28.10.2020

Im Interview mit Hermann-Josef Große Kracht

„Es geht auch ohne Wachstums-Mantra“

Die Welt in der Dauerkrise: Als eine zentrale Ursache gilt vielen unsere Art des Wirtschaftens. Auch Papst Franziskus fordert hier eine radikale Wende. Der Theologe und Sozialethiker Hermann-Josef Große Kracht von der Technischen Universität Darmstadt sieht tatsächlich gerade gute Chancen für Neues.

Es gibt verstärkt Kritik am vorherrschenden Wirtschaftssystem. Seit den 1980-er Jahren, spätestens seit dem Niedergang des Sozialismus, hat sich etwa hierzulande die soziale Marktwirtschaft eher in Richtung Neoliberalismus bewegt. Vor dem Hintergrund der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen weltweit und der Spaltung von Gesellschaften in Arm und Reich drängt sich der Eindruck auf: Es darf kein Weiter-so geben. Vielmehr: Ein neues (wirtschaftliches) Denken müsste her.

Hermann-Josef Große Kracht ist
Professor an der TU Darmstadt.
Foto: privat

Ja, dieser Eindruck hat sich in den letzten Jahren wirklich festgesetzt, und das ist ein wichtiger Fortschritt. Seit den 1970-er-Jahren – mit dem aufrüttelnden Bericht des Club of Rome – wissen wir ja um die massive Naturzerstörung und die bedrohten ökologischen Grundlagen unserer bisherigen Wirtschaftsweise.

Und wir wissen auch, dass diese Wirtschaftsweise nicht von selbst „Wohlstand für alle“ herbeiführt, sondern oft auch mit gefährlichen sozialen Spaltungsprozessen einhergeht. Dass wir wirtschaftlich und sozial ein neues Denken und Handeln brauchen – diese Einsicht ist mittlerweile Gott sei Dank in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Schon in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ aus dem Jahr 2013 sagt Papst Franziskus: „Diese Wirtschaft tötet“. In seiner neuen Enzyklika wiederholt er diesen Satz in ähnlicher Form. Im Grunde zieht sich diese Kritik, auch an einer einseitigen Globalisierung, durch den ganzen Text. Müsste man sich nicht auch in der Kirche mehr mit dem Thema beschäftigen? Gibt es ein innerkirchliches Desinteresse daran?

Nein, ich würde nicht von einem innerkirchlichen Desinteresse an der päpstlichen Soziallehre sprechen. Gerade die ersten sozialen Rundschreiben von Papst Franziskus haben ja eine enorme öffentliche Resonanz erzielt, innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche.

Aber es gibt nicht zufällig den kritischen Satz eines amerikanischen Jesuiten, dass die katholische Soziallehre das „bestgehütete Geheimnis des Vatikan“ sei. Wie auch immer: Viele Bischöfe könnten sich meines Erachtens viel stärker auf die wirtschafts- und gesellschaftskritischen Grundzüge der päpstlichen Soziallehre beziehen, aber viele Kirchengemeinden, Basisgruppen und Sozialverbände in der katholischen Kirche sind hier schon sehr aktiv und arbeiten mit an einem Klima gesellschaftlicher Veränderungsbereitschaft. Was Sie sagen, macht Mut. Doch oft hört man, dass „dicke Bretter gebohrt“ werden müssen, um andere zu überzeugen. Auch kommen Menschen in Krisenzeiten wie aktuell an ihre Grenzen. Da ist eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum nächsten Unverpackt-Laden schnell wieder runter von der Agenda. Wie können Engagierte da dranbleiben? Tja, Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.

Mitunter gibtes bei kirchlich engagierten Menschen einen Hang, sich allzu sehr unter Druck zu setzen, als hänge die Rettung der Welt allein von einem selbst ab. Dabei wird oft übersehen, dass es mittlerweile schon eine recht starke globale Bewegung zu einem ökologisch-sozialen Umsteuern gibt, die wahrscheinlich weiter wachsen wird. Und da darf man auch einmal eine Pause vom eigenen Engagement einlegen.

Wichtiger ist es, angesichts der dramatischen – und langwierigen – Probleme nicht in Resignation zu verfallen, als könne man eh nichts mehr machen. Gerade Papst Franziskus betont ja immer wieder, dass man immer etwas tun kann und dass auch kleine Schritte wertvoll und hilfreich sind.

Das hieße, mit den Kräften haushalten und schauen, wo bereits Bewegungen stark sind. Man könnte sich also besser zusammenschließen, so wie ich Sie verstehe. Genau das betont Franziskus in seiner Enzyklika: Mehr gemeinschaftliches Denken statt der vielen Einzelinteressen. Letztere sind ja eine Prämisse unseres Wirtschaftsmodells und des Liberalismus. Aber Kirche ist Gemeinschaft. Wie können Christen das gemeinschaftliche, geschwisterliche Element stärker in unsere Gesellschaft, die sich als pluralistisch versteht, einbringen?

