10.07.2018

Bechers Provokationen

„Herr, fange bei mir an“

Unsere Provokationen suchen nach der Glut unter der Asche, nach dem Kern der Botschaft. Heute geht’s um das Erneuern der Kirche. Worauf kommt es an dabei? Eine Gewissenserforschung.

Ich bin gemeint! – Wie wäre es, mal den Finger zuerst auf sich selbst zu richten?  | Foto: Adobe Stock
Ich bin gemeint! – Wie wäre es, mal den Finger zuerst auf sich selbst zu richten?
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Es ist ein beliebtes Ritual geworden: Die anderen sind Schuld. Die anderen müssten … Der Papst, die Bischöfe, der Pfarrer, die Kirchenvolksbegehrer, die Traditionalisten … Hauptsache: die anderen. Und was ist mit mir?  
Es ist ein viel zitiertes Wort von Mutter Teresa: Auf die Frage, was sich an der Kirche ändern müsse, antwortet sie kurz: „Sie und ich!“ Das ist es. Jeder und jede.

Gewissenserforschung braucht keinen Beichtstuhl, die Bettkante genügt. Oder der Liegestuhl im Garten. Ein paar Minuten vor dem Spiegel. Das eigene Christenleben anschauen. Wo gebe ich ein gutes Bild ab? Wo bin ich ein einladendes Vorbild? Ganz nach dem Beispiel jenes Kirchenlehrers im dritten Jahrhundert. Der antwortet auf die Frage, wie jemand Christ werden könne: „Ich nehme ihn ein Jahr als Gast in mein Haus auf!“

Im Erzbistum Hamburg hat ein Prozess der „Erneuerung“ begonnen. Den Start hat Erzbischof Stefan Heße mit einem Brief begleitet. Titel: „Herr, erneuere deine Kirche und fange bei mir an!“ Ein Zitat aus dem Gebet chinesischer Christen. Heße schreibt, auf was es (ihm) ankommt: „Jeder einzelne von uns erneuert sich nur in dem Maße, in dem er seine Beziehung zu Jesus Christus vertieft. Deswegen ist unser Prozess zu allererst ein Prozess der religiösen Erneuerung: Was dient heute der Verwurzelung in Christus? Was dient unserer Einheit? Welche Charismen haben wir? Wie leben wir unseren missionarischen und karitativen Auftrag noch stärker?“

Im Dezember 2000 schrieben die deutschen Bischöfe ihr Wort „Zeit zur Aussaat“ über ein missionarisches Kirche-Sein. Darin ist viel vom „Zeugnis des Lebens“ die Rede und jenem „des Wortes“.

Johannes Becher Foto: privat
Johannes Becher
Foto: privat

Maßgeblich am Bischofsschreiben beteiligt war der damalige Bischof von Erfurt, Joachim Wanke. Er hat die Vision, dass auch die Kirche in Deutschland wieder ansteckend wirken könnte. Zusammengefasst gründet er seine Vision auf drei Pfeiler. Erstens: Jeder und jede ist in der Lage von persönlichen Glaubens- und Lebenserfahrungen zu erzählen. Zweitens: Alle können „häufiger, selbstverständlicher und mit demütigem Selbstbewusstsein von Gott zu anderen sprechen“. Drittens: Das „Fest“, zu dem Gott einlädt, hat schon begonnen. Dafür braucht die Seelsorge allerorten „eine Kultur des freundlichen Einladens und der Zuwendung“.

Deshalb: Erzählt davon, dass es im Glauben nicht um den Streit über den Ausschluss von Sakramenten oder die richtige Zelebrationsrichtung geht, sondern um ein Fest der Lebensfreude.

Beim Erinnern hilft die Regel des Ordensvaters Benedikt, der seinen Mönchen sagt, dass nichts wichtiger ist im Leben, als das Suchen nach Gott – in Ora und Labora. Oder es hilft die Bibel. Ein kurzer Vers nur. Erster Petrusbrief (3,15): „Seid stets bereit, Zeugnis zu geben, von der Hoffnung, die euch trägt!“ Erzählt davon, lebt danach. Mehr braucht es erstmal nicht.

In der nächsten Ausgabe: Nix sehen, nix hören, nix sagen – Die Kluft zwischen Lehre und Leben