20.07.2020

Lesung zum 19. Juli

Milde und Strenge

Weil Gott über Stärke verfügt, richtet er mit Milde und Nachsicht, heißt es im Buch der Weisheit. Taugt das auch für Erziehung? Oder ist Nachsicht ein Zeichen von Schwäche? Fragen an den Jesuiten und Lehrer Klaus Mertes.

Der Jesuit Klaus Mertes
Mit erhobenem Zeigefinger? Der Jesuit und Schulleiter Klaus Mertes will mit Nachsicht, aber Klarheit leiten.

Pater Mertes, sind Sie ein nachsichtiger Schulleiter?

Ja, naja ...  doch, ich glaube schon. Nachsichtig bin ich zumindest in der Hinsicht, dass ich Krummes auch mal gerade sein lasse, wenn ich das für sinnvoll halte.

So wie Jesus im Gleichnis Unkraut erst mal wachsen lässt.

Eine meiner Lieblingsstellen. Friedrich Spee benutzte sie als Hauptargument gegen die Hexenprozesse. Jeder, der Strafvollmacht hat, muss wissen: Wer das Gericht Gottes selbst vollstrecken will, schafft Unrecht. Schlimmer als die Sünden sind oft Strafen, die sich Menschen für Sünden ausdenken. 

Würden Ihre Schüler das auch so sagen, dass Sie milde sind?

Nein, was ich von denen höre, ist eher, dass ich streng bin.

Ist das nicht ein Widerspruch?

Ich finde nicht. Ich meine, der Gegensatz von Nachsicht ist Härte. Das hieße, dass ich jede Regel jederzeit knallhart durchsetze. Was meine Schüler Strenge nennen, das nenne ich Klarheit. Dass ich sehr klar bin in meinen Grundsätzen und in meinen Entscheidungen. Das können auch Entscheidungen sein, die wehtun.

Sie sagen, dass Sie nicht jede Regel knallhart durchsetzen: Was heißt das konkret?

Ein Beispiel. Nehmen wir an, ein Internatsschüler hat sich betrunken, also die Alkoholregel gebrochen. Vielleicht hat er sich sogar mit hartem Alkohol betrunken. Dann müsste ich ihm mindestens eine Verwarnung geben oder ihn gar ausschließen. Ich nehme mir aber die Freiheit, auf diesen speziellen Schüler und seine Situation zu schauen. Vielleicht haben sich gerade seine Eltern getrennt oder er steckt in einer schweren Krise. Das beziehe ich in meine Entscheidung mit ein.

Wird diese Milde von allen verstanden?

Nein, oft nicht. Viele in der Schulöffentlichkeit verlangen sogar Härte. Aber ich lasse mir von der Schulöffentlichkeit nicht diktieren, wie ich im Einzelfall entscheide. Ich bin auch nicht rechenschaftspflichtig darüber, wie ich diese Ausnahme begründe, denn ich bin ja zur Diskretion verpflichtet, was die persönliche Situation des Schülers betrifft.

Also wie in der Bibel aus einer gewissen Stärke heraus?

Ja, das halte ich tatsächlich für ein Zeichen von Stärke, wenn jemand anders entscheidet, als die Öffentlichkeit das erwartet. Das gilt übrigens auch andersherum, wenn zum Beispiel ein äußerst beliebter Schüler immer wieder schwächere oder jüngere Schüler piesackt und auch nach einer Verwarnung nach außen freundlich tut, aber trotzdem nicht aufhört und mich hintenherum provoziert. Dann schicke ich diesen Schüler auch dann nach Hause, wenn viele seiner Freunde kommen und sagen: „Der muss doch bleiben!“ Stärke heißt in diesem Fall, auch damit leben zu können, sich unbeliebt zu machen.

Keine Nachsicht um jeden Preis?

Nein, Milde, die nur mild ist, wird dem Leben nicht gerecht – und zwar in doppelter Hinsicht. Zum einen wird es Opfern nicht gerecht, die zum Beispiel von diesem Schüler gequält werden. Es wird aber auch dem jungen Mann nicht gerecht, der ja mal erleben muss, dass Gewalt und sich Verstecken kein Weg ist, der funktioniert. Da müssen Machtfragen geklärt werden. Er muss die Illusion verlieren, er könne machen, was er will, und es habe keine Konsequenzen. Nein, da muss jemand Konsequenzen spüren, sonst ist es auch für ihn nicht gut.

Gilt das, was für die Leitung einer Schule gilt, auch für die Leitung der Kirche?

Auf jeden Fall – und zwar in beide Richtungen. Was die Milde betrifft, würde ich noch den Begriff Wohlwollen ins Spiel bringen. Auch wenn jemand eine abweichende Meinung vertritt, sollte etwa der Papst da erst mal wohlwollend rangehen. Unter Papst Johannes Paul II. erschien es mir oft so, dass über Widerspruch gleich ein moralisches Urteil gefällt wurde. Also klare Entscheidungen natürlich, aber in der Haltung des Wohlwollens.

Aber auch in der Kirche gibt es Grenzen der Milde.

Ja, und da sind wir dann doch wieder beim Thema Missbrauch gelandet. Da geht es eben gar nicht, Milde und Nachsicht gegenüber Tätern walten zu lassen. Und dann noch mit Härte auf Opfer draufzuschlagen, die sich öffentlich und unbequem äußern. Also das Störende wird mit Härte zurückgewiesen, aber die Täter werden mit Milde behandelt. Das ist ein Grundfehler. 

So groß ist der Unterschied zur Schule also nicht.

Nein. Und wie bei dem Beispiel mit dem Schüler wird ständige Nachsicht ja auch hier den Tätern nicht gerecht. Sie in Selbstgewissheit zu wiegen, dass das ja alles nicht so schlimm ist, lässt sie später umso tiefer fallen. Sie müssen die bittere Pille rechtzeitig schlucken. Und wie in der Schule denke ich: Diese Art von Milde ist Schwäche aus der Angst heraus, sich unbeliebt zu machen.

Nun spricht die Lesung aus dem Buch der Weisheit ja von Gott, seiner Stärke und seiner Milde. Ist das überhaupt auf Menschen zu übertragen?

Da möchte ich in zwei Richtungen antworten. Zum einen heißt es im Epheserbrief: Ahmt Gott nach! – natürlich in menschlichem Maßstab. Andersherum darf man nicht vergessen, dass die Bibel durchaus menschliche Tugenden auf Gott überträgt. Das, was wir unter Menschen erleben, projizieren wir auch auf Gott. Aber wir müssen die Ehrfurcht wahren und nicht meinen, damit alles über Gott gesagt zu haben. Ganz sicher ist Gott nicht nur milde, sondern auch kraftvoll und entscheidungsstark, einer, der die Täter richtet und die Opfer schützt.

Suanne Haverkamp