10.03.2018

Bischof Bätzing gibt Leitwort für die Kirchenentwicklung im Bistum Limburg bekannt

„Mehr als du siehst“

Das Leitwort für die Kirchenentwicklung im Bistum Limburg ist gefunden – aus rund 400 Vorschlägen. Es ist mehr als ein Motto oder ein Schlagwort, schreibt Bischof Georg Bätzing in seinem Hirtenwort zur Österlichen Bußzeit. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut.

Distel im Sonnenaufgang Foto: Adobe Stock
Entdecken, wo etwas Neues wächst: Dafür ist es notwendig, die Perspektive zu wechseln. Foto: Adobe Stock

Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Limburg!


Ostern steht vor der Tür. In wenigen Wochen feiern wir das Fest der Auferstehung unseres Herrn. Dieser erste aller Sonntage in der Geschichte hat die Welt verändert. Er lässt Menschen aufatmen und hoffen, dass Bosheit, Lieblosigkeit, Egoismus, Leid und Schuld und Tod nicht das letzte Wort behalten; denn das hat sich Gott herausgenommen. „Ich will, dass du lebst“, so hat er Jesus im Grab zugerufen, und es ist wahr geworden. Wer wie Jesus sein Leben einsetzt für andere, der verliert nicht, der kann nur gewinnen. Gott steht dafür ein.

Hochherzig auf Ostern zugehen


Mit dem 4. Fastensonntag verändert sich in gewisser Weise die Stimmung in der Vorbereitung auf Ostern. Wir fragen: Wie sollen und wollen wir auf das Fest unserer Erlösung zugehen? Das Tagesgebet beschreibt es: eilend, nicht träge; froh, nicht bedrückt; mit Hingabe, nicht selbstverliebt; gläubig, das heißt: wir rechnen mit Gott; und hochherzig. An diesem letzten Wort bin ich hängen geblieben, denn wir benutzen es nicht oft. Ich merke aber, wie es in mir Vorstellungen wachruft.

Hochherzig – das Gegenteil wäre eng, kleinlich, spießig, miefig; ein Umfeld, in dem niemand gerne lebt, und wo nichts gut gedeiht oder gelingt. „Hochherzig“ meint großzügig, uneigennützig, mitfühlend, edel, selbstlos, hilfsbereit. Ja, Herr, gib deinem Volk einen hochherzigen Glauben. Dann entdecken wir Zukunft.

Damit wir uns dieses Gebet auch wirklich zu eigen machen, zählt die Lesung aus dem Epheserbrief (2, 4-10) geradezu schwärmerisch auf, was Gott alles für uns getan hat. Dabei fällt dreimal das Wort „Gnade“. Es ist wie bei einem Menschen, der begeistert von einem tollen Erlebnis erzählt, sich dabei geradezu überschlägt und zu stammeln beginnt. „Gnade“ ist ein gestammeltes Wort. Tastend sucht es auszudrücken, wie sehr Jesus alle bisherigen Bilder von Gott geweitet und vertieft hat. Gott ist ganz nah, nicht fern. Gott schenkt sich uns, ohne jeden Vorbehalt. Gott nimmt uns unbedingt an, damit wir vertrauensvoll leben und wachsen und uns zum Guten hin ändern. Das alles ist „Gnade“.

Jesus hat der Liebe Gottes ein Gesicht gegeben


Jesus bringt es im Evangelium auf den Punkt: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Johannes 3, 16). Mehr geht nicht. Mehr Einsatz ist unvorstellbar. Jesus hat der Liebe Gottes ihr unverwechselbares Gesicht gegeben, als er gütig auf die Armen und Schwachen, die Kranken und Sünder zuging. So hochherzig ist unser Gott. Er hat sich geradezu verausgabt in seiner Menschenfreundlichkeit, sodass er nun überall zu finden ist, wo Menschen sind. Das mag uns beschämen, denn uns wird aufgehen, wie begrenzt wir selbst darin sind, andere wirklich zu lieben. Und tatsächlich ruft Jesus uns mit seinem Lebenseinsatz in eine ernste Entscheidungssituation: Will ich diese Liebe Gottes annehmen? Trete ich ins volle Licht und lasse es zu, dass dabei auch meine Schattenseiten sichtbar werden? Oder verkrieche ich mich aus Angst und ziehe mich zurück in mich selbst? Das entscheide ich. Jesus kann nur werben. Wenn Gott sich so hochherzig zeigt, sollte es uns da nicht gelingen, unsere inneren Widerstände und Vorbehalte zu überwinden und Vertrauen zu wagen? Mit Jesus an der Seite ist mehr möglich, als du ahnst.

