theologe, katholischer Priester und spiritueller Mensch, stellt die Frage nach dem Kern der christlichen Botschaft. Dem Auftrag der Kirche und der Getauften. Fuchs spricht von der „Osterkehre“: „Was ist passiert, dass aus Jesusflüchtlingen offensiv begeisterte Nachfolger und Nachfolgerinnen wurden? Woher die Power dieser radikalen Umkehr von Frust zu Lust? Jedenfalls kam es von woanders her und war nicht hausgemacht.


 

Von Gotthard Fuchs

Selbst der bisherige Sekretär der deutschen Bischofskonferenz, immerhin 25 Jahre im Amt, sieht derzeit kaum eine Chance, die Gräben in der katholischen Kirche zu überbrücken. Ob fortschrittlich oder traditionell, ob mit dem Konzil oder dagegen, ob rom-orientiert oder kirchennational – die Unterschiede und Gegensätze sind massiv. Es gibt zum  Beispiel  residierende Pfarrer, die den Synodalen Weg torpedieren und klar gegen den Kurs ihrer Bischöfe arbeiten – wobei jeweils eigensinnig entschieden wird, welcher Papst gerade mit dem eigenen Kurs übereinstimmt und welcher nicht. Da hat zum Beispiel der jetzige Papst keine Chancen, und man spielt beide Päpste gegeneinander aus. Klar, Unterschiede und auch Richtungskämpfe gehören zum Leben auch der Kirche, und das von Anfang an. Denken wir nur an Petrus und Paulus. Aber nur wenn sie offen wirklich ausgetragen und ausgehalten werden, können sie gemeinsam weiterbringen. Nichts ist gefährlicher als Harmoniesucht oder verdeckter Grabenkrieg ohne offenes Visier. Denn dann verliert die Botschaft an Strahlkraft, und für die sind Kirche und Christenmenschen da. Als wären die elenden Missbrauchsgeschichten nicht schon Skandal genug – die innere Lähmung durch mangelnde Konfliktkultur ist es auch. Statt unterschiedliche Sichtweisen von Glaube und Kirche offen durchzuarbeiten, kommen sie bestenfalls „hintenherum“ zur Sprache. Gewiss ist auch der Synodale Weg nicht über jeden Zweifel erhaben, aber immerhin kommen zentrale Problemüberhänge ehrlich zur Sprache, nicht zuletzt das Thema Macht. Denn wo dauernd von „Dienst“ und „Liebe“ gesprochen wird, liegt der Verdacht nahe, dass höchst eigene Machtinteressen im „frommen“ Gewande verdrängt bleiben. Was auf der Strecke bleibt, ist die Ausstrahlung des Evangeliums. Dieses fälschlicherweise mit der Kirche einfach gleichzusetzen, wurde ja jahrhundelang eingeübt; steht es also mit der kirchlichen Gemeinschaft schlecht, dann verdunkeln wir das Evangelium.
Nicht nur der innere Kirchenzustand macht zu schaffen, gerade wenn einem das Evangelium und seine Vermittlung lieb und teuer sind. Immerhin verdanken wir der Kirche die Bibel, und vieles andere mehr. Die massiven Austrittszahlen und das öffentliche Bild von Kirche sind nicht minder gespenstisch – und beides hängt natürlich zusammen. Nicht wenige kündigen ihre Mitgliedschaft in der Kirche gerade nicht, um Geld zu sparen. Auch normale Ent-Täuschung ist nicht ihr Motiv. Es sind religiöse und spirituelle Gründe, die zum Austritt führen: die Kluft zwischen gelebter Glaubensüberzeugung und persönlicher Kirchenerfahrung ist für sie zu groß geworden, und führt nun zur schmerzlichen Trennung, oft nach Jahrzehnten intensiver Mitarbeit. Und die innere Kündigung derer, die noch „dabei“ sind, wirkt fast schon pandemisch. Von Freude jedenfalls über die Kirche, von dankbarer Bindung kaum mehr eine Spur.  Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele die Menge, und nicht die Schlechtesten entdecken für sich das Christliche neu und konvertieren. Und wie viele beten täglich und  tun das Rechte!  Aber reden wir die Dramatik nicht schön: es ist eine tiefe Krise „drinnen“. Was Alfred Delp vor 75 Jahren kommen sah, ist eingetreten: „Wir sind trotz aller Richtigkeit und Rechtgläubigkeit an einem toten Punkt.“ Das Schlimmste dabei: Im Hintergrund verschwindet die Tatsache, dass es ja um eine unglaubliche Lebensbotschaft geht, und für die gibt es in der Tat absolut keine bessere Alternative: „Wenn Gott für uns ist, wer ist dann noch gegen uns?“ (Römer 8,31) Aber im Ernst: Wer sieht wirklich noch im Christusbekenntnis ein befreiendes Alleinstellungsmerkmal? Dieselbe Frage mit Worten der Bibel gefragt: „Wird der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben finden?“ (Lukas 18,8)

