27.04.2021

Wort des Bischofs von Mainz, Peter Kohlgraf

Mit Trennung nicht abfinden

Brot und Wein: Protestanten empfangen das Abendmahl, Katholiken die heilige Kommunion. Wie schmerzlich diese Trennung ist, zeigt Bischof Peter Kohlgraf im „Wort des Bischofs“ an einem tragischen Beispiel aus der NS-Zeit.



 

Der 3. Ökumenische Kirchentag ist Ausdruck des christlichen Miteinanders, betont Bischof Peter Kohlgraf. Auch wenn die volle Kirchengemeinschaft noch nicht verwirklicht ist.

 

Nach langen Jahrhunderten der Streitigkeiten zwischen den Konfessionen, in Deutschland besonders zwischen evangelischen und katholischen Gläubigen, leben wir seit einigen Jahrzehnten im Bemühen der Annäherung, der Freundschaft und des gegenseitigen Verstehens. Der Ökumenische Kirchentag in Frankfurt vom 13. bis 16. Mai 2021 ist ein starker Ausdruck des christlichen Miteinanders, auch wenn wir ihn größtenteils in digitaler Form gestalten müssen. In diesen Zeiten ist deutlich: Unseren Auftrag der Verkündigung des Evangeliums können wir nicht gegeneinander, sondern nur miteinander verwirklichen. Wir stehen für den einen Gott, der sich in Christus offenbart hat und uns im Heiligen Geist nahe bleibt. Wir lassen uns von ihm begeistern und senden. Uns verbindet die eine Taufe, das eine Glaubensbekenntnis und das gemeinsame Gebet. Das sind starke Bande, auch wenn die volle Kirchengemeinschaft noch nicht verwirklicht ist.
Mitte April war ich zu einem (digitalen) Festakt und zu einem Gottesdienst in Worms eingeladen, die an den Reichstag von Worms 1521 erinnerten. Damals verweigert Luther den geforderten Widerruf. Er folgt seinem Gewissen und bekennt sich zur Freiheit des Christenmenschen. Heute können wir eines solchen Ereignisses gemeinsam gedenken, denn der Glaube an Christus, die Liebe zu ihm verpflichtet uns alle. In meinem Grußwort im Gottesdienst habe ich Papst Franziskus zitiert: Ökumene heute zeichnet sich dadurch aus, dass Gläubige „sich begegnen, gegenseitig in das Gesicht sehen, einander den Friedenskuss geben, füreinander beten“ – und natürlich miteinander beten, so wie wir es beim zumeist digitalen Kirchentag tun. Der Papst sagt ausdrücklich, dass dies mindestens genauso wichtig sei wie die Diskussion über theologische Inhalte und Ideen, auch wenn die theologische Kärrnerarbeit weitergeführt werden muss.
Den Glauben an Christus leben und bezeugen – das ist der gemeinsame Auftrag. Vor kurzem las ich eine Biographie über Sophie Scholl, die zusammen mit ihrem Bruder Hans Scholl und Christoph Probst am 22. Februar 1943 in München-Stadelheim durch das Fallbeil sterben musste. Sie hatten als christlich motivierte junge Menschen dem Nationalsozialismus Widerstand geleistet. Schnell wurden sie nach der Verhaftung zum Tode verurteilt, das Urteil wurde bald vollstreckt.
Die Scholl-Geschwister waren evangelisch, Christoph Probst ließ sich im Gefängnis katholisch taufen, alle waren ihren Kirchen verbunden. Sie haben gemeinsam Widerstand geleistet, innerhalb von fünf Minuten sind alle drei ermordet worden. Vor der Hinrichtung jedoch haben sie getrennt die „Wegzehrung“ empfangen: Christoph Probst die heilige Kommunion, die Scholl-Geschwister das Abendmahl. Da wird für mich die Trennung der Konfessionen schmerzlich greifbar. Im Bekenntnis und im Tode eins, aber im Empfang des Sakraments war keine Gemeinschaft möglich. Mit dieser Trennung dürfen wir uns nicht abfinden. Ich bin überzeugt, dass der reale Christus bei allen in dieser Stunde gegenwärtig war. Es scheint mir völlig klar: Auch die beiden evangelischen Gläubigen Hans und Sophie Scholl waren von der tatsächlichen Gegenwart des Auferstandenen überzeugt, wurden von ihm tatsächlich berührt und in das ewige Leben begleitet wie auch der katholische Christ Christoph Probst. Solche Zeugnisse zeigen mir, dass es um mehr geht als um den Streit um Theorien und um große Theologie.

Ihr Bischof Peter Kohlgraf