09.04.2019

Bible Art Journaling

Oh Gott! Geht gar nicht? Geht prima!

Wenn das Buch der Bücher zum Tagebuch wird, wenn zum Wort Gottes die Ideen und die Kreativität der Menschen hinzukommen – dann nennt man das Bible Art Journaling. Erfahrungen aus Birkenau im Odenwald mit einer besonderen Art des Zugangs zur Bibel. Von Thomas Zelinger.

Mit Gottes Wort durchs Leben: Beim späteren Blättern im „Bibeltagebuch“ wird man Entwicklungen und Veränderungen ausmachen. Foto: Thomas Zelinger
Kleine Kunstwerke. Doch niemand muss ein Künstler sein, um Bible Art Journaling zu betreiben.

Bible heißt Bibel, im Deutschen wie im Englisch-Amerikanischen sehr ähnlich geschrieben, nur ein bisschen anders ausgesprochen. Art heißt ins Deutsche übersetzt Kunst. Und Journaling ist eine moderne Form oder auch Abwandlung des Tagebuchführens. Nur, wie lässt sich der Begriff „Bible Art Journaling“ am besten übersetzen? Eigentlich gar nicht. Ein wirklich griffiges Pendant gibt es im Deutschen nicht. Und Barbara Huth- Owietzka und Vera Behse wissen auch keine so rechte Antwort.

Egal. Es muss ja nicht alles eingedeutscht werden. Wichtiger und interessanter ist, was dahinter steht. Barbara Huth-Owietzka und Vera Behse sind begeistert, wenn sie von Bible Art Journaling reden und zeigen, welche Wege und Türen der künstlerische Umgang mit der Bibel, das kreative Arbeiten in dem Buch – das nämlich ist die Idee hinter den drei Worten – eröffnet: Eine spannende Reise zu einer vergleichsweise neuen Form der Bibelbetrachtung und einer sehr persönlichen Bibelarbeit.

Ein ganz anderer Umgang mit der Bibel

Natürlich haben theologische Vorlesungen ihren Reiz, um in die Tiefe biblischer Texte einzutauchen, sind Bibelkreise eine wunderbare Möglichkeit, im Dialog mit anderen in die Bibel zu finden, können gute Predigten interessante Sichtweisen erschließen. Und auch das stille Lesen eröffnet Perspektiven. Bible Art Journaling ist so ganz anders. Es ist ein höchst kreativer und dabei inspirierender Umgang mit dem Buch der Bücher. Für Kinder wie für Jugendliche und Erwachsene. Barbara Huth-Owietzka und Vera Behse bieten in Birkenau im Odenwald Nachmittage an, an denen Menschen zusammenkommen, Passagen aus der Bibel lesen, hören, sich auf die Worte einlassen, in sich hineinlauschen, um dann die Texte in der Bibel, und zwar im Wortsinn „in“ der Bibel, direktemang im Buch, künstlerisch zu gestalten.

Mit Gottes Wort durchs Leben: Beim späteren Blättern im „Bibeltagebuch“ wird man Entwicklungen und Veränderungen ausmachen. Foto: Thomas Zelinger

Künstler muss hier aber niemand sein. Einzig sich einlassen auf die Texte und den Mut oder besser die Lust haben, kreativ zu werden, sind Voraussetzungen. Es sind spezielle Bibeln, mit denen bei Bible Art Journaling gearbeitet wird. Das Papier ist fest, und rund um den Text findet sich viel Weißraum, ausreichend Platz zum Malen, zum Bekleben. Und das kann ebenso gegenständlich wie abstrakt sein. So wie es dem Kunstschaffenden beliebt, wie es ihm in diesem Moment, in dem er sich mit eben dieser Bibelstelle auseinandersetzt, in den Sinn kommt. Wer keine solch spezielle Bibel hat, der kann mit Ausdrucken der Texte arbeiten, Barbara Huth-Owietzka und Vera Behse legen sie bereit.