Dass die Ideen von Gemeinschaft und Solidarität mittlerweile wieder einen guten Klang in der Gesellschaft haben, hängt zunächst mit der Krise, ich würde sogar sagen: mit dem Untergang des Neoliberalismus in Folge des Bankencrashs des Jahres 2008 zusammen. Seitdem wissen wir, dass die Logik von „mehr Markt“ und „weniger Staat“ auf die Dauer nicht funktionieren kann. Und die Corona- Krise hat noch einmal ganz massiv deutlich gemacht, dass wir alle auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden sind, in Gesundheit wie Krankheit; dass wir wirklich, ob wir wollen oder nicht, in einem Boot sitzen, wenn auch in ganz unterschiedlichen Rängen und Klassen.

Genau das ist übrigens auch die eigentliche Idee des „Solidaritätsprinzips“, von dem die katholische Soziallehre spricht. Solidarität meint hier nicht einfach eine individuelle Tugend von Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit, sondern gerade die unentrinnbare soziale Tatsache der wechselseitigen Verstrickungs- und Abhängigkeitsverhältnisse, in denen sich jeder von uns befindet. Und diese Idee einer – wenn man so will: nicht nur moralischen, sondern vor allem auch sozialwissenschaftlichen – Solidarität könnten die Christen viel stärker in das gesellschaftliche Bewusstsein einbringen.

In seiner neuen Enzyklika hat Papst Franziskus jedoch darauf hingewiesen, dass die Welt die Chance nach dem Bankencrash 2008 nicht genutzt und quasi den Weg des Neoliberalismus fortgesetzt hat. Die Covid-19-Pandemie hat wieder eine neue Situation geschaffen, worauf Sie hinweisen. Würden Sie sagen, dass die Pandemie unsere Art zu wirtschaften und miteinander zu leben, revolutionieren könnte? Oder macht nicht eine durch die Pandemie geförderte Digitalisierung, bei der jeder in seinem Homeoffice sitzt und im Internet per Klick einkauft, eine leibhaftige Solidarität mit den Mitmenschen sowie Beziehungen zur Schöpfung teilweise wieder zunichte?

Ja, das ist eine sehr wichtige Frage. In der Tat könnte es so kommen, dass wir in Zukunft noch viel einsamer und isolierter leben werden als jetzt schon. Zugleich merken wir aber viel intensiver als sonst, wie sehr wir soziale, gesellige Wesen sind, die nicht alleine leben und arbeiten können und wollen. Dass sich zurzeit gerade am Motiv des „gemeinsamen Feierns“ der größte Widerstand gegen die geltenden Corona-Regeln entzündet, macht dies deutlich. Wir sind wohl gut beraten, hier nicht einfach ein oberflächliches, feierwütiges „Party-Volk“ am Werk zu sehen, sondern anzuerkennen, wie sehr Menschen die Erfahrung auch größerer sozialer Gemeinschaften brauchen, um seelisch und emotional nicht zu verkümmern. Dieses Bedürfnis müssen wir unbedingt ernst nehmen. Andererseits lernen wir jetzt aber auch, dass unsere Wirtschaft zum Beispiel mit deutlich weniger Straßen- und Flugverkehr auskommen kann und dass es auch ohne das alte Wachstums-Mantra des „Schneller, höher, weiter“ geht.

Die Pandemie könnte den Einstieg erleichtern in eine Wirtschaftsweise, in der es nicht mehr darum geht, möglichst viele Dinge möglichst billig zu produzieren und zu konsumieren. Eine nachhaltige und für Umwelt und Mitmenschen sensible Lebensform, in der „soziale Lebenszeit“ haben wichtiger ist als materielle Dinge anzuhäufen, könnte durch Corona dauerhaft befeuert werden; auch dann noch, wenn hoffentlich bald genügend Impfstoffe zur Verfügung stehen, um die jetzt so sehr beschränkten sozialen Kontakte wieder ungehindert zu ermöglichen.

Jedenfalls könnte die aktuelle Corona-Krise einmal in die Geschichte eingehen als eine wichtige Etappe auf dem Weg zu einer nachhaltigen, ressourcenschonenden Wirtschaftsweise, die unsere Welt und unser Klima so dringend brauchen.

Interview: Anja Weiffen

 

Zur Sache: Anders wirtschaften

Geräte reparieren, Kleider wieder flott machen, selbst Gemüse und Obst anbauen. Das sind Möglichkeiten, mit den Gütern dieser Erde behutsamer als heute üblich umzugehen. Auch Katholiken üben sich darin. Drei Beispiele aus der Region:

Hier werden Äpfel in eine Fruchtmühle gegeben.
Hier werden Äpfel in
eine Fruchtmühle gegeben.