Sternstunden des Christlichen

Immerhin: „tote Punkte“ haben mit Ostern zu tun! Nehmen wir also das Schrumpfen der sichtbaren Kirchlichkeit als Riesenchance, den Kickpunkt des Christlichen neu und tiefer zu entdecken. Das allein könnte ja auch die inneren Grabenkriege beenden und die Sammlung geistlicher Energie bündeln helfen. Was war es denn, was aus feigen Jesusjüngern bald nach der Kreuzigung Jesu doch eine widerstandskräftige Truppe machte, die schließlich das römische Reich aufmischte und seitdem nachweislich die Welt verändert hat? Zuerst auf der Flucht allesamt, wurden sie förmlich umgedreht; allesamt Juden, fügten sie ihren gewohnten Gebeten zum Gott ihrer Väter und Mütter schlicht den Satz hinzu: „der Jesus aus den Toten auferweckt hat“ (1 Thessalonicher 1,10). Um dieses älteste Osterbekenntnis dreht sich das gesamte Neue Testament und die Geschichte der Christen, es ist das Gründungsdatum der Kirche. Wie ein Sprengsatz bringt es alles in Bewegung. Das Bekenntnis zur Treue Gottes, „der die Toten lebendig macht, und das, was nicht ist, ins Dasein ruft“ (Römer 4,17), setzte ungeahnte Kräfte frei, und tut es seit 2000 Jahren. Entscheidend für die Attraktivität des Christlichen wurde zweierlei:  der Glaube an einen personalen Gott inmitten einer vom blinden Schicksal verschlossenen Welt und die Aufmischung der sozialen Verhältnisse.
Dass dieser Gott das Glück aller Menschen will und niemanden im schwarzen Loch des Nichts verschwinden lässt, bringt einen ungeheuren Solidarisierungsschub. Kirche war und  ist  immer  dort  lebendig,  wo  sie aus  diesem Auferstehungsglück  handelt und auf(er)steht. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden – schon der Bibel wegen und jeder Samaritertat! Nichts ist dringlicher, als diese Botschaft unter das Volk zu bringen. Unter der Asche bisheriger Kirchlichkeit und in den Zeichen der Zeit diese Glut zu entdecken und zu entfachen, ist Sinn und Auftrag der Christen. Schluss mit den innerkirchlichen Vermeidungsstrategien und der ortskirchlichen Klüngelei, es gilt Gottes universaler Heilswille (meine Wenigkeit eingeschlossen)! Kündigen wir dem, was der Botschaft Jesu Christi im Weg steht; kündigen wir, um wieder verkündigen zu können!

Gotthard Fuchs



Niederkunft und Auferstehung

Aber erinnern wir uns der höchst selbstkritischen Diagnose von Madeleine Delbrêl (1904 bis 1964), dieser großartigen Zeugin einer entstehenden neuen Kirchengestalt: „Wir verkünden keine gute Nachricht, weil das Evangelium keine Neuigkeit mehr für uns ist, wir sind daran gewöhnt, es ist eine alte Neuigkeit mehr. Der lebendige Gott ist kein ungeheures, umwerfendes Glück mehr … Wenn wir von Gott reden, bereden wir eine Idee, statt eine erhaltene, weiterverschenkte Liebe zu bezeugen … Wir verteidigen Gott wie unser Eigentum, wir  verkünden ihn nicht als das Leben allen (!) Lebens, wie den unmittelbaren Nächsten all (!) dessen, was lebt.“ Was ist nur passiert, dass viele Glaube und Kirche nicht als Glück, sondern als Last erleben, gar als Belästigung und Behinderung? Wo gilt es – um der gelebten Verkündigung willen – konkret zu kündigen?
Für Madeleine Delbrêl – und für so viele Namenlose, die den Glauben leben und nicht lockerlassen – ist Kirche geistliche Bewegung und spirituell-sozialer Brennpunkt. Sie ist zwar, um das biblische Bild vom Unkraut und Weizen zu variieren (Matthäus 13,24-30), eine riesige Schrotthalde, in der es aber Goldadern gibt, die man sonst nirgends auf der Welt findet. Aber was, wenn dieser Schatz völlig zugemüllt wäre mit Eigensinn und Eigensucht, mit herablassender Besserwisserei oder gar Missbrauch und Ausbeutung anderer? „In der Nähe eines Ungläubigen wird die Liebe zur Verkündigung, und diese darf nur geschwisterlich (Urtext: brüderlich) sein. Wir kommen nicht, um großmütig etwas mitzuteilen, was uns gehört, nämlich Gott. Wir treten nicht als Gerechte unter die Sünder, wir kommen, um von einem gemeinsamen Vater zu reden, den die einen kennen, die anderen nicht, wie solche, denen vergeben wurde, nicht wie Unschuldige, wie solche, die das Glück (!) hatten, zum Glauben gerufen zu werden, ihn zu empfangen, aber nicht als Eigentum, sondern als etwas, das in uns für die Welt hinterlegt wird.“
Mehr noch: aus der nichtkirchlichen Welt kommt uns der richtende und werbende Gott entgegen mit der Frage, wo wir denn sind mit unserer Botschaft. „Eifersüchtig verlangt Gott nach dem Geist, den er in uns wohnen ließ.“ (Jakobus 4,5)
Madeleine Delbrêl, die große Konzilsmutter unter so vielen KIrchenvätern, ist auch deshalb so beispielhaft, weil ihr jedes Kirchen-bashing fremd ist und weil sie das Thema „Kirche“ immer erst bei sich selbst buchstabiert: „Nichts auf der Welt wird uns Zugang zum Herzen unseres Nächsten verschaffen als das Faktum, dass wir Christus den Zugang zu unserm gewährt haben.“ Und damit fangen die Zerreißproben erst richtig an, die wir in den gegenwärtigen Grabenkriegen erleben und die keinen kalt lassen können, dem das Glück(en) der Welt am Herzen liegt – und das der Kirche, das der anderen und des eigenen. Mitten in der damaligen Kirchenkrise um die Arbeiterpriester fieberte und betete Delbrêl mit wie nicht wenige. Sie vergleicht die Situation mit einer äußerst schmerzhaften Geburt, die fast wie ein Tod ist. „Es scheint mir, daß die Kirche immer schon auf diese Weise geboren wurde, zu allen Zeiten und als ein und dieselbe. Immer sind es die gleichen Kämpfe, die die Heiligen zermalmt haben.“ Österliche Fruchtbarkeit nur durch die karfreitagliche Niederkunft und Niederlage! – so erlebt die Frau das förmlich am eigenen Leibe mit: „missionieren oder demissionieren“.

