15.07.2021

Pro und Contra

Kunst-Rasen

„Poem of Pearls“ – so der Titel der Ausstellung, mit der die katholische Kirche die documenta 15 in Kassel begleiten wird. Künstlerin Birthe Blauth entwirft ein neues Raumerlebnis für die St. Elisabeth-Kirche: Die Kirche wird mit Kunstrasen ausgelegt. Die Besucher sollen einen Ort der Ruhe vorfinden. Martin Matl, Diözesanbaumeister im Bistum Fulda, ist begeistert, Ruth Lehnen weniger. Ein Pro und Contra.


Grün! So soll es in der Kirche St. Elisabeth in Kassel zur documenta-Zeit 2022 aussehen.


PRO
Mit der Entscheidung der Vorbereitungsgruppe für das Kunstprojekt von Birthe Blauth gehen die Verantwortlichen neue Wege: Im Sommer 2022 werden in der Elisabethkirche am Friedrichsplatz keine Kunstobjekte ausgestellt. Die Münchener Künstlerin verändert stattdessen den Raum selbst und die Art und Weise, wie er erlebt und benutzt wird. Durch ihre künstlerischen Eingriffe, unter anderen ein in Haupt- und Seitenschiffen ausgelegter Rasen, wird der Raum der Elisabethkirche zu einem Abbild des Paradiesgartens in unserer Zeit.
In „Poem of Pearls“ steckt wie in jedem Kunstwerk neben der Einladung zum Wahrnehmen und Besinnen allerdings auch eine Provokation. Der paradiesisch grüne Rasen ist gar kein pflanzlicher, sondern ein Kunstrasen! Der Weg zurück in die reine Natur des Garten Eden ist uns ein für alle Mal verwehrt. Wir sind zurückgeworfen auf unsere menschlichen Ideen und Mittel, um die Sehnsucht nach dem Paradies wachzuhalten –
also auf Kunst und Künstlichkeit. Rational betrachtet ist ein extra gezogener, künstlich gedüngter, belichteter und bewässerter Rasen nicht nachhaltiger herzustellen als ein Kunstrasen, abgesehen davon, dass ein Naturrasen das Betreten der hoffentlich zahlreichen Besucher/innen nicht überstehen würde. Das von der Künstlerin eingesetzte Material ist langlebig und sortenrein wie rückstandslos recycelbar. Zudem ist eine Anschlussverwendung vorgesehen. Eine Idee vom Paradies liegt jedem Kirchenraum zugrunde – das Paradies als Raum der Begegnung mit sich selbst, mit anderen und mit Gott. Der Begegnungsraum 2022 in der Elisabethkirche wird Gewissheiten in Frage stellen und die Besucher/innen zu Reaktionen herausfordern: Schuhe ausziehen, den eigenen Ort auf dem weiten Grün suchen, auf einem Klappstuhl oder direkt auf dem Rasen? Lasse ich mich mit einer echten Perle beschenken, dem Symbol der Seele? Kann mir ein ungewöhnlicher Raum neue Blickwinkel eröffnen? Die Elisabethkirche wird ein wunderbarer Ort im Kunstsommer 2022!
 
Martin Matl, Diözesanbaumeister im Bistum Fulda, war Mitglied der Vorbereitungsgruppe
 

CONTRA
Die Künstlerin Birthe Blauth wird in der Kasseler Elisabethkirche begleitend zur documenta im Sommer 2022 Kunstrasen verlegen lassen. Damit will sie Anklänge an den Paradiesgarten schaffen. 650 Quadratmeter sollen sich, so die Künstlerin, in eine „grüne, weiche, saftige Wiese“ verwandeln. O Wunder von Kassel! Saftiger Kunst-Rasen! Um dem Brandschutz zu genügen und den Kunstrasen zu beschweren, werden pro Quadratmeter Kunstrasen fünf Kilogramm Quarzsand verteilt, macht insgesamt 3,25 Tonnen im Kirchenraum. Da Kunstrasen mit Drainagelöchern hergestellt wird, benötigt man, damit der Sand nicht herausrieselt, auch noch ein Vlies, um den Boden der Kirche zu schützen.
Die Menschen sollen sich das Liegen oder Sitzen oder Knien auf dem Kunstrasen durch die Begehung eines Labyrinths „verdienen“, so Birthe Blauth, und sie sollen die Kirche am besten barfuß betreten. Als Höhepunkt der spirituellen Reise auf Kunstrasen darf sich jede/r eine Perle mitnehmen, rund 72 000 Perlen werden dazu aus China importiert. Dazu gibt es Meeresduft, und da Kassel nicht am Meer liegt, wird auch dieser künstlich erzeugt.
Was uns hier als Paradiesgärtlein verkauft werden soll, ist, neudeutsch gesagt, ein Fake, ein Etikettenschwindel, und ein fatales Signal. Kirche und Kunst, so scheint es, stehen über den Debatten um Plastiksparen, Artenvielfalt und Blühwiesen. Da hilft es auch nichts, wenn der Rasen am Ende gespendet wird an Kindergärten und wohltätige Einrichtungen, mit tausendfachem Fußabdruck.
In St. Elisabeth soll künstlerisch und künstlich geklotzt werden: Birthe Blauth entfaltet eine esoterisch angehauchte Szenerie, ein bisschen wie im Freizeitpark. Dazu passt das Give away: Eine Perle muss es sein. Aber nicht vertun jetzt: Die Perlen mitten im Kirchenraum sind tatsächlich echt. Geklärt werden muss noch, wie man es regelt, dass sich jeder nur eine nimmt.
Über Kunst lässt sich schwer streiten. Mag sein, dass die Chillout-Zone den Leuten gefällt. Unechter Rasen und Perlen zum Mitnehmen: Oh Beuys, der Du 1982 bei der documenta 7 die 7000 Eichen pflanztest, erbarme Dich.

Ruth Lehnen, stellvertretende Redaktionsleiterin

Zur Sache:

„Poem of Pearls“

Zum 15. Mal findet in Kassel 2022 die Weltkunstausstellung documenta statt, diesmal in der Zeit vom 18. Juni bis 25. September. In Sichtweite der beiden zentralen Ausstellungsorte der documenta steht die katholische Elisabethkirche. Diese Nachbarschaft ist wie schon in vergangenen documenta-Jahren der Ausgangspunkt für eine eigene Ausstellung mit umfangreichen Begleitveranstaltungen.
„Poem of Pearls“ heißt die Installation, die in der Elisa-bethkirche am Pfingstsamstag, 4. Juni 2022 eröffnet werden soll. Dabei meint „Poem“ nicht „schöne Verse“, sondern etwas Außergewöhnliches, vergleichbar der Redensart „wie ein Gedicht“, erläutert Projektleiter Christoph Baumanns.
Die Installation umfasst Vorplatz, Haupt- und Seitenschiffe.
Künstlerin Birthe Blauth: „Die Besucherinnen und Besucher können vom Labyrinth auf dem Vorplatz bis in den Paradiesgarten mit der Perlenschale eine spirituelle Reise unternehmen. Als Symbol und Erinnerung nehmen sie eine Perle mit nach Hause. Poem of Pearls lädt zum Nachdenken ein, zum Auf-dem-Weg-sein und zum Genießen mit allen Sinnen.“
www.kunstraumkirche.de

www.bblauth.de

 

Hier geht's zum Artikel über die letzte Begleitausstellung 2017: https://www.kirchenzeitung.de/content/die-sch%C3%B6nheit-der-linie