18.03.2021

Ein pastorales Experiment 1971

Mess-Festival Hofheim– Rückblick auf einen Skandal

Mehr als 650 Jugendliche sind vor 50 Jahren – im Juni 1971 – der Einladung von Jugendpfarrer Herbert Leuninger und dessen Team zum „Mess-Festival“ nach Hofheim gefolgt. Das pastorale Experiment mit Liturgie, Agapefeier und Tanz sorgte im Bistum Limburg für einen handfesten Skandal.


Liturgie und geselliges Beisammensein beim „Mess-Festival“ in Hofheim – vor 50 Jahren.

 

Von Christoph Müllerleile
Es sollte ein normaler katholischer Jugendgottesdienst werden. Und doch entwickelte sich das „Mess-Festival“ vom 13. Juni 1971 zu einem Skandal, der nicht nur den Bezirksjugendpfarrer sein Amt kostete, sondern auch als Hebel benutzt wurde, einen dem innerkirchlichen Fortschritt zugetanen Limburger Bischof um sein Amt zu bringen.
Lange war es still um das Ereignis, das vor 50 Jahren das Bistum erschütterte. Nach gründlicher Aufarbeitung der Fakten erscheint es in anderem Licht. Der Frankfurter Kirchenhistoriker Joachim Werz sieht es in einer in diesen Tagen erscheinenden Studie als „herausragendes Beispiel pastoraler und liturgischer Versuche kirchlicher Jugendarbeit dieser Zeit“ und als „zentralen Erinnerungsort“ der Identitätsbildung des jungen Bistums, von dem aus spätere Geschehnisse und Konflikte in der Bistumsgeschichte erschlossen und interpretiert werden müssten.

Fünfstündiges Ereignis: kreativ und missionarisch

Es kam einiges zusammen, um dem Festival die Bedeutung zu geben, die ihm inzwischen zugemessen wird. Anfang der 1970er-Jahre holte die in Frankfurt besonders virulente 1968er Studentenbewegung die katholische Jugend ein. Das überraschte die mit den Nachwirkungen des Zweiten Vatikanischen Konzils beschäftigten Verantwortlichen in den Kirchengemeinden und deren 1969 erstmals gewählte Pfarrgemeinde- und Verwaltungsräte, die noch mitten im Selbstfindungsprozess steckten, mit ungewohnter Aufsässigkeit. Die Geistlichen in den Pfarrgemeinden waren verunsichert, und konservative Gruppierungen wie die „Bewegung für Papst und Kirche“ und der „Pastoraltheologische Arbeitskreis“ bekamen Zulauf.
An die Spitze des Fortschritts wollte sich der 1970 von Bischof Wilhelm Kempf frisch ernannte Jugendpfarrer des Bezirks Main-Taunus, Herbert Leuninger (damals 39), setzen. Mit einem Team junger Leute von der Bezirksleitung des BDKJ bereitete er wochenlang einen Jugendgottesdienst neuen Stils vor, der in Kriftel im Freien stattfinden sollte, wegen des schlechten Wetters jedoch in die Hofheimer Pfarrkirche St. Bonifatius verlegt wurde.

Kirche einer "entfremdeten Jugend näherbringen

Mess-Festival Hofheim 1971
Pfarrer Herbert Leuninger als Zelebrant im Mittelpunkt des "Mess-Festivals"

