10.07.2018

Sommerserie 2018 – Teil 3

Kaiser, Kur und Kreuze

„Mit Jesus in der Sommerfrische.“ So heißt unsere Sommerserie. Wir besuchen Kurorte, die an den Rändern der Bistümer Fulda, Limburg und Mainz liegen. Wo gibt es spirituelle Orte? Wo treffe ich Gott? Unsere dritte Reise führt nach Bad Ems an der Lahn. Von Sarah Seifen.

Die Lahn fließt durch Bad Ems. Foto: Sarah Seifen
Der Tag neigt sich dem Ende: Bad Ems besticht durch prächtige Gebäude,
die malerische Lahn und viel Ruhe. Foto: Sarah Seifen

Es riecht nach Sommerregen. Nach dem Duft, der aufsteigt, wenn die kalten Tropfen auf den aufgeheizten Asphalt treffen. Nach dem Schauer sind kaum mehr Menschen im Kurpark in Bad Ems unterwegs. Zwei junge Männer mit Zigaretten sitzen auf einer Bank unter den Bäumen. Ihr Handy spielt laute Musik, sie quatschen. „Hey, wir haben eine Frage an euch. Wir suchen Jesus. Könnt ihr uns helfen?“ Ausgesprochen klingen diese Sätze verrückt. Fast schon peinlich. Aber das ist die Aufgabe dieser Sommerserie und somit für diesen Tag: „Sucht Jesus in der Sommerfrische. Sucht nach Gottes Spuren in Bad Ems.“

Der Mann links hat einen Wolf auf den rechten Unterarm tätowiert. Seinen Namen will er nicht sagen. „Vielleicht da lang“, sagt er und zeigt mit seinem Zeigefinger Richtung Kurhaus. Verständlich, dass er nicht ernst bleiben kann. Bei so einer Frage.

Auch der andere Mann, Pascal heißt er, ist tätowiert. Auf der rechten Hand trägt er die Umrisse eines Kreuzes. Auch um seinen Hals trägt er eines in Silber an einer schwarzen Lederkette. Ob es eine Bedeutung für ihn hat? „Ja. Das soll mich daran erinnern, dass Gott immer bei mir ist“, sagt der 22-Jährige.

Das berühmte Wasser aus Bad Ems

Der Weg führt weiter stromabwärts an der Lahn entlang, vorbei an der Spielbank, dem Marmorsaal bis zum alten Badeschloss. Es fühlt sich an wie eine Zeitreise inmitten der prächtigen Bauten, der Marmorsäulen und der Goldverzierungen. Hier in Bad Ems weilte einst Kaiser Wilhelm I. zur Kur, schrieb das berühmte Telegramm, die „Emser Depesche“, das Auslöser für den deutsch-französischen Krieg gewesen ist.

Das Badeschloss ist heute ein Hotel. Im linken Flügel fließt eine der Hauptattraktionen des Kurstädtchens Bad Ems: das „Emser Kränchen“. Ein Schluck davon muss sein. Das warme Wasser riecht ein wenig nach faulen Eiern, schmeckt leicht süß. Den Becher leer zu trinken, kostet Überwindung. Genauso, wie Menschen nach Jesus zu fragen.

Ein Ehepaar aus Eppstein ist mit dem Fahrrad unterwegs. „Wo können wir Jesus finden?“ – „Er ist überall“, antwortet Monika Seibert. „Sie finden ihn wohl am besten, wenn Sie den Menschen begegnen und sie fragen.“ Gesagt, getan.

Vor einem Tattoo-Studio sitzt eine junge Frau mit einem winzigen Hündchen auf dem Schoß. Auf ihrem Höckerchen in der Eingangsecke ist sie schnell zu übersehen. „Wo ist Jesus hier in Bad Ems?“ Die Frau mit den schwarzen Haaren zuckt mit den Schultern und tippt auf ihrem Handy herum. Sie habe keine Ahnung. „Haben Sie keine Tätowierung mit Jesus?“ – „Nein.“ – „Kreuze?“ – „Nein. – „Rosenkränze?“– „Nein. Ich bin nicht religiös.“

Die Fragen reichen erstmal. Die Suche nach Jesus geht anders weiter. Viele kleine Lädchen, die meisten von ihnen gefüllt mit antiken Möbeln, Gegenständen oder Schmuck, gibt es in Bad Ems. Da ist er! In einem der Schaufenster entdecken wir Jesus. Ein altes Gemälde zeigt ihn mit seinen Jüngern inmitten von Ähren. Es stellt wohl die Geschichte aus dem Markusevangelium dar, in der die Jünger am Sabbat die Ähren raufen. Auch andere Geschäfte geben Hinweise: Ein Kreuz über der Eingangstür oder ein alter Hausname „Goldenes Kreuz“ zeigen Spuren Jesu.

