10.01.2018

Übersicht Jahresserie 2018: "Heimat - Wie im Himmel, so auf Erden"

Keine bleibende Stadt

Was ist die Heimat? Gibt es nur eine? Hat man ein Recht darauf? Haben Christen eine andere Heimat? Zum Anwärmen fürs Jahresthema gibt es Antworten von Pfarrer Martin Vorländer, Herausgeber eines Heimat-Buchs.

Wo ist Heimat? Und wozu überhaupt? Und haben Christen eine andere Heimat? Fragen zuhauf für ein neues Jahresthema 2018 in der Kirchenzeitung. | Foto: Adobe Stock
Wo ist Heimat? Und wozu überhaupt? Und haben Christen eine andere Heimat? Fragen zuhauf für ein neues Jahresthema 2018 in der Kirchenzeitung. | Foto: Adobe Stock

Was ist „Heimat“?

Ich bin vor sieben Jahren ins Rhein-Main-Gebiet gezogen. Frankfurt ist für mich ganz schnell zur Heimat geworden, weil die Leute hier sich dafür interessiert haben, woher ich komme, was ich mitbringe. Ich habe mich von Anfang an willkommen gefühlt. Waschechte Frankfurter haben mir ihre Lieblingsorte gezeigt und die Anekdoten der Stadt erzählt. Das bedeutet Heimat für mich: der Ort, an dem ich willkommen bin und mich zugehörig fühle.

Braucht jeder Mensch (s)eine Heimat?

Martin Vorländer Foto: privat
Martin Vorländer
Foto: privat

Jede und jeder braucht einen Ort, wo sie und er sich zu Hause fühlt und merkt: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein. Hier kann ich Wurzeln schlagen.

Warum ist „Heimat“ derzeit wieder ein so breit diskutiertes „öffentliches“ Thema?

Die Welt ändert sich so rasend, dass einem schwindelig werden kann. Mein Handy von vor fünf Jahren fühlt sich an wie aus der Steinzeit. Wenn ich will, kann ich rund um die Uhr mit der ganzen Welt vernetzt sein. Das ist toll, kann aber auch Angst machen. Die Zusammenhänge werden größer und unübersichtlicher. Menschen am anderen Ende der Erde werden meine Konkurrenten, wenn es um Arbeitsplatz und Fortschritt geht. Probleme, die früher weit weg waren, finden sich auf einmal in Echtzeit hier bei uns zu Hause. Menschen, die in Syrien oder Ostafrika vor Krieg und Hunger fliehen, stehen vor meiner Haustür. Sie haben ihre Heimat aufgegeben – und das verändert auch meine Heimat. Je schneller die Welt sich dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat. Ich finde wichtig, dass wir darüber nachdenken, was Heimat ausmacht. Nicht als „Wir gegen die“. Sondern positiv: Was braucht es, damit Menschen sich zu Hause fühlen?

Ist Heimat das, woher wir kommen – oder dort, wohin wir gehen?

Lebkuchenherz Logo: S.Tietze
Dieses etwas ramponierte
Lebkuchenherz ist das Logo zu
unserer Jahresserie 2018.
Logo: S. Tietze

Heimat hat viel mit Kindheit zu tun. Was sind meine ersten Erinnerungen? Welche Stadt, welche Landschaft hat mich geprägt? Mit welchem Dialekt bin ich groß geworden? Heimat riecht für die einen nach dem Bohnerwachs aus der Volksschule und schmeckt für die einen nach Apfelsaft von hessischen Streuobstwiesen. Die anderen sind selig, wenn das ganze Lokal bei der Mainzer Fastnacht „Wir alle leben im Schatten des Doms“ singt.

Heimat kann auch beklemmend sein: Das ist der Ort, wo ich nicht so sein durfte, wie ich bin, wo alle mir zu verstehen gegeben haben: Du passt hier nicht rein. Heimat ist kein fester Besitz. Sie gehört mir nicht. Meine Großeltern kamen aus Schlesien. Sie haben im Zweiten Weltkrieg erlebt, wie alles, was sie hatten, weg war und sie woanders neu beginnen mussten. Heimat kann verloren gehen. Aber ich kann suchen und finden, was Heimat für mich ist.