Begeisterte Kinder, begeisterte Erwachsene

Beim Malen und Basteln kommen die Teilnehmer am Bible Art Journaling wie von selbst ins Gespräch. Foto: Thomas Zelinger
Beim Malen und Basteln kommen die Teilnehmer am Bible Art Journaling wie von selbst ins Gespräch. Foto: Thomas Zelinger

An einem Nachmittag, draußen scheint die Sonne und ihre Strahlen fallen hell durch die Fenster des Pfarrheims, sind in der ersten Runde mehrere Kinder beisammen. Später folgen Erwachsene. Schon die Kinder sind begeistert. Sophie, Teenager, gibt Antwort auf die Frage, warum rund um die Texte die Kunstentsteht. „Weil der Text das Wichtigste ist“, sagt sie. Wer sich auf Bible Art Journaling einlässt, liebt es, zu gestalten, Künstlerisches zu schaffen. Oder aber er entdeckt hier seine kreative Ader, findet einen eigenen Zugang. Es gibt keine Vorgaben, das Selbstmachen hat seinen besonderen Reiz, lässt Freiräume. Und, so heißt es, über einen Bibeltext zu reden, sei viel schwieriger als zu malen.

Das Buch wird durch die kreative Gestaltung zur sehr persönlichen Bibel. Das Gespräch über die Texte ist damit aber nicht außen vor. Im Gegenteil. Es kommt, das zeigt sich bei den Kindern wie bei den Erwachsenen, beim Malen und Basteln wie von selbst. Und spätestens bei der Abschlussrunde finden Kunst und Text in einem ungezwungenen Austausch über das Entstandene zusammen.

Überschaubare Teilnehmerzahl fördert den Dialog

Natürlich sollte der Kreis derer, die da zusammenkommen, überschaubar sein. Barbara Huth-Owietzka und Vera Behse haben Bible Art Journaling anfangs mit 14 Firmlingen gemacht, „das war die oberste Grenze“, sagen sie. Ein Dutzend Kinder und Jugendliche sollte eigentlich eine magische Marke sein. Und auch in den Runden der Erwachsenen bietet sich an, im überschaubaren Rahmen zu bleiben. Das fördert den Dialog.

Kennengelernt haben die beiden die Idee bei einer ökumenischen Veranstaltung, die als Verwöhnprogramm für Frauen mit Raum für Gott angelegt war. Es gab verschiedene Stationen, die Zugang zum Thema boten – Bible Art Journaling war einer davon. Petra Enßle war dort zugegen. Sie hatte ihre persönliche Bibel dabei, dick und voller kleiner Kunstwerke, erzählen Barbara Huth-Owietzka und Vera Behse. Enßle erklärte, zeigte, wie Bible Art Journaling funktioniert. Kreatives am Rand, Kreatives über den Buchstaben, den Zeilen, den Texten, alles ist erlaubt. Damit hatten die beiden Frauen aus Birkenau erst einmal ein riesiges Problem. „Wir sind Lehrerinnen. In einem Buch rumschreiben, das geht gar nicht“, sagen sie schmunzelnd. Und hier ging es nicht nur um Randnotizen. Basteln, kleben, malen sollte nicht nur erlaubt sein, sondern war ausdrücklich erwünscht. Oh Gott! Doch die beiden Lehrerinnen nahmen schnell die Hemmschwelle. Begeisterung machte sich breit.

Und mit dieser Begeisterung brachte das Duo die Idee in der heimischen Odenwaldgemeinde ein. Die Gremien gaben ihren Segen – der Weg fürs Bible Art Journaling in Birkenau war geebnet. Petra Enßle kam, gab einen Einsteiger- Workshop für Kinder und für Erwachsene. Das Projekt, ökumenisch angelegt und ökumenisch gelebt, entwickelte sich.

Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort ...

Bleibt noch eine Frage: Warum der Begriff Journaling? Die Antwort: Weil es der Gedanke des Moments, die Empfindung des Augenblicks, die persönliche Tagesverfassung sind, die sich hier im Gestalten, im Kunstschaffen niederschlagen. Das zeigt der Besuch in Birkenau, das bestätigen die Gespräche. Beim späteren Blättern in dem Buch kann dies ebenso interessant sein wie zum Zeitpunkt des Entstehens. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Tag, wenn die eigene Verfassung eine andere ist, können ganz andere Bilder und Werke rund um und über den Texten entstehen. Auch das macht Bible Art Journaling so reizvoll – es inspiriert und lädt zur Reflexion ein.