18.01.2022

Pro und Contra

Olympia – gucken oder nicht gucken?

„Boykott!“ – So hallt es derzeit übers diplomatische Parkett. Sollen die demokratischen Staaten dieser Erde darauf verzichten, eine Delegation zu den Olympischen Winterspielen im Februar nach Peking zu schicken? Wie halten wir selbst es mit Protest? Müssen wir auf das Anschauen der Übertragung der Spiele im Fernsehen verzichten? Ein Pro und Contra von Heike Kaiser und Johannes Becher.

PRO
Es geht um viel mehr als „nur“ um Medaillen, wenn sich die weltweit besten Wintersportler zu den Olympischen Spielen in Peking treffen. Die stehen unter keinen guten Vorzeichen: Viele westliche Länder – unter anderem die USA, Großbritannien und Australien – boykottieren das sportliche Großereignis politisch. Denn China steht seit Langem wegen Menschenrechtsverletzungen im Umgang mit Uiguren und Tibetern, wegen der Unterdrückung der Demokratiebewegung in Hongkong und wegen Drohungen gegen Taiwan im Fokus der Weltpolitik.
Was hat das mit Sport zu tun? Muss der nicht politisch neutral sein? Ich finde: Nicht, wenn er von einer Diktatur als Propagandashow missbraucht wird. Nicht, wenn China die Olympischen Spiele dazu nutzt, um ein glanzvolles, verlogenes Image in die ganze Welt zu übermitteln. Nicht, wenn zu befürchten ist, dass die Rede- und Meinungsfreiheit von Sportlern nicht geschützt werden kann – falls sie den Mut haben sollten, sich kritisch zu äußern.
Sämtlichen Boykottaufrufen,  aller Kritik zum Trotz gibt es natürlich auch die, die von dem sportlichen Großereignis profitieren. Neben China unter anderem Sponsoren, zum Beispiel der deutsche Allianz-Konzern. Experten gehen davon aus, dass ein politischer Boykott kaum wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen wird. Denn Inves-toren wollen eine „wichtige Kundschaft“ nicht verprellen: „Wer in China Geld verdienen will, schweigt besser“, sagt Markus Taube, Experte für Ostasienwirtschaft.
Das trifft auf mich nicht zu. Weder das mit dem Geldverdienen in China noch das mit dem Schweigen. Deswegen trete ich meinen persönlichen Boykott an: Während der Olympischen Spiele bleibt mein Fernseher aus. Zumindest dann, wenn Sportübertragungen aus Peking gezeigt werden. Viel Mut braucht es dafür nicht, und es wird an der Situation nichts ändern. Aber ich fühle mich dabei einfach besser.

Heike Kaiser, Redakteurin

CONTRA
Ich erinnere mich an meinen ersten Boykott: keine Bananen! Aus Protest gegen die Konzerne, die auf den Philippinen die Menschen bei der Arbeit auf den Feldern mit Gift besprühten. Mein entwicklungspolitischer Arbeitskreis wollte ein Zeichen setzen. Mein Vater hat dann doppelt so viele Bananen gegessen. Sein Argument: Sonst verlieren die Menschen dort auch noch diese Arbeitsmöglichkeit und hungern richtig.
Cui bono? Wem nützt er, ein Boykott? Das ist stets und immer die Frage. Im 19. Jahrhundert, als der Begriff sich eingebürgert hat, war das vielleicht noch einfacher zu beantworten. Die „Lieferketten“ waren längst nicht so international, das Verhältnis Verkäufer – Kunde direkter. Denn daher kommt ja der Name „Boykott“: Von jenem irischen Gutsverwalter Charles Boycott, der seine Angestellten so schlecht behandelte, dass niemand mehr für ihn arbeiten wollte. Und keiner kaufte bei ihm oder verkaufte ihm etwas. Der Boykott war geboren.
Heute indes ist das längst nicht mehr so einfach zu sagen, wem es nützt. Ja, vielleicht in jedem Fall dem eigenen Gewissen. Das ist nicht wenig. „Wenn du aber lau bist, so will ich dich ausspeien“, so heißt es in der Bibel. Klare Ansage: Politisch korrekt vom festen Haarwaschmittel ohne Plastik am Morgen bis zum fair gehandelten Gute-Nacht-Tee. Konsequent.
Wenn es aber verbiestert dogmatisch wird, dann geht damit auch die Freude aus dem Tag. Und: An meinem Wesen wird die Welt nicht genesen. Das heißt nicht, dass ich einer Alles-egal-Haltung das Wort rede. Nein: Wir sind politisch in all unserem Denken und Tun.
Natürlich wäre es besser, es gäbe keine sportlichen Großereignisse in Diktaturen – ganz gleich, ob Olympische Spiele in China oder Fußball-WM in Katar. Trotzdem möchte ich mir die Freude am schönen Spiel, am spannenden Wettkampf nicht vergällen lassen.
Deshalb: Ich werde mir so viel wie möglich von Olympia im Fernsehen anschauen. Und ich werde trotzdem sagen und schreiben, dass das IOC falsch entscheidet, wenn sich seine Funktionäre mit Diktatoren im Glanz der Ringe feiern lassen.

Johannes Becher, Redaktionsleiter