Simonne Pesch hat auf unsere Frage nach Jesus in der Sommerfrische viele Antworten parat. Das ist ihr Job im Stadt- und Touristikmarketing von Bad Ems. Mit einem Lächeln empfängt sie uns in dem Glaskasten mit dem „i“ darauf, direkt am Bahnhof. Auf einem Stadtplan zeigt die Emserin die katholische St. Martins-Kirche und die evangelische Martins-Kirche. „Eigentlich ist Gott ja überall. Er ist zwar oft ungerecht und unverständlich, aber da ist er immer“, sagt Pesch. Unbedingt sollen wir die Russisch-Orthodoxe Kirche besuchen. Denn, so Simonne Pesch: „Gott ist ja Gott, egal in welcher Kirche oder Religion.“

Die orthodoxe Kirche, erkennbar an den fünf Kuppeln, vier blaue und eine goldene, ist am Nachmittag geöffnet. Russische Gesänge sind zu hören. Vorne vor der goldenen Wand, der Ikonostase, steht eine Frau mit langem Rock und einem Tuch über dem Kopf. Sie hat eine Kerze angezündet und betet. Ihre Andacht ist beeindruckend, reißt mit. Auch wir zünden zwei Kerzen an.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Lahn, ein Stück stromaufwärts, blitzt die helle Turmspitze der katholischen Kirche St. Martin zwischen den Bäumen hervor. In der neugotischen Kirche am Ende des Emser Kurparks findet ein Taizé-Gebet statt. Einmal im Monat treffen sich Menschen in der kleinen Kapelle hinten in der Kirche. Kerzen flackern auf dem Altar, Liederhefte liegen bereit. Rolf Westermayer leitet die nächste halbe Stunde. Für ihn ist Jesus „in mir drin und ein ständiger Begleiter“. Sein Taizé-Gebet bedeutet ihm viel.

Ein Gebet gibt Hinweise

Gemeinsam sprechen die sechs Anwesenden das Gebet zur Kirchenentwicklung im Bistum Limburg von Bischof Bätzing: „Guter Gott ... Hilf uns, vom Überblick zur Einsicht zu kommen, dass Du da bist, wo wir Dich nicht vermuten“, heißt es darin. Das passt zu unserer Suche nach Jesus in der Kurstadt.

Was bei einem Besuch in Bad Ems nicht fehlen darf, ist eine Fahrt mit der Kurwaldbahn. Schwindelfrei sollte man sein: Mit 78-prozentiger Steigung führt sie von der Fußgängerzone hinauf auf die Bismarck-Höhe. Oben angekommen, empfängt uns eine himmlische Ruhe: Vögel zwitschern, Laubbäume rascheln. Menschen sind keine dort.

Zeichen Jesu in Klinik und Kurwald

Endlich: Wir entdecken Jesus in einem Schaufenster eines Antiquariats. Foto: Ruth Lehnen
Endlich: Wir entdecken Jesus in einem Schaufenster eines Antiquariats.
Foto: Ruth Lehnen

Drei Kliniken stehen hier oben. Die Hufeland-Klinik, eine Klinik für Lungenkranke, führen die Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel. Versteckt, durch mehrere geöffnete Fenster im Foyer der Klinik ist er zu sehen: Jesus. Auf blauem Grund hängt ein Holzkreuz an der Wand der Kapelle. Hier feiern Patienten und Besucher regelmäßig Gottesdienste mit Schwester Theresia Maria Kösters. Sie ist nicht da, weil sie gerade einen Krankenbesuch macht. Deswegen geht es nach einer kurzen Pause vor dem Kreuz zurück ins Tal. Der Satz aus dem Gebet von Bischof Bätzing „wo wir Dich nicht vermuten“ bleibt im Kopf. Da! Noch ein Zeichen. Auf den grauen, noch nassen Pflastersteinen sticht es regelrecht in den Augen: Ein gesprühtes neonrotes Herz leuchtet auf dem Boden.

 

SERVICE - Tipps: So wird der Tag rund

  • Wer richtig viel Auftrieb mag: Am 26. August ist ab 14 Uhr wieder Blumencorso in Bad Ems – eine rollende Blütenschau mit mehr als 1,5 Millionen Dahlien.
  • Wer Stille sucht: Kloster Arnstein, Pater-Damian-Straße 1, 56379 Obernhof, rund 20 Wanderkilometer von Bad Ems.
  • Wer über den katholischen Tellerrand schauen will: Die russisch-orthodoxe Kirche, Wilhelmsallee 12, ist im Sommer dienstags bis freitags und sonntags von 14 bis 17 geöffnet, samstags 13.30 bis 16.30 Uhr.
  • Aufs richtige Pferd setzen kann man in Häcker’s Grandhotel: Erst kostenlos das berühmte „Emser Kränchen“ trinken (frei zugänglich), dann Cappuccino an der „Chrystal Horse Bar“ berappen. James Bond würde sie lieben, die Bar mit Pferderennbahn. (nen)