15.12.2022

Pro und Contra: Männerseelsorge

Männer unter sich

Wann ist ein Mann ein Mann? Und wie kann er in all den existenziellen Anfragen seinen Glauben leben? Braucht es dazu eine eigene „Männerseelsorge“? Mit besonderen Angeboten und Kursen für das religiöse Erleben unter Männern. Die Meinungen gehen auseinander. Hans-Joachim Stoehr ist für die Sonderseelsorge, Johannes Becher setzt dagegen auf die Gemeinschaft aller Glaubenden.


Wann ist der Mann ein Mann, ein religiöser? Beim Antworten sollen spezielle Seelsorgeangebote helfen.


PRO

Wann ist ein Mann ein Mann? Wird die Frage im christlichen Sinn von der Männerseelsorge beantwortet? Ja. Darum geht es dort ganz zentral. Sicher, Männer glauben an den gleichen Gott, an dieselbe Botschaft des Jesus von Nazaret. Aber: Männer sind genauso wie Frauen gesellschaftlich geprägt. Und da ist es gut, dass sie in der Seelsorge auch mal unter sich sind. Deshalb plädiere ich weder für ein Abschaffen von Frauengruppen noch von Männergruppen. Im Gegenteil: Ich wünsche mir mehr Männerseelsorge.
Das landläufige Wort von der „Männerkirche“ ist Gift für die Männerseelsorge. Denn es suggeriert, Männer prägten die Kirche. Das mag für die Minderheit der geweihten Männer auf der Leitungsebene zutreffen. Bei der Mehrheit der Katholiken und Katholikinnen sind es indes Frauen, die das Gemeindeleben prägen, weil die Männer von der Bildfläche verschwinden.
Wie aber lässt sich diese Entwicklung aufhalten? Ich finde: durch eine gute Männerseelsorge. Durch Angebote, die zu Männern passen. Neulich hat mir jemand von einer Erntedank-Aktion erzählt, bei der von einem elektrischen Lastenroller Äpfel verschenkt wurden. Die angesprochenen Männer fragten nach der Technik des Rollers, die Frauen nach der Apfelsorte. Zugegeben ein simples Beispiel. Aber es zeigt, dass es Unterschiede gibt. Und um die geht es.
Was tun? Vor allem eins: Die Männer fragen: Was braucht ihr? Wo und wie wollt ihr euch engagieren? Die Wünsche können sich mit Klischees decken, die mit Männern in Verbindung gebracht werden, etwa: zusammensitzen und sich beim bei Bier austauschen. Ich finde das in Ordnung. Entscheidend ist aber, was gewünscht wird.
Zu einer bunten Kirche gehören auch Männer mit ihrem eigenen Glaubensweg. Ich würde mich auch freuen, wenn es neben Maria 2.0 etwas Vergleichbares auf Männerseite gäbe. Josef 2.0. Die Kirche braucht Vielfalt, um vielen „Heimat“ zu bieten.

Hans-Joachim Stoehr, Redakteur 
 

CONTRA

Männerschmerz“ – „Der gekränkte Mann“ – „Den Vater zur Welt bringen“ – „Mann! Bin ich jetzt alt?“ Alles Überschriften von Treffen und Kursen der katholischen Männerseelsorge. Antworten auf gestellte Fragen werden gesucht auf Segeltörns, an Lagerfeuern, auf Nachtwanderungen oder beim Bogenschießen oder Skulpturenmeißeln.
Was daran „katholisch“ ist? Na, dass sich Getaufte treffen, um über ihr Suchen und Finden zu erzählen, ihren Identitäten nachzuspüren. Und wenn dann auch mal ein ausgesprochen religiös motiviertes Angebot dabei ist, umso treffender.
Generell sollen Angebote der Männerseelsorge nach dem Wunsch der Bischofskonferenz dazu  „ermutigen, das Mannsein zu entfalten“.
Soweit, so blumig.Ich habe imGrunde gar nichts gegen all die Angebote. Es ist immer gut, wenn Menschen Rat und Hilfe finden, wenn sie Gemeinschaft erleben, wenn sie ins Tun kommen statt einsam Trübsal zu blasen. Da muss auch nicht über jedem Kurs in Großbuchstaben „Jesus treffen“ oder „Gott spüren“ drüberstehen.
Womit ich aber zunehmend meine Probleme habe, ist die ins Endlose wachsende Nischenseelsorge. Unlängst habe ich mal aufgeschrien, wann denn endlich die Sonderseelsorge für den heterosexuell zurückbleibenden Mann kommt. Ein Bischofsvikar sollte wenigstens dafür erwählt werden.
Aber im Ernst: Communio. Volk Gottes unterwegs. Gemeinschaft der Getauften und Gefirmten. Aber statt gemeinsam Gemeinde zu sein und den Glauben zu feiern, bleiben immer mehr Grüppchen unter sich. Verharren in ihrer Blase. Und die zuständigen Seelsorgenden haben eine Nische gefunden, in der sie sicher engagierte und gute Arbeit machen, aber die Pastoral für alle, Seelsorge in der Fläche, Arbeiten in einer normalen Pfarrei, die kommt zu kurz.
Kann man ja mal drüber nachdenken, wie sich die Brücken bauen lassen über all den Nischen.

Johannes Becher, Redaktionsleiter