03.07.2018

Bechers Provokationen

Landkatholiken wertschätzen

Unsere Provokationen suchen nach der Glut unter der Asche, nach dem Kern der Botschaft. Heute geht’s um Kirche in der Stadt und Kirche auf dem Land. Und warum es ein Unterschied ist, ob man als Katholik hier lebt oder dort. Von Johannes Becher.

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Bei allen Unterschieden zwischen Stadt und Land: Katholiken in den Weiten des Bistums wollen genauso wertgeschätzt werden.  Foto: Adobe Stock

„Vergesst mir Ransel nicht!“ Ein Appell von Franz Kamphaus. Ransel ist ein kleiner Kirchort im Rheingau. Der Limburger Altbischof feiert dort hin und wieder Gottesdienste. Was Kamphaus meint: „Gott, Glaube, Kirche, Gemeinde, das alles gehört in die allernächste Lebenswelt der Menschen. Sonst wird es schwer, in Gott beheimatet zu sein und in der Kirche.“

Nun gilt eine solche Erkenntnis gleichermaßen für alle: die Menschen auf dem Land und in der Stadt. Doch in vielen Bistümern wurde jahrelang über Konzepte für eine City-Pastoral nachgedacht und zum Teil sehr erfolgreich mit Projekten experimentiert. Zu den Erkenntnissen im Sozialraum Stadt – moderner, reformfreudiger, jünger – trat dann die personelle Not hinzu. Und weil es nicht nur immer weniger Ärzte gibt, die aufs Land wollen, sondern auch weniger Priester, werden die Seelsorgeräume größer. Kirche auf dem Land als Auslaufmodell? Referate für die Landpastoral sind in den Seelsorgeämtern selten.  

Sicher gehört es zu den Traditionen der Landkatholiken, dass sie oft nicht nur verwurzelter sind im Brauchtum des Kirchenjahrs, sondern auch stärker an ihrer Pfarrkirche hängen. Sprich: Es dauert, bis man sich daran gewöhnt, zum Sonntagsgottesdienst ins Nachbardorf zu fahren. Doch auch dort wächst mit den Wiederholungen die Einsicht ins Notwendige.

Aber! Wem in einer ländlichen Pfarrei  ist es verständlich zu machen, dass hier nur alle drei Wochen der Priester zur Eucharistiefeier kommt, wenn andererseits in der jeweiligen Bischofsstadt alle zwei Kilometer eine Kirche am Sonntag voll bespielt wird? Dass in den Domen zeitgleich mehrere Priester zelebrieren – wo doch in A-Dorf keiner mehr ist?  

Kopfschütteln bei Katholiken auf dem Land lösen vor allem Aussagen wie diese aus. Es geht um Beerdigungen. Die würden künftig, heißt es, mehr und mehr auch von Laien geleitet werden – aber – Achtung!: Wohl nicht in der Bischofsstadt. Logisch? Höchstens, wenn man die Mangelbrille aufsetzt: Rund um den Dom spürt man vom Priestermangel noch nichts, in der Fläche des Bistums schon. Deshalb … Wer die Neu-Kirche-Sein-Brille aufsetzt, der sieht: Schieflage! Wenn Laien gut genug sind für diesen Dienst auf dem Land, dann bitte schön auch in der Stadt. Aus Überzeugung!

Es ist ein Unterschied, ob ich Seelsorge zugeschnitten oder abgeschnitten ermögliche. Es ist unverzichtbare Voraussetzung gelingender Pastoral, dass die Lebenswelten, die Gewohnheiten und Vorlieben der Menschen an einem konkreten pastoralen Ort gesehen und ernst genommen werden. Es ist aber etwas völlig anderes, wenn die Menschen auf dem Land aus für sie nicht verständlichen Gründen anders behandelt werden.

Es hinkt gedanklich, wenn einerseits betont wird, die derzeitigen „Umbauten“ im Kirche-Sein hin zu mehr Verantwortlichkeit aller Getauften hätte man auch ohne all die Mangelerscheinungen treffen müssen. Um des Wohls der Kirche willen. Und dann in gleichem Atemzug hochzurechnen, wie viel hauptamtliches Personal man in 20 Jahren noch hat und primär darauf das neue Konzept gründet.

Auch auf dem Land entscheidet sich, ob diese Kirche ein blühende Zukunft hat. Jetzt ist eben auch eine Zeit der Chancen. Oder wie es Christian Hennecke über die „Kirche im Modus des Werdens“ sagt: „Zur Zeit wird die Apostelgeschichte neu geschrieben.“

 

ZITIERT: Ein Fehler

„Den Leuten sind die Kirchengemeinden wichtig, sind persönliche Bezugspersonen wichtig. Und da sollten wir den Menschen diese Kontaktfläche auch bieten. Es wäre ein grober Fehler, sich aus den ländlichen Regionen zurückzuziehen.“
Andreas Dreyer, evangelischer Pfarrer