04.05.2021

Alte Mauern – neues Leben

Mauerreste und Mythen

„Alte Mauern – neues Leben“: Einmal im Monat führt die Reiseseite der Kirchenzeitung zu Stätten, an denen kirchliches Leben blühte. Heute geht es auf den Beselicher Kopf, einen Hügel in der Nähe von Limburg. Dort gab es einst ein altes Nonnenkloster. Und bis heute lockt eine Wallfahrtskapelle die Menschen aus der Region zum Gebet hier hinauf.


Die steinernen Überreste des ehemaligen Klosters künden vom Verfall.


Der Beselicher Kopf ist mit 296 Metern die größte Erhebung der Gemeinde Beselich. Ein kleines Sträßchen, gut befahrbar, führt dort hinauf. Der erste Blick fällt auf die im Jahr 1767 geweihte Wallfahrtskapelle Maria Hilf. Erbaut wurde sie zu Ehren der 14 Nothelfer. In der Ferne sind im Nebel uralte Steinmauern  zu erkennen. Überreste der sagenträchtigen Klosterruine Beselich ragen auf dem Hügel in den fahlen Himmel.
Der Beselicher Kopf ist ein schönes Wandergebiet. Ringsum nichts als Wiesen und kleine Wäldchen. Eines davon liegt unmittelbar an der Klosterruine. Schmale Pfade führen an tiefen Schluchten entlang. Drei Drachen, geschnitzt aus alten Baumstämmen, passen wie selbstverständlich in diese etwas mystisch anmutende Landschaft. Die denkmalgeschützte Klosterruine liegt direkt gegenüber des alten Hospitals, dem  heutigen Hof Beselich, der in privater Hand und nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

In Beselich gab es erbitterten Widerstand der Nonnen

Der Heimatkundler Norbert Bandur aus Niedertiefenbach ist ein Mann, den diese Stätte und das gesamte Ensemble von Kind an fasziniert. „Das war schon immer ein ganz besonderer Ort für mich“, sagt er. Im Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden existieren fast 300 Urkunden des Klosters. Auch er archiviert seit Jahren alles zu diesem Thema und hält dazu Vorträge und Führungen auf dem Beselicher Kopf. Bandur erinnert sich gern an die historischen Märkte, die dort ab 1985, von ihm initiiert, vom Heimat- und Verschönerungsverein veranstaltet wurden. „Aber wie das so ist, der Verein konnte aufgrund seiner Altersstruktur die viele Arbeit nicht mehr stemmen und den Markt nicht mehr veranstalten“, bedauert Bandur. Lange Jahre, bis zur Auflösung im Juli 2019, war er auch im Vorstand des Vereins zur Erhaltung der Klosterruine Beselich tätig. Der Heimatkundler schildert die Anfänge und die Geschichte des Klosters. In seinen Vorträgen berichtet er vom Anfang und vom Ende des Klosters, gegründet in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts. Das klingt dann wie folgt:
Die Gründung und Leitung eines Klosters war immer die Angelegenheit eines Männerklosters. Folglich war ein Nonnenkloster, wie das in Beselich, einem Männerkloster untergeordnet und somit eine Filiale. Es bedeutete, dass im Beselicher Kloster zwar eine Äbtissin, auch Meisterin oder Vorsteherin genannt, gewählt werden durfte, diese aber bei wichtigen Entscheidungen beim Abt von Arnstein um Genehmigung nachsuchen musste. Er hatte beispielsweise das Recht der ersten Bitten. Wenn also eine Schwester ins Kloster aufgenommen werden sollte, hatte er darüber  zu entscheiden. Die Aufsicht durch den Arnsteiner Abt erfolgte mittels eines Priors vor Ort, der den Nonnen den Gottesdienst hielt und der Meisterin beratend zur Seite stand.
In Folge der Reformation kam es etwa ab 1530 zum Niedergang vieler Klöster. Vom Klostersterben war auch Beselich betroffen. Je nachdem, ob der Fürst die neue Religion angenommen hatte oder nicht, wurde versucht, die auf seinem Territorium  gelegenen  katholischen Klöster im Sinne der protestantischen Lehre zu reformieren. In Beselich gab es aber seitens der Nonnen erbitterten Widerstand. Sie haben – urkundlich belegt – geäußert, sie wollten sich eher zerreißen lassen, als sich von dem Pfaffen auf eine andere als die katholische Religion bringen zu lassen.Die Auflösung des Klosters erfolgte um das Jahr 1600. Zuvor waren nur noch wenige Nonnen dort. 1614 stürzte der Kreuzgang durch fortschreitenden Verfall ein.

