12.08.2020

Biblische Entdeckungsreise durch einen Garten

Leben in Opas Paradies

Marcus Leitschuh ist Gärtner mit Leidenschaft. Von seinem Opa hat er den Garten mit der Nummer 102 in den „Waldauer Wiesen Kassel“ übernommen. Für die Kirchenzeitung unternimmt er darin eine persönlich-biblische Entdeckungsreise. Die Fotos dazu liefert seine Frau Kerstin Leitschuh. Von Marcus Leitschuh.

Es gibt viele Glücksmomente im Leben. Wer aber ein Leben lang glücklich sein will, der muss sich einen Garten anschaffen. So sagt es eine chinesische Weisheit.

Eingang zum Garten
 » Menschen haben den Garten schon immer zum Ort der Gottesbegegnung gemacht. «
Marcus Leitschuh; Foto: Kerstin Leitschuh

Zweitausend Euro bezahlte mein Opa Paul Banke im Mai 1972 für seinen Garten mit der Nummer 102 im Kleingartenverein „Waldauer Wiesen Kassel“. Der Pachtschein weist eine Steinlaube, eine Wasserpumpe, neun Bäume und drei Hecken aus. Fast jeden Tag lief mein Opa zwischen seiner Wohnung in der Kasseler Innenstadt zu Fuß in seinen Kleingarten am Rand der Stadt. Ende 1972 wurde ich geboren. Da unsere Wohnung genau auf dem Weg zu „Opas Garten“ lag, dauerte es nicht lange und ich wurde von ihm mitgenommen.

„Es gibt zwei Dinge, die wir unseren Kindern mitgeben sollten: Wurzeln und Flügel.“ Dieses schöne Zitat wird dem Dichter Goethe zugeschrieben. Was Wurzeln haben und Flügel bekommen bedeuten kann, habe ich in „Opas Garten“ erlebt. Die Zeit dort war für mich davon geprägt, dass es ein Ort der Freiheit war. Ich hatte mein eigenes Beet, baute Gemüse an, kletterte in Bäumen, bereitete aus Beeren, Salat und Blättern Suppe zu. Ein Garten voller Freiheiten und Vertrauen. Es gab auch klare Regeln: Durch meinen Opa und die Hessische Kleingartenverordnung. Innerhalb dieser Regeln und des mir entgegen gebrachten Vertrauens lag die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen, tief zu graben und hoch hinaus zu klettern.

1991 starb mein Opa mit 81 Jahren. Seinen Garten – den habe ich übernommen. Den Garten mit der Nummer 102 gibt es immer noch. Ganz bewusst gestalte ich ihn als Ort, der Altes bewahrt und Neues möglich macht. So viele alte Bäume und eingewachsene Ecken gibt es selten in unserer Kleingartenanlage. Der Garten erinnert mich auch daran, dass ich Wurzeln und Flügel geschenkt bekommen habe. Ich bin mir sicher, dass dieses Geschenk wichtig ist. Es lohnt sich, Wurzeln und Flügel zu ermöglichen. Zum einen ist es wertvoll, Heimat, Verwurzelung in Glauben, Lebensgrundsätze und Traditionen zu vermitteln. Gleichzeitig gilt es Tore weit zu machen und fliegen zu lassen. Neues wagen und Ungewohntes probieren. Kurz gesagt: selber fliegen lernen.

Marcus Leitschuh
Der Autor in seinem Paradiesgarten
Foto: Kerstin Leitschuh

Doch für mich ist der Schrebergarten noch mehr. Es gehört für mich zu den großen Wundern, dass wie auf ein geheimes Signal hin im Frühjahr Blätter sich entwickeln, Knospen sprießen und aus dem Wintergrau ein Frühlingsgrün wird. Dann braucht dieses Wunder der Schöpfung unsere Pflege.

Ich schneide Rosen, verteile Kompost als Dünger auf den Beeten. Würden die Apfelbäume nicht regelmäßig geschnitten, ginge der Ertrag zurück. Beerenhecken brauchen meinen Schnitt ebenso wie die Stauden eine Teilung. Mein Garten als Erfahrungsraum. Vieles ist angelegt und wächst im Jahreskreislauf ohne mein Zutun. Richtige Pflege macht daraus ein Paradies.

Kein Wunder also, dass die Menschen immer schon den Garten zu einem Ort der Gottesbegegnung gemacht haben. 

Die Bibel berichtet von einem Garten am Ende der Zeiten, dem himmlischen Garten. Und sie berichtet vom Garten Eden, dem Paradies, das am Anfang steht. Für dessen Pflege braucht es Menschen. Nachdem Gott den Garten mit Pflanzen und Tiere geschaffen hat, braucht es die Kultivierung durch Menschen. Zwischen Garten Eden und dem himmlischen Garten liegt eine lange Zeitspanne. Der eigene Garten ist als kleiner Vorgeschmack auf das kommende Paradies eine Erinnerung, wie paradiesisch es einmal im göttlichen Urzustand war. Der Prophet Jesaja beschreibt in Bildern vom Garten, wie zwischen Gott und seinem Volk etwas wächst. Der von Gott gepflanzte Weinberg bringt durch menschliche Pflege Frucht. Gärten entstehen in der Wüste. „Statt Dornen wachsen Zypressen, statt Brennesseln Myrten“ heißt es bei Jesaja. Berge und Hügel brechen beim Anblick dieser Gärten in Jubel aus, „alle Bäume auf dem Feld klatschen Beifall.“ Jesaja vergleicht gerechte Menschen mit einem bewässerten Garten, Gottes Trost lässt Menschen aufblühen wie frisches Gras. Jesus wird in einem Garten beigesetzt. Maria Magdalena sieht als Erste den Auferstandenen und hält ihn – für den Gärtner. Jesus „Der große Gärtner“, so der Titel eines Gemäldes von Emil Nolde (1940). Der Auferstandene als neuer Adam, und damit Nachfolger des ersten Gärtners. 

Biene auf Himbeere Foto: Kerstin Leitschuh
Auch die Bienen fühlen sich wohl hier. Foto: Kerstin Leitschuh

„Im Garten kannst Du Gott begegnen“ heißt ein Buch. Viel Religiöses steckt im Garten. Der Autor Gerhard Dane ist Gärtner und Pfarrer. Für sein Buch hat er schöne Sätze gefunden. Einer heißt: „Gärten geben Nachhilfe uns eiligen Menschen.“ Das leuchtet mir ein. Gärten helfen beim Langsamwerden. Ich kann meine Gurkenpflanzen noch so eilig einpflanzen und düngen, sie werden ihre Zeit brauchen. Dieses Warten ist eine gute Übung für alle Gestressten. Dane hat klug beobachtet, dass die Pflanzen ihre eigenen Wege gehen. Wer schon mal eine Kletterrose gepflanzt hat weiß das. Ein anderes Beispiel für Religiöses im Garten: Alles wandelt sich im Komposthaufen. Die abgestorbenen Pflanzenreste werden zum Lebensquell für neues Aufblühen. Gerade habe ich einen Totholzbereich im Garten angelegt. Alte Baumstämme und Äste sind wichtiger Lebensraum für Wildbienen und viele andere Tiere.