Gottdurchlässig und gastfreundlich

Nochmal zurück zur „Osterkehre“ damals: Was ist passiert, dass aus Jesusflüchtlingen offensiv begeisterte Nachfolger und Nachfolgerinnen wurden? Woher die Power dieser radikalen Umkehr von Frust zu Lust? Jedenfalls kam es von woanders her und war nicht hausgemacht. Von Gottes Geisteskraft ist die Rede, und die biblischen Ostergeschichten malen es wunderbar aus.
Ehrliche Bestandsaufnahme, Abschieds- und Trauerarbeit war das eine, und das andere dieser wahrhaft neugeburtliche Aufbruch. „Er ist nicht hier, er ist euch vorausgegangen“ – also Ihm nach in diesem Doppelalphabet von Trauer und Freude, von Tod und Geburt. Gern spricht die Bibel auch vom „Vorübergang des Herrn“, von Gottes Passage, die alles verändert. „Passiert“ ist also das Wunder, von Gott ergriffen zu werden wie Jesus und in seinem Namen. Dass nichts so glaubhaft ist wie seine Liebe, das überzeugte total und schlug ein wie ein Sprengsatz. Dass da ein Gott sei, der Lebendige, der Menschen so durchglüht, dass sie zum Medium, zum Sakrament Seiner Gegenwart werden – das verbindet den Jesus  vor Ostern mit dem danach, das ist der Grund des Osterbekenntnisses und der Kirchewerdung. Das eröffnet eine neue Perspektive für Mensch und Welt, das lässt mitarbeiten am Gottesprojekt Menschwerdung und Schöpfungsbewahrung.
Die Kirche der Zukunft, die überall aus den Eierschalen schlüpft, sei durch zweierlei geprägt, meint zum Beispiel der Jesuitentheo-loge Christoph Theobald in Paris, ganz auf der Spur Madeleine Delbrêls: heilig und gastfreundlich werde sie sein, gottdurchlässig und solidarisch, eben wie Jesus und in seinem Namen.
Das „Christentum als Lebensstil“ zeichne sich aus durch ein entschiedenes Ja zum Dasein, durch radikale Gottverbundenheit und entsprechende Liebe zu Welt und Mitmensch. „Reich an Erbarmen“ nannte das Johannes Paul II.: die Kirche im Fadenkreuz von Gottes Wohlwollen und weltweiter Not.
Also kündigen wir allem innerkirchlichen Krimskrams, der die Auferstehungsfreude verstellt. Lassen wir uns diese Botschaft verkündigen, um selbst gottdurchlässig zu werden, und leben wir sie weiter.  Und das geschieht weltweit und hierzulande mehr, als man denkt und weiß. Verwechseln wir nicht länger die Kirche mit einem Verein, der seinen Selbsterhalt im Blick hat wie alle Institutionen sonst auch. Nein, sie lebt im Vorübergang. Und deshalb ist ehrliche Konfliktbearbeitung so wichtig. Heraus mit der Sprache und kraftvoller Streit um das Evangelium heute, denn Streiten verbindet.  Oder mit dem großen Johannes vom Kreuz: „Wenn Sie keine Liebe finden, bringen Sie Liebe, und Sie werden Liebe finden.“ So geschieht Kirche, die den Namen verdient.