11.12.2018

Bechers Provokationen

Liebende Aufmerksamkeit

Unsere Provokationen suchen nach der Glut unter der Asche. Heute geht es um eine Gewissenserforschung. Nach dem Vorbild des Ignatius von Loyola. Gott Danke sagen, Gnade erbitten von ihm, den Tag anschauen mit allen Gedanken, Worten und Werken, schließlich um Vergebung bitten und Besserung geloben. Von Johannes Becher.

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Gewissenserforschung: Wie sieht er aus, mein Beitrag zur Zukunft der Kirche?
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Überraschung jetzt: Wie wär’s mal mit einer Gewissenserforschung als Betthupferl. Einschlafhilfe, weil das Gewissen befriedet ist. Und auch das Schwere bis zum nächsten Morgen ruhen kann. Besser als die klassischen Beichtspiegel mit ihrem Brennglas allein auf meine sündige Existenz ist der „Tagesrückblick“ des Jesuiten-Gründers Ignatius geeignet: Dem geht es auch ums Danke sagen, um Gnadengeschenke und um Besserung. Außerdem praktiziert Papst Franziskus als guter Jesuit diese Besinnungsform auch jeden Abend.

Obwohl, dieses klassische Frageschema – Hast du heute? – hat ja was. Da gibt es kein Ausweichen. Und müde auf der Bettkante muss ich nicht noch lange nach einer wachhaltenden äußeren Gebetsform suchen.

Los geht’s: Habe ich heute mit Gott gesprochen? Ihn um etwas gebeten, ihm gedankt? Habe ich versucht, ihn in jedem zu sehen, der mir begegnet ist? War ich ungerecht gegenüber anderen? Und mit mir selbst? Teile ich das, was ich habe: Wissen, Erfahrung, Besitz? – Und weil es hier doch um das Gesicht und die Zukunft meiner Kirche geht, ein paar Spezialfragen. Obwohl ja diese schon gestellten Fragen im Grunde genau für diese Zukunft wesentlich sind: Mich zu fragen, wie vertraut und nah ich Gott bin, was ich in seiner Spur denke, sage und tue …

Johannes Becher Foto: privat
Johannes Becher
Foto: privat

Trotzdem noch ein paar Anspitzungen: Habe ich meine Charismen (Talente) zur Verfügung gestellt – am Arbeitsplatz, in der Familie, für die Kirchengemeinde? Habe ich nach dem ersten Augenschein geurteilt über das Wort eines Bischofs, des Pfarrers oder der Gemeindereferentin? Waren mir die üblichen Reizthemen – von Ämterfrage bis Zölibat – wieder wesentlicher als die Zuwendung zu einem Menschen in Not? Habe ich mir Zeit genommen für ein Beten mitten im Tag?

Ein Gebet noch, bevor die Augen zufallen: Vater, hab’ Dank für diesen Tag. Du hast ihn mir geschenkt, jetzt lege ich ihn zurück in Deine Hände. Er ist nicht mehr ganz sauber. Hier und dort habe ich ihn nicht sorgsam behandelt. Gib mir bitte eine neue Chance. Morgen. Damit ich es besser machen kann als heute. Zu Deiner Freude. Und zu meiner. Und zum Nutzen Deiner Kirche. Amen!

 

Zitiert: Das Gewissen erforschen

„Der heilige Ignatius von Loyola (1491 bis1556), Gründer der Jesuiten, legt in seiner spirituellen Lehre großen Wert auf die tägliche Gewissenserforschung: Man nimmt sich abends eine Viertelstunde Zeit und schaut in Stille den vergangenen Tag an. Was man an Fehlern und Versagen entdeckt, bringt man ins Gebet: Man bereut es, bittet Gott um Vergebung und nimmt sich Besserung vor. Diese spirituelle Übung hat eine sehr lange Tradition. Leider hatte sie in den letzten Jahrhunderten den Blick meist zu sehr auf die Sünde gerichtet, so dass es fast nur um Reue und um moralische Besserung ging, um eine Art Selbsttraining zur Vervollkommnung.

Liest man allerdings bei Ignatius genau nach, so findet sich dort auch ein Schwerpunkt auf dem Dank: Im Rückblick auf den Tag nimmt man wahr, was der Herr an Gutem geschenkt hat; dafür soll man ihm ganz konkret und ausdrücklich mit eigenen Worten danken. Daher nennt man heute im deutschen Sprachraum diese Übung meist ,Tagesrückblick‘ oder ,Gebet der liebenden Aufmerksamkeit‘  … Alle ,Regungen der Seele‘ – so nennt das Ignatius – dürfen vorkommen und ehrlich und vertrauend Gott hingehalten werden.“

Der Jesuit Stefan Kiechle, Frankfurt, auf katholisch.de