13.09.2019

Kleines ABC der Kirchenentwicklung

Lust machen auf die Kirche

Nicht immer ist der genaue Weg klar. Doch Verlaufen ist erlaubt… 

Was ist wesentlich für die Kirche 2030? Heute geht es in unserem „kleinen ABC der Kirchenentwicklung“ um „Pioniere der Pastoral“. Menschen, denen das Zuhören zunächst wichtiger ist als das Predigen. Und es geht um Kundschafter, die viele Ideen zur Gestalt der modernen Seelsorge in Poitiers entdeckt haben. Von Johannes Becher.

 

Was macht einen Pastoralpionier aus? Im Bistum Münster hat man eine Definition versucht: „Pioniere sind die, die vorangehen, die die Landschaft erkunden (die Kundschafter in Numeri 13), die kreative Lösungen für Hindernisse finden, die einen Weg probieren im Wissen darum, dass der in die Irre führen kann, um dann umzukehren und einen anderen Weg zu suchen, der schlussend-lich anderen den Weg bereitet (Joh 3,30).“

So gelesen wird klar: Jeder und jede Getaufte kann mit entsprechender Haltung zum Pionier der Pastoral werden. Wesentlich dabei: Wer Neuland betritt, der sollte zunächst zuhören statt predigen. Und es ist gar nicht schlimm, wenn es mehr Fragezeichen als Ausrufezeichen im Gepäck gibt. Im Gegenteil!

Nun gibt es viele Engagierte mit Ideen und Elan. Aber warum funktionieren so viele „tolle Ideen“ in der pastoralen Praxis so schlecht? Der Aachener Theologe Florian Sobetzko hat eine Vermutung: „Innovatives kirchliches Engagement besteht gerade nicht darin, selbst tolle Ideen zu entwickeln und dann Leute zu suchen, die sie mit mir umsetzen.“

Es geht eher darum, sich anrühren und bereichern zu lassen von dem, was Menschen als ihr Bedürfnis benennen und was sie selbst als Talent einbringen wollen. Christian Hennecke, Hildesheimer Pastoralpionier, sagt es so: „Wir müssen derzeit lernen, dankbar entgegenzunehmen, was der Heilige Geist uns aus unerwarteter Richtung schenkt.“ Ein Gedanke, den auch Bischof Peter Kohlgraf immer wieder einbringt: „Unser Gott ist oft schon längst da, bevor wir kommen.“ Da bekommt das Wort „Mission“ eine neue Auffrischung.

Was es noch braucht? Sobetzko: „Ein klares Signal von oben: Der Bischof wünscht sich, dass lieber neue Fehler gemacht werden sollen als immer wieder die alten.“ Und: Innovation gehe immer öfter von unten nach oben. Weil: „Lösungswissen ist breit gestreut im ganzen Volk Gottes.“

Aus vielen Bistümern werden Kundschafter entsandt. Auf der Suche nach gelingender Pastoral. Best practice ... Wo alle hinschauen: nach Poitiers. Dort hatte der frühere Bischof Albert Rouet eine Vision: Es geht nicht darum, Strukturen zu verändern, sondern Menschen in Bewegung zu bringen. Es entstanden die „Equipes locales d’animation“ – fünfköpfige Teams von Laien am Ort, die der Kirche ihr Gesicht geben. Interessant: Im Französischen mutiert die deutschsprachige Fixierung auf Leitung zum Animieren. Lust machen auf Kirche …

 

Zitiert:

„Die Kirche muss hinausfahren“

„Man muss daher heute ganz anders denken, völlig neue Wege entwickeln. Der Ausgangspunkt muss auf jeden Fall sein, zunächst einmal auf das zu hören, was diese säkularisierte Welt an Erwartungen, Hoffnungen und Verweigerungen an die Kirche heranträgt. Sie ist weder grundsätzlich besser noch schlechter als irgendeine frühere – sie ist anders. Sie verlangt eine neue Darbietung unseres Glaubens. Bisher spürt die Kirche nicht mehr als die ersten kleinen Wellen beim Ausfahren aus dem Hafen. Viel größere erwarten sie draußen auf dem See als Ergebnis der ganz unvorhersehbaren Entwicklungen in der Welt. Aber sie muss hinausfahren (Lukas 5,4).“

Albert Rouet, bis 2011 

Bischof von Poitiers