Entwicklung gehört zum Wesen der Kirche

Bischof Georg Bätzing Foto: Bistum Limburg
Bischof Georg Bätzing
Foto: Bistum Limburg


Liebe Schwestern und Brüder, in unserem Bistum stellen sich viele die Frage, wie wir in Zukunft Kirche leben können. Was wird tragen, wenn wir ehrlich akzeptieren, dass vieles von dem, was wir gewohnt waren und was wir schätzen, zu Ende geht? Seitdem im Sommer vor zwei Jahren bei einer Pastoralwerkstatt in Hofheim hunderte Interessierte zum Austausch von Erfahrungen zusammengekommen sind, hat sich für diese Bewegung auch in unserem Bistum der Begriff „Kirchenentwicklung“ eingebürgert. Immer mehr Gläubige in unseren Pfarreien, in den Verbänden und Gruppierungen begnügen sich nicht mehr damit, auf den zunehmenden Mangel zu starren und zu betrauern, was alles nicht mehr geht und funktioniert. Sie wechseln die Perspektive und entdecken, wo etwas Neues wächst. Der Geist Gottes schenkt ja auch heute Begabungen, durch die Menschen zusammengeführt werden. Und in den Pfarreien neuen Typs eröffnen sich anders als bisher Chancen, mit Menschen von heute in Kontakt zu kommen und mit ihnen über die Frohe Botschaft von Jesus Christus zu sprechen. Denn es reicht nicht, einfach nur das Bisherige in einer neuen Struktur fortzuführen.

Bei Besuchen und Gesprächen erlebe ich, wie die Fragen sich allmählich verändern und eine neue Sicht auf die Kirche öffnen: Für wen sind wir da? Wie können wir beitragen, dass Menschen ein erfülltes Leben finden? Wo wachsen Glaube und Gerechtigkeit, Frieden und Wahrhaftigkeit, Vertrauen und Freiheit – die Anzeichen des Reiches Gottes? Viel seltener höre ich die ängstlichen Fragen von früher: Wo bleiben wir denn? Und was wird aus uns?
Der Horizont wird weiter, und es zeigt sich: Kirche lebt, denn Gott ist mitten in der Welt gegenwärtig und nimmt an unserem Leben Anteil. Kirche wächst, weil wir uns einlassen auf unsere Zeitgenossen. Kirche entwickelt sich, wenn sich viele Getaufte und Gefirmte einbringen können. Eine Kirche, die im Glauben wächst, wandelt sich zusehends von einer Volkskirche hin zur Kirche des Volkes Gottes, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil beschrieben hat. Das macht mich zuversichtlich. Und dafür sehe ich ermutigende Anzeichen.

Großer Zuspruch bei der Namensfindung


Eines davon ist für mich das überraschend große Interesse daran, ein Leitwort zu suchen, das uns im Bistum Limburg bei der Kirchenentwicklung Orientierung gibt. Unter der Überschrift „Gebt der Zukunft einen Namen“ hatte ich eingeladen, sich zusammenzutun, um ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, was Kirchenentwicklung für uns ist und worum es dabei im Kern geht. Die eigenen Erfahrungen mit dem Glauben waren dabei wichtig, aber ebenso das Gespräch mit denen, die mit Kirche gar nicht so viel verbinden. Als guter Rahmen hat sich ein geistliches Gespräch bewährt, bei dem wir im Bewusstsein zusammen sind, dass Gott ja bei uns ist und uns führt. Viele haben die Heilige Schrift aufgeschlagen und sich von Gottes Wort ansprechen lassen. In solchen Gesprächsgruppen habe ich selbst erlebt, wie sich die Atmosphäre unter uns verändert hat. Wir wurden aufmerksam, mehr hörend als diskutierend, haben nicht angestrengt gesucht, sondern gefunden, was sich uns als verbindend gezeigt hat.