Gemeinschaftsgarten in Worms: Zucchini, Auberginen, Tomaten, Salat, Bohnen wachsen auf dem Gelände des Wormser Gemeinschaftsgartens. 2015 haben der Caritasverband Worms, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und das katholische Dekanat den Gemeinschaftsgarten aus der Taufe gehoben. Alle, die sich in der „Nutzgartengruppe“ engagieren, organisieren alle notwendigen Arbeiten übers Jahr selbst, von Aussaat bis Ernte, und teilen sich die Erträge. Überschüsse werden verteilt. Bei Festen und Treffen wird das selbst Angebaute auch gerne verarbeitet. Auf dem rund 3500 Quadratmeter großen Gelände in einem Landschafsschutzgebiet am Stadtrand von Worms gibt es außer dem Nutzgarten eine kleine Gemeinschaftsgartenimkerei. Zudem wird der Garten von verschiedenen Vereinen, Gruppen und Einrichtungen genutzt. Der BDKJ organisiert seit Jahren dort Ferienspiel-Angebote für Kinder. Auch Gottesdienste werden dort gefeiert. (wei)

Repair-Café im Mehrgenerationenhaus Wetzlar: Der Saum im Mantel der Tochter ist kaputt, der Sohn hat sich beim Spielen ein Loch in die Jeans gerissen, und an der Lieblingsjeans fehlt der Knopf? Im Repair-Café der Caritas im Mehrgenerationenhaus in Wetzlar helfen jeden ersten Donnerstag im Monat Ehrenamtliche für zwei Stunden kostenlos bei vielen Reparaturen. Materialien wie Wolle, Knöpfe, Stricknadeln oder Stoffe sowie Nähmaschinen sind vorhanden, können aber auch mitgebracht werden. Damit werden die Umwelt und der Geldbeutel geschont.
„Indem wir Werbung fürs Reparieren machen, möchten wir zur Reduzierung des Müllbergs beitragen“, erzählt Marion Stroh vom Caritasverband Wetzlar/Lahn-Dill-Eder, die das Projekt begleitet. „In Deutschland werfen wir unfassbar viel weg. Auch Gegenstände, denen fast nichts fehlt und die nach einer einfachen Reparatur wieder zu gebrauchen wären“, erläutert Stroh. Gemeinsam mit der Anzieh-Ecke, dem Second-Hand-Laden der Caritas, wurde ein so genanntes Upcycling-Projekt ins Leben gerufen: Aus alten Jeans werden Taschen genäht, aus alten  Shirts, Hemden oder Kleidern Anziehsachen für Kleinkinder oder Turnbeutel gefertigt. (kai)

Kontakt: Mehrgenerationenhaus, Hohe Straße 13, 35576 Wetzlar, Telefon: 06441/5674353

Caritas-Projekt „Wir jungen Alten“ in Kassel:

Spielzeug für Kinder selbst
gebastelt: ein „Katamaran“ aus
einem alten Skateboard und
Plastikflaschen

Kreativ geht es zu in der Frankfurter Straße 207 in Kassel. In dem Haus ist das Caritas-Projekt „Wir jungen Alten“ untergebracht. Das kreative Tun geschieht durch Frauen mit Stoffen und Nadeln, aber auch durch Männer in der Holzwerkstatt. Mit ihren Kissen in Herzform tun die Frauen Gutes. Denn die Kissen sind für Frauen, die mit der Diagnose Brustkrebs im St.-Elisabeth-Krankenhaus in Behandlung sind. „Dazu werden auch Stoffe verwendet, die bei uns abgegeben werden. Oberste Priorität hat allerdings die Stoffqualität“, betont Leiterin Patricia Deisel zu dieser Form des Up-Cyclings. Außerdem werden Täschchen für die Patientinnen genäht, in denen sie wichtige Dinge bei einem Krankenhausaufenthalt bei sich haben können.
Die jüngeren und älteren Männer reparieren und renovieren bei „Wir jungen Alten“ Möbelstücke. Angeleitet werden sie dabei von einem Schreiner. Bisher waren die ehrenamtlichen Helfer in vier Gruppen aufgeteilt, die sich einmal wöchentlich trafen. Coronabedingt wurden die Gruppen geteilt und die Einzelnen können nur noch alle zwei Wochen kommen. Aber die „jungen Alten“ bleiben nicht nur unter sich. Bei einer Kinderferienfreizeit wurden in der Werkstatt kleine Katamarane (Segelboote mit zwei schmalen Rümpfen) gebastelt. Hergestellt wurden sie aus alten Skate-Boards – ohne die Rollen – und 1,5-Liter-Plastikflaschen. (st)