07.11.2019

Kulturwandel und Harry Potter

Kein „Putsch von oben“

Was ist wesentlich für die Kirche 2030? Heute geht es in unserem „kleinen ABC der Kirchenentwicklung“ um „Umkehr“. Es geht darum, dass diese Wendezeit genutzt wird für eine neue Rolle aller Getauften im „Volk Gottes“. Von Johannes Becher. 

 

Mancherorts wirkt die „Umkehr“ fast idyllisch.

„Weiter so“: Das wird nicht gehen. Wer die aktuellen Diskussionen und Ankündigungen in der Kirche hierzulande verfolgt, der entdeckt Bischöfe, die das ebenso sehen. Essens Bischof Franz-Josef Overbeck zum Beispiel. Er sagt: „Die alte Zeit ist zu Ende! Wir sind in einer Krise und stehen an einer Zäsur, die vielleicht noch tiefer geht als die Reformation.“ Und er verlangt „einen echten Kulturwandel“.

Nun ist es allerdings längst nicht so, dass allerorten der Blick solchermaßen ungetrübt über die Kirchenlandschaft kreist. Deshalb vergleichen sich Pioniere unter den Umbauern zuweilen mit den „Unerschrockenen“ aus „Harry Potter“. So erzählt es der Pastoraltheologe Bernhard Spielberg gerade in der „Herder Korrespondenz“. Diese Gründer-Figuren sähen sich als „Dumbledores Armee“: „Also eine kleine Gruppe Unerschrockener, die sich im Untergrund fit macht, es mit den Herausforderungen der Gegenwart aufzunehmen – in der Hoffnung darauf, dass ihre Zeit noch kommen wird.“

Es ist Krise. Im Wortsinn meint das ja Unsicherheit in einer Lage, die sich zuspitzt. Eine Wendezeit. 

Kirchlich gesprochen: Zeit zur Umkehr. Der „vollständige Richtungswechsel“, den das Lexikon damit verbindet, wird für die Getauften vor allem eine andere Art von Kirche-Sein verlangen: Wer dazugehört, ist nicht länger nur Objekt und Empfänger von Dienstleistungen (Sakramenten), sondern wird selbst zum Akteur der Pastoral. Wie diese Umkehr vonstatten gehen könnte? Ein „Putsch von oben“ werde niemals kommen, prophezeit der Theologe Daniel Bogner in seinem neuen Buch („Ihr macht uns die Kirche kaputt …). Er hofft darauf, dass „Gläubige es nicht akzeptieren, dass ihnen die Kirche durch das Abwarten der Amtstäger und die Beharrungskräfte der Tradition kaputtgemacht wird.“ Allerdings ist Bogner auch Realist: Ob das „so oft beschworene Volk Gottes“ seine Rolle annehme? Bogner: „Eine offene Frage.“

 

Zitiert

Altes aufgeben

„Was im Scheitern verloren gegangen ist, behält weiterhin Macht über diejenigen, die von seinem Verlust betroffen sind… Scheitern erzeugt eine Spannungssituation, die etwas Verzweifeltes hat, weil sie nicht einfach lösbar ist. …Man kann nicht einfach neu anfangen, weil man dafür mit dem Alten aufhören müsste, und mit dem Alten wiederum kann man nicht einfach aufhören, weil man dafür mit was Neuem anfangen müsste, das zum Aufgeben des Alten führte.“ 

Christian Kern