Fast 400 Vorschläge für ein Leitwort wurden zusammengetragen. Neben Einzelpersonen haben sich an die 100 Gruppen beteiligt: Ortsausschüsse, Pfarrgemeinderäte, Nachbarschaftsgruppen, Jugend- und Erwachsenenverbände, Fachstellen, Schülergruppen, Ordensschwestern, Familien, Pastoralteams, Bezirksbüros, Bistumseinrichtungen und diözesane Gremien, darunter auch der Rat der Gemeinden von Katholiken anderer Muttersprachen. Einige haben mich persönlich angeschrieben und davon berichtet, wie lebendig sie diesen Austausch empfunden haben. Mehr als 2000 Personen haben mitgewirkt. Das berührt mich sehr. Herzlichen Dank Ihnen allen für dieses Engagement. Daraus wird unserem Bistum auf dem Weg in die Zukunft Segen zuwachsen; dessen bin ich mir sicher.

Frucht eines geistlichen Beteiligungsprozesses


Die Gruppe, die eine Auswahl zu treffen hatte, war sich bewusst: Hier geht es um mehr als ein Motto oder ein Schlagwort. Davon hat es in der Vergangenheit etliche gegeben. Hier haben wir die Früchte eines geistlichen Beteiligungsprozesses vor uns, bei dem Menschen sich ausgetauscht haben, was ihnen im Glauben wichtig ist, wie sie dem Willen Gottes für unsere Zeit nachspüren und welches Kirchenbild in Zukunft trägt. Wie viele andere zuvor, hat sich die Auswahlgruppe durch Worte des Propheten Jesaja (43, 14.18-19) ermutigen lassen: „So spricht der Herr, euer Erlöser, der Heilige Israels: Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“
Daraufhin haben wir alle eingereichten Vorschläge gesichtet, miteinander bedacht, verglichen und besprochen – und am Ende einmütig eine Wahl getroffen. Irgendwie hatten wir das Gefühl: Wir mussten nicht angestrengt suchen, das treffende Wort hat uns gefunden. Dementsprechend gelöst war die Stimmung. „Mehr als du siehst. Kirchenentwicklung im Bistum Limburg“ – so heißt das Leitwort für die kommenden Jahre.

Ein Leitwort für die Kirchenentwicklung


„Mehr als du siehst.“ Jetzt schon beginnt dieses Leitwort in mir zu wirken. Ich ahne, es betrifft unsere Sehgewohnheiten und es will sie verändern. Gegenüber einer Sehschwäche, die nur auf Mangel und Abbruch fixiert ist, weckt es Neugier und Entdeckerfreude. Es spornt an, mutig von Gott und vom Glauben zu sprechen. Ich finde, es ist ein hochherziges Wort. Aber ich will nun nicht den Fehler machen, Ihnen Deutungen vorzugeben. Sie, liebe Schwestern und Brüder, haben mir und dem Bistum Limburg dieses Leitwort geschenkt. Dafür danke ich Ihnen noch einmal. Ich darf es Ihnen nun zurückgeben. Gehen Sie im persönlichen Glauben damit um. Leben Sie mit diesem Wort in den kirchlichen Zusammenhängen, in denen Sie stehen. Erkunden Sie miteinander, was alles darin steckt und wohin es Sie führt. Ich freue mich darauf, bei künftigen Besuchen und Begegnungen von Ihren Erfahrungen zu lernen. Ich möchte Sie jetzt schon auf die Kreuzwoche hinweisen, in der die verschiedenen Angebote zum Austausch über das Leitwort einladen. Gott ist unsere Zukunft. Jesus – Weg, Wahrheit und Leben für uns – wirkt in seiner Kirche. Er entwickelt sie. Und sein Heiliger Geist wird uns helfen, das zu erkennen.

Auf dem Weg nach Ostern segne und behüte Sie alle der dreifaltige Gott, der + Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.


Limburg, zum 4. Fastensonntag 2018
Ihr Bischof