Gibt es für Christen eine andere Heimat?

Ich mag den altmodischen Ausdruck „Vademecum“, ein „Geh mit mir“. Das war früher ein kleines Heft für Reisen mit Tipps für unterwegs. Der christliche Glaube ist für mich ein Vademecum. Ich vertraue darauf: Gott geht mit mir, wo auch immer ich in der Welt unterwegs bin oder mich niederlasse. In der Bibel steht: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14). Keine bleibende Stadt, das klingt stressig, ist aber einfach realistisch. „Die zukünftige suchen wir“ – das ist das große Versprechen: Ich werde eines Tages ankommen.

Interview: Johannes Becher

Martin Vorländer ist „Neu-Hesse mit bayerischem Migrationshintergrund“. Seit 2010 lebt er im Rhein-Main-Gebiet, war vier Jahre evangelischer Gemeindepfarrer in Frankfurt. Nun ist er theologischer Redakteur im Medienhaus der EKHN in Frankfurt.

 

Tipp: Ein Heimat-Buch

Cover SehnsuchtsortWenn Sie das Wort „Heimat“ sagen und die Augen schließen – was fällt Ihnen ein? Ihr Lieblingscafé, der heimische Kirchturm, Ihre Familie, Freunde, Erlebnisse aus Kindertagen und die Straßen der Stadt, durch die Sie mit Ihren Schulkameraden stromerten? Um solche Fragen geht es im Buch, das Martin Vorländer herausgibt.
Es erscheint im März in der Edition Chrismon (15 Euro). Darin finden sich Menschen mit unterschiedlichen Heimat-en. Es heißt: „Sehnsuchtsort Heimat“.

 

Zur Sache: Jahresthema 2018: Heimat – wie im Himmel so auf Erden

 

Heimat! Das Wort ist wieder in vieler Munde. Ob Bundespräsident oder Caritasverband: Was ist Heimat? Und warum? Für wen? Und wir Christen?
Viele Fragen sammeln sich um einen schillernden Begriff. Grund für die Kirchenzeitung, sich ein Jahr lang in elf Schwerpunktthemen um Hintergründe, ein Aufrauhen und eigene Akzente zu kümmern. „Heimat – wie im Himmel, so auf Erden“: so heißt unser Jahresthema 2018. Unsere Monatsthemen (jeweils in der ersten Ausgabe) im Überblick:

  • Meine Heimat, deine Heimat, unsere Heimat: Wem gehört Heimat? Gibt es ein „Recht“ auf Heimat? Fragen an Juristen und Kulturschaffende, an Politiker und Philosophen
  • Von der Wiege bis zur Bahre: Heimat in verschiedenen Lebensphasen – Verändert sich „Heimat“?
  • Zu Hause in der Fremde: Kulturelle Heimat – Wir sprechen eine Sprache: Warum sich Menschen eines Kulturkreises auch andernorts zusammenballen – muttersprachliche Gemeinden, China-Town, Russlanddeutsche Wohngebiete …
  • Die Erde als Heimat: Wie gehe ich mit meiner Schöpfung um? Regional, saisonal, nachhaltig …
  • Im Herzen bleiben wir: Geschich-te(n) der Heimatvertriebenen
  • Wohnen in Facebook: Von der virtuellen Heimat
  • Heute hier, morgen dort: Unterwegs zu Hause – Vom Heimatverlust in der Mobilität
  • Weihrauchduft in der Nase: Spirituelle Heimat – wo und wie? Heimat im Glauben?
  • Einmal Bronx, immer Bronx – Da kommst du nicht mehr weg … Von Milieus und ihrer Haltbarkeit – die soziale Heimat
  • Die letzte Heimat: Eine himmlische Geschichte vom ewigen Leben – mehr als ein Friedhofsgang
  • Zu Hause in der Welt: Die Selbstverständlichkeiten moderner Weltenbummler: Von Freiwilligendiensten und Fernreisenden