15.06.2022

"Pro und Contra"

Kostenloser ÖPNV ?

Was bringt das Neun-Euro-Ticket im Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV)? Gelingt so der Einstieg in ein klimafreundliches Verkehrssystem? Oder müssten dafür Busse und Bahnen generell kostenlos nutzbar sein? Die Meinungen im Pro und Contra: Johannes Becher ist dafür, weil es ein wirksamer Anfang ist. Heike Kaiser ist dagegen, weil die Menschen auf dem Land benachteiligt werden.


Sollte der Öffentliche Nahverkehr künftig generell kostenlos sein? Darüber diskutieren die Deutschen.


PRO
Wer fährt Bus? In jedem Fall einmal jene, die kein Auto haben – ob aus Öko-Gründen frei gewählt oder weil es für sie unbezahlbar ist.  Ein kostenloser ÖPNV wäre für beide Gruppen ein Gewinn: für die einen eine finanzielle Überlebenshilfe, für die anderen Lohn  für klimafreundliches Verhalten.
13 Milliarden Euro nehmen die Verkehrsbetriebe in Deutschland aktuell mit dem Ticketverkauf für den Nahverkehr ein. Wenn der ÖPNV kostenlos für alle wäre, müsste das Geld aus anderen Quellen kommen. Für die meisten Kommunen wäre das in der Tat eine knifflige Herausforderung. Wo setzt man Prioritäten? Wenn es doch schon an allen Ecken und Enden – von Theater über Kita bis Freibad – an öffentlichem Geld fehlt.
Der Staat muss helfen? Klar, könnte er. Aber er kann sicher nicht alle Kosten stemmen. Eine so revolutionäre Umgestaltung wie ein kostenloser Bus- und Regionalbahnverkehr erfordert weitergehende Entscheidungen: Autofahren muss teurer werden – und unbequemer: weniger Parkplätze, weniger Fahrspuren für den individuellen Autoverkehr, Vorfahrt für Busse und Radfahrer.
Das Argument, ein kostenloser ÖPNV helfe nicht überall, vor allem nicht auf dem Land mit seinem spärlichen Fahrangebot, zieht hier nicht: Denn selten ist eine Entscheidung der Politik in gleichem Maße hilfreich und entlastend für alle allüberall. Mal profitieren die Rentner, mal Familien, mal die Pendler.
Es lässt sich eben nicht gegeneinander aufrechnen: frische Luft gegen Busse im Minutentakt, eigener Garten am Eigenheim gegen Theater vor der Tür der Mietwohnung …
Beim kostenlosen ÖPNV gilt aber in jedem Fall: Was gut ist für den Klimaschutz, kommt letztlich wirklich allen zugute. Damit es auf dem Land grün bleibt bei viel frischer Luft …
Und weil der alte Spruch: „Was nix kostet, ist auch nix“ in manchem Kopf zementiert scheint, könnte eine Eigenbeteiligung beim Ticket dessen Akzeptanz fördern: einen Euro pro Tag. Ein guter Klima-Kompromiss.

Johannes Becher, Redaktionsleiter
 

CONTRA
Wow, hört sich das gut an: Kostenloser Öffentlicher Personen-Nahverkehr für alle. Ist doch nun, nach der Einführung des Neun-Euro-Tickets, durchaus ein Thema, über das (wieder) diskutiert werden kann. Eine Win-Win-Situation: gut für den Umweltschutz, gut fürs Ener-gie-Sparen, gut fürs eigene Portemonnaie. Eine tolle Idee – aber eben nur auf den ersten Blick. Denn das mit dem kostenlosen ÖPNV klappt ganz sicher nicht „für alle“.
Als berufstätiges Landei kann ich da nur müde lächeln. Wenn ich  auf den ÖPNV angewiesen wäre, käme ich keinen Tag morgens pünktlich in die Redaktion oder gar wieder nach Hause – zumindest dann nicht, wenn ich ganztags arbeite. Der Bus nach Limburg fährt morgens und nachmittags bestenfalls alle zwei Stunden, mit der Verbindung von Limburg nach Hause sieht es nicht besser aus. Den Zug zu nehmen, ist keine Option: Es gibt in meinem Heimatdorf keinen Bahnhof. Der nächste ist gut drei Kilometer entfernt. Doch – Sie ahnen es – dorthin gibt keine Busverbindung. Was also tun? Mit dem Auto zum nachbardörflichen Bahnhof fahren? Keine ernst zu nehmende Alternative. Denn: Es gibt keine Parkplätze. Und wer weiß, in welchen Intervallen die Züge fahren ... Da setze ich mich doch lieber zuhause ins Auto und fahre die zwölf Kilometer nach Limburg. Ist nervenschonender und zeitsparender, allen Unkenrufen zum Trotz.
In der (Groß-)Stadt sieht das natürlich völlig anders aus: Hier kann der Fahrgast unter vielen Möglichkeiten wählen, von Schienen- bis Straßenverkehr, von Straßenbahn bis Regionalzug. Und das in der Regel nicht im Stunden-, sondern im Minutentakt. Bleibt bloß noch der Fußweg zur Haltestelle zu bewältigen. Da lässt sich der Vorschlag, kostenlos den öffentlichen Personen-Nahverkehr zu nutzen, doch gleich ganz anders an.
Eine tolle Idee – aber auch eine unfaire. Den Landeiern gegenüber. Doch, um ehrlich zu sein: Ich möchte nirgendwo anders leben.

Heike Kaiser, Redakteurin