Bis heute kommen die Pilger zu Ehren Marias zur Kapelle nahe der Klosterruine

Die nahegelegene Kapelle Maria Hilf ist bis heute ein beliebter Wallfahrtsort im Bistum Limburg. Einst siedelte sich dort der Franziskanereremit Leonhardt, mit bürgerlichem Namen Georg Niederstraßen, an. Sein Plan ist es, an dieser Stelle der Gottesmutter Maria eine Kapelle zu errichten. Es gelingt mit Unterstützung der Bevölkerung. Zahlreiche Opfer-Kerzen im Inneren des kleinen Gotteshauses künden davon, dass die Menschen auch heute ihre Anliegen vor die Gottesmutter bringen. Die barocke Innenausstattung ist zu Ehren der 14 Nothelfer entstanden. Ein Waldweg Richtung Obertiefenbach, gut begehbar, ist als Kreuzweg angelegt, entlang kleiner Kapellchen, die dort errichtet sind.

Die Sagen von Schwester Irmina und vom dreibeinigen Hasen

Zwei Sagen ranken sich um das Kloster: die von Schwester Irmina und die vom dreibeinigen Hasen.
Einst warb der Junker Johann aus dem Geschlecht der Reifenberger um die schöne Irmina. Er blies voll heißer Liebe das Horn und sandte so manches Minnelied das Tal der Lahn entlang. Aber Irmina verschmähte ihn und ging zu den Schwestern ins Kloster. Der Junker konnte das nicht fassen und wandte sich den Schweden zu, die alles niederbrennend durch die Lande zogen. Eines Abend ertönt das Horn, und die Schwester ahnt großes Unheil. Der Junker ist zurück, wirbt wieder um Irmina und bietet dem Kloster im Gegenzug seinen Schutz an. Die Schwestern fliehen in die Wälder. Der Junker ruft zur Brandschatzung auf. Ein Blitzen, ein Schrei: Der Junker liegt zu Tode getroffen in Irminas Zelle.
Sage Nummer 2: Auf einem moosigen Stein kann man zur Mittagszeit zuweilen den dreibeinigen Hasen, der seine blutverschmierte Pfote leckt, erblicken. Diesmal ist der Bösewicht ein schwedischer Offizier, der einer der Schwes-tern nachstellt. Sie flieht, erwehrt sich des Wüterichs, der ihr daraufhin mit seinem Schwert einen Fuß abschlägt. Ein plötzlicher Blitz tötet den Angreifer und seitdem muss er als dreibeiniger Hase, verfolgt vom Schatten der Schwester, täglich den Weg von dem Stein zum Klos-ter machen.
All das, diese Mythen, die steinernen Überreste des Klosters und die Wallfahrtskapelle lassen ahnen, wie die Zeiten damals waren. Es ist ein Ort, der gefangen nimmt. Wer einmal hier war, der kommt wieder. Sei es zum Beten in der Kapelle, sei es zum Wandern rund um den Beselicher Kopf oder sei es einfach, um dem Ort und seiner geschichtsträchtigen Vergangenheit in dem schönen Garten vor der Wallfahrtskapelle nachzuspüren.

Von Barbara Faustmann