Bei dem fünfstündigen Mess-Festival sollte, so der damalige Mitorganisator Johannes Borgetto, wie in den Anfängen des Christentums die Eucharistie mit einer Agape verbunden sein und der Liebe zum Nächsten Ausdruck verleihen. Es war in der Vorstellung des Teams und des Bezirksjugendpfarrers über den Gottesdienst hinaus an die „Herstellung von Gemeinschaft mit kreativen und missionarischen Funktionen“ gedacht. Die Kirche sollte einer sich entfremdenden Jugend nähergebracht werden.
Der Jugendgottesdienst zog 650 Jugendliche und einige wenige Erwachsene an, darunter eine dreiköpfige Beobachtergruppe des Bischofs, bestehend aus seinem persönlichen Referenten Werner Böckenförde, Diözesanjugendpfarrer Rolf Lutter und Gemeindepfarrer Otto Latzel, der zuvor Bezirksjugendpfarrer im Hochtaunuskreis war. Diese kamen danach zu einem durchaus positiven Urteil.
Der Ablauf des Jugendgottesdienstes war nicht ungewöhnlicher als der von vielen anderen Jugendmessen dieser Zeit: Live-Bands, Plenumsdiskussionen, Lesungen, Fürbitten, Kommunion, anschließend fröhliches Feiern. Doch im Unterschied zu anderen stand auch Bier auf den Kirchenbänken, wurde vereinzelt geraucht, gesungen, geschmust und ständig herumgelaufen. Der Übergang vom eucharistischen Mahl mit geweihtem Weißbrot, das als Kommunion unterschiedslos allen gereicht wurde, zur Agape mit Würstchen, Toastbrot und Limonade war fließend.  

Der Nuntius wollte die Absetzung des Bischofs

Das Hessische Fernsehen dokumentierte das Geschehen. Ich selbst war als Lokaljournalist und Pressefotograf eher zufällig dabei. Dafür, dass das Ereignis zum Skandal wurde und bundesweite Aufmerksamkeit erregte, sorgte der anwesende Pfarrer Hans Milch aus dem benachbarten Hattersheim. Er informierte die Bild-Zeitung, alarmierte seine Mitbrüder vom „Pastoraltheologischen Arbeitskreis“, die Gremien der umliegenden Pfarrgemeinden und beschuldigte Bischof Kempf der Duldung von Blasphemie. Der eilte nach Hofheim, versuchte die Bonifatius-Gemeinde im nächsten Sonntagsgottesdienst mit einer verständnisvollen Predigt zu beschwichtigen, sprach mit dem am Gottesdienst beteiligten Klerus und traf sich wenig später mit etwa 200 Jugendlichen zum Gespräch.
Bezirksvikar Leuninger musste gehen, fand aber im Ordinariat als Migrationsreferent des Bischofs zu seiner eigentlichen Berufung. Bischof Kempf ließ wissen, dass er dem Mess-Festival keine weitere Verbreitung wünsche. Wegen seiner toleranten Haltung in seelsorglichen Fragen geriet er dennoch ins Visier des Nuntius Corrado Bafile, der zwei Jahre später, auch unter Hinweis auf Hofheim, vergeblich auf seine Absetzung hinwirkte.

Zitiert

Die persönliche Erinnerung von Christoph Müllerleile:

"Ich fand Pfarrer Leuninger ziemlich mutig und war überrascht, wie viele Jugendliche damals auf der Suche nach einer ihren Vorstellungen entsprechenden Spiritualität nach Hofheim gekommen waren und mit welchem Ernst sie mitmachten. Als BDKJ-Vorsitzender in Oberursel im benachbarten Hochtaunuskreis hatte ich so etwas noch nicht erlebt. Bei uns ging die Tendenz dahin, dass ein Teil der katholischen Jugend die kirchliche Jugendarbeit in Richtung linker Gruppen verließ, ein anderer die alten Strukturen vorsichtig reformieren wollte und gegen Pfarrer rebellierte, die sich vorkonziliar gebärdeten. Aber selbst den Rebellen in meiner Umgebung schien das Messfestival zu gewagt. Als Leuninger darüber ein Buch schreiben wollte, gab es etliche Jugendvertreter, die um Bischof Kempf bangten und froh waren, dass das Werk auf Geheiß des Bischofs nicht zustande kam."

Heute gibt es ein ganz neues Buch über das "Mess-Festival":

Buchtipp: Joachim Werz: Das Hofheimer Mess-Festival 1972 – Ein Erinnerungsort für das Bistum Limburg,
Aschendorff Verlag, 354 Seiten